Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

Organ öes Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen 
9* Februar *92^ 
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57, Jahrgang 
Inhalt: Müller, Zeit- und BerufsgedanKen 5. 21. Eingabe betr. Ober. 
Klassenlehrerinnen 5. 21. Löbmann, Sprechtechnik im Unterricht S. 22 
aus der Zeit: Beamtenabdau. B. L. R. Trier. Flüchtlingslehrerverband. 
Schulabbau in Württemberg. Amtlickes: Dohlfahrtspflegerinnen. Neben- 
amtl. Unterricht an Berufsschulen. Abbau der verh. Lehrerinnen, Aus 
unserem Verein: 3ns Leven hinaus Verein-beitrag. Standeskaritas. 
Marienheim. Landlehrerinnen. Kursus Pyrmont. Laden. Ostpreußen. Sachsen. 
Bezirks« und Zweigvereine. Merktafel, vücherbesprechungen. 
Zeit- und verusrgedanlen 
zum dankbaren Gedächtnis an pauline Werber. 
von Maria Müller. Trier. 
Katholischer Geist. 
Ver nie versagende Reichtum der Kath. Kirche offenbart sich nicht 
an letzter Stelle in den vielfältigen verwirklichungssormen durch den 
einzelnen Christen: kindlich naive Frömmigkeit hat Raum neben 
einem Leben aus der tiefsten dogmatisch-philosophischen Spekulation; 
Kontemplative Versunkenheit ist ebenso berechtigt wie hochgespannte 
religiöse Aktivität; nüchterne Erfüllung der Gottes- und Kirchen 
gebots bewahrt ihren wert neben mystischer Entrücktheit. 
Für die Deutung einer Persönlichkeit wie pauline herber ist die 
Art. wie sich ihre kath. Gesinnung ausprägte/ jedenfalls richtung 
gebend. Ihrem tiefbohrenden Geiste, der dem Wesen der Dinge 
nahezukommen suchte, entsprach auch der innere Drang, zu den 
Quellen der religiösen Wahrheit vorzudringen. Einer gedanklichen 
Vertiefung in religiöse Fragen blieb sie bis zum Ende ihres Lebens 
treu. Kus dieser Wertschätzung positiver religiöser Kenntnisse heraus 
stellte pauline herber an die Lehrpläne für den Religionsunterricht 
auf höheren Mädchenschulen höchste Anforderungen. So heißt es in 
ihrem Artikel über „Höherbildung und Erziehung der weiblichen 
Zagend" in dem Sammelwerke „Deutschland und der Katholizismus" 
l. Bü.: „Die deutsche Frau kann nicht genug Klarheit hinsichtlich 
der religiösen Wahrheiten haben, sie kann dem Göttlichen nicht 
nahe genug kommen, nicht tief genug religiös sein. Die Rück 
eroberung der gebildeten Stände für Glauben und Kirche liegt vor 
zugsweise bei ihr." Dar nicht geringe wissen pauline Herders war 
belebt und durchglüht von einer religiösen Wärme, die als charakte 
ristisches Fluidum ihrer Persönlichkeit auf jeden ausstrahlte, der 
dafür empfänglich war. Sie hatte eben den angeborenen Zug zu 
einer höheren Welt. Das Sehnen ihrer idealistischen Seele trug sie 
nicht selten in Regionen, wo das wissen verblaßt und das ehr 
fürchtige Staunen beginnt. Es gehörte vielleicht zu ihren geheimsten 
Leiden, wenn ihre zu religiöser Erhebung befähigte Seele die Bande 
des Irdischen belonders stark fühlte, oder wenn die dunkle Wolke 
der Gottverlassenheit ihre Innenwelt überschattete. 
Rber diese seiten fühlbarer Gottesferne, die auch der frommsten 
tlatur nrcht erspart bleiben, konnten sie nicht irre machen. Dazu 
wurzele sie zu stark in dem Mutterboden der Kirche. Ein ehr- 
fürchtiges sentiro cum ecclesia, ein treues Festhalten an ihren 
Weisungen auch dann, wenn rationalistische Kritik innerhalb der 
Kirche die Gemüter beunruhigte, ein ganz inniges Mitleben mit den 
Leidens- und Freudenzeiten des Kirchenjahres, ein überaus zartes 
katholisches Gewissen — dies alles gab der religiösen Eigenart von 
Pauline herber eine besondere Kote, Aber weil sie mit ihrem 
ganzen Zein so tief eingesenkt war in die mystische Gemeinschaft 
der heiligen, weil sie die wunderbare organische Einheit erlebte, 
die gleichsam Himmel und Erde umspannt, darum war ihre strenge 
Kirchlichkeit frei von jeder Engherzigkeit, von jeder verletzenden 
Ausschließlichkeit Andersdenkenden und Andersgläubigen gegenüber. 
Katholisch war für pauline herber gleichbedeutend mit allseitiger 
Aufgeschlossenheit mit dem Geiste des Fortschrittes, aber auch mit 
verstehender Milde allen Schwachen, Kranken, Irrenden gegenüber. 
In der katholischen Atmosphäre, die pauline herber umwehte, fühlten 
sich alle wohl: kindlich Gläubige wie Zweifler, Menschen einer festen 
Weltanschauung wie Suchende, Fertige wie Ringende. 
wie bitter not tun heute unsrer Zeit solche Frauen, solche 
Lehrerinnen, solche Führerinnen, die an sich selbst christliche höchst« 
forderungen stellen und doch in Milde und verstehen sich allen 
Schwachen und hilflosen neigen, die ihren Blick hinlenken zu den 
erhabenen höhen der Wahrheit und die doch mutig auf dieser Erde 
stehen und diese Wirklichkeit lieben und gestalten, die ganz in Gott 
ruhen und doch Welt und Menschen geöffnet sind! 
Eingabe betr. Gberttasfenkhrerinnen. 
Vezirksvereinen und Städten, in denen die Mädchenoberklassen 
in der Hand von Lehrern sind, wird empfohlen, eine Eingabe an 
die Stadtschuldeputationen einzureichen. Die Geschäftsstelle ist 
für Mitteilung über Erfolg oder Nichterfolg dankbar, ver folgende 
Wortlaut, nach den örtlichen Verhältnissen umgearbeitet, kann zweck- 
mäßig verwendet werden. 
An die Stadtschuldeputation der Stadt 
Die Lehrerinnenvereine der Siadt richten an die Stadlschul« 
deputation eine doppelte Bitte betreffs der Unterrichts» und Trziehungs- 
arbeit an der Mädchenoberklasse der Volksschule: 
1. Vas Ordinariat an diesen Klassen möge in die Hände von erfahrenen 
Lehrerinnen gelegt werden, 
2. ' die Vertretungen, die an solchen noch von Lehrern geführten Klassen 
notwendig sind, mögen nicht Lehrern, sondern Lehrerinnen übertragen 
werden. 
Begründung: 
3u I. Entgegen der in anderen Städten herrschenden Gepflogenheit, 
die Mädchenoberklasse weiblichen Lehrkräften zu übertragen, bildet in 
die Lekrerin an der Oberstufe an den Volksschulen eure Ausnahme. Die 
erziehlichen Aufgaben an unserer weiblichen Jugend aber lassen einen 
stärkeren Einfluß der Lehrerin an den Mädchenichulen überhaupt, ,ns- 
besondere aber auf der Oberstufe, als dringend erwünscht erfcheinen. Ver 
Min.-Erlaß vom 13. 6. 16, der die Durchsetzung der Volksschullehrerschaft 
mit Lehrerinnen regelt, sag» zu dielem Punkte wörtlich: „ver der Erziehung 
der weiblichen fugend in den Volksschulen kommt neben dem vorhandenen, 
auch fernerhin unentbehrlichen männlichen Einfluß der der Frau vielerorts 
noch nicht oder ausreichend zur Geltung, obwohl dieser namentlich für die 
älteren Schuljahrgänge der Mädchen dringend erwünscht und auch für deren 
spätere Überleitung in ciffe geordnete Jugendpflege sehr w llkommen ist." 
3n unserer Zeit dürfte die Pflege echter Iveidlichkeit bet unserer heran« 
wachsenden weiblichen Jugend, die Deckung häuslichen Sinnes, die Ge« 
wöhnung an weibliche Snt>amkeit und Eingezogenheit, in Schule und 
Jugendpflege notwendiger sein denn je, hat doch durch den Krieg und die 
Nachkriegszeit gerade das we.bliche Geschlecht außerordentlich gelitten. Den 
Müttern unseres Volkes fehlt es auch heute noch vielfach an Zeit und 
Kraft, der Erziehung ihrer Töchter gerecht zu werden. Die soz alen Be 
dürfnisse unserer Zeit rufen gebieterisch nach geistigen Müttern, dre sich der 
Schuljugend wie der sckulenilassenen Jugend in liebevoller Fürsorge an« 
nehmen. Zu dieser tjilfe sind die Lehrerinnen in erster Linie berufen. 
Notwendig aber zur Ausübung eines solchen erziehlichen Einflusses ist es, 
daß vor der Schulentlassung ein Vertrauensverhältnis grundgeleat wird. 
Die Stadt hat durch Z ulammenlegung von Knaben« und Mädchenschulen
	        
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