Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

Mit monatlicher Beilage „Die Junge Lehrerin". 
Nr. 28 57. Jahrgang Paderborn, 26. Juli I92-I 
Inhalt: Rengier, Probleme der Jugendbewegung (Forts.) 5. 241. Lüke, 
Landarbeit und Hauswirtschaft in der zukünftigen Lehrerinnenbildung 5. 24Z. 
Meinungsaustausch: Ruf zur Tat. Individualität der Rinder. Altere 
Rollegin. 5lus der Seit: Deutsches Institut in Münster. Rerschensteiner. 
Unser Lesebuch. Zeitdauer der Grundschule. Unterrichtsbeirat. Amtliches: 
Abfindungssumme im besetzten Gebiet. Aus unserem Verein: Bestellgeld. 
Die 2. Vorsitzende. 90jähriges Mitglied. Marienheim Boppard., Sitzung 
der Gewerbelehrerinnen. Rursur Pyrmont. Trier. Geschäftsordnung. 
Bezirks- und Zweigvereine. Merktafel. Bücherbesprechungen. 
Probleme der Zugendbewegung. 
von Paula Rengier, Berlin. 
(Fortsetzung statt Schluß.) 
Elternhaus und Schule. 
Aus Eltern- und Erzieherkreisen sind unserer freiheitsdurstigen, 
wanderlustigen Jugend vielerlei Anfechtungen geworden, als ob sie 
vor Betonung der Eigenständigkeit die Nächstliegenden Pflichten ver 
säume, als ob sie in überschäumendem Selbstgefühl sich nur Menschen 
beugen könne, die „unter der Autorität des Geistes stehen", als sei 
Unterwerfung unbedingte Knechtung. (Freideutsche.) Die Freideutsche 
Schule stellte sich auf diesen Standpunkt. Nachdem wir die Stellung 
unserer katholischen Jugendbewegung zur Autorität im all 
gemeinen, zur Rirche im besonderen gesehen haben, ist uns 
klar, daß in dieser Jugend von einer derartigen Protesteinstellung 
gegen Elternhaus und Schule keine Rede sein kann, wenn wir mit 
dem Gehorsam warten wollen, bis alle unsere Vorgesetzten „würdig" 
oder „geistig" sind, dann löst doch solche Stellungnahme jede mensch 
liche Gesellschaft auf, denn die wenigsten Vertreter bestimmter äußerer 
Ordnungen stehen „unter der Autorität des Geistes". Line Syn 
these zwischen dem „Sch" und der Umgebung (Schule, Haus) muß 
gefunden werden. — Fest bleibt, daß durch häufiges Abwesendsein 
an Nestabenden und „bei dringlichen Zusammenkünften" — durch 
Fahrten Familien- und Schulordnung leicht gestört wird, daß ein zu 
ausgesprochenes Selbstbewußtsein Ordnung und Zucht hemmen, daß 
„Bewegungsinteressen" den Schul- und Studieninteressen vorangehen, 
Laß Rücksichtslosigkeit und Unduldsamkeit sich geltend machen, daß 
ron einer wirklichen Selbstzucht nichts zu bemerken ist. 
Elternhaus und Familie. 
Die Familie ist leider ^u oft keine Arbeitsgemeinschaft mehr, 
womit die selbstverständliche Unterordnung der Heranwachsenden unter 
Len „Arbeitsleiter" aufhört. Rlit dem Zurücktreten des religiösen 
Einflusses verlor das Pietätsverhältnis seine religiöse weihe und Un 
antastbarkeit. Besonders stark wirkten bei der Jugendbewegung die 
pietätsfeindlichen Theorien Blühers und wynekens. Strenge Kritik 
itmr&c an die Eltern gelegt und ernste Gegenmaßnahmen derselben 
als Mißbrauch äußerer Gewalt empfunden. Dazu kam. daß die 
Jugendbewegung dem Leben neuen Inhalt geben wollte und das 
-traute Beisammensein daheim als zwecklose Zeitvergeudung ansah. 
So sprengte sich die Familie auseinander, die Einzelglieder suchten 
sich einen neuen Mittelpunkt im Rreise der Altersgenoflen. Durch 
Verspottung der jugendlichen Ideen entfremdeten Eltern und Rinder 
immer mehr. 
Freideutsche Jugend 1916: „Für uns besteht die Pflicht, auch 
unsererseits den Eltern gerecht zu werden, wo wir ernstlich diese 
Pflicht zu erfüllen suchen, wird es in dm meisten Fällen gelingen, 
uns von der Bitterkeit fernzuhalten, die oft den Glauben an wert 
schaffende Liebe und Treue tötet." 
Oft hat sich die jugendbewegte Schar mit diesen Gewissensfragen 
beschäftigt. Ouickborn h. II, 1922: „wir müssen bestrebt sein, 
der Familie nicht fremd zu werden . . . Was hat es denn für einen 
wert, wenn wir in der Gruppe von Liebe reden und uns vertragen, 
daheim aber mit den Geschwistern in Hader und Zwietracht leben? 
wenn wir einander gern helfen, den Eltern aber nur widerwillig 
den kleinsten Dienst leisten?" Stimmen der Jugend h. V, 1922: 
„Jeder junge Mensch, der es ernsthaft versucht, auch in dieser Lebens 
zeit mit seinen Eltern geistig-seelisch verbunden zu bleiben, hat eine 
schwere Aufgabe. Es kostet manches Beugen und Stillsein, manches 
warten auf endliches verstehen, manches harte Abwägen zwischen 
den gärenden Gedanken der Jugend und den Anschauungen der 
Alten, um innerlich nicht Vater und Mutter zu verlieren." 
Niemand kann und darf von tiefer Gottes- und Nächstenliebe 
reden, wenn Dulden und Überwinden daheim nicht geübt werden, 
pfingstfeuer h. I, 21: „Bruch ist freilich leichter und lockt unseren 
Stolz, unser Unabhängigkeitsverlangen, kommt uns wie ein herrliches 
Opfer vor. Da reden wir uns gerne ein, es sei Gottes wegen und 
eine Heldentat, was vielleicht nur Selbstsucht oder Schwäche, Waffen 
strecken, Furcht ist. Daheim mit Energie und Liebe über alle 
Schwierigkeiten unbeirrt und treu seinen weg gehen — ist das nicht 
größer und schöner? Wir dürfen nie brechen um unseretwillen. 
Herzlosigkeit und Lieblosigkeit sind Formlosigkeit." Laßt Sonne 
herein ins eigene heim, Frohsinn und Liebe, das sei Motto unserer 
katholischen Jugendbewegung. Tatkräftiges Eingreifen und helfen 
im Elternhaus, das ist ftir sie selbstverständlich, muß es werden 
bei Menschen, die nach Selbsterziehung trachten. 
Johannisfeuer: „wie nutzten wir unsere Freistunden aus? — 
wir wollen daheim nie die Dame spielen; die Mutter soll sich bei 
unserem heimkommen freuen, denn jetzt gibt's für sie eine Feier- 
stunde! wir fassen überall an, wo die Arbeit sich bietet. . . wir 
wollen ganze, tüchtige Frauen werden. - " 
Zeigen unsere Jugendlichen diese Einstellung, dann werden sich 
leichter Gegensätze überbrücken lassen, leichter Wege zur Verständigung 
finden, wenn es auf Fahrt geht oder zu Besprechungen, dann finden 
Elternhaus und Schule tatkräftige Hilfe an der freiheitsdurstigen 
Schar, der die Autorität über dem Prinzip der Selbstver 
waltung steht, die in Erziehungsgemeinschaften und in Fühlung 
nahme mit selbsterwählten Führern den Schritt tut von kindlicher 
Gebund enheit zur Selbstverantwortung, dann werden Familien 
rücksichten genommen, wird der Familiensinn gepflegt, dann dient 
die Selbstverwaltung in der Schule einer gesunden Entwicklung, stärkt 
sie zur Selbstzucht und Verantwortlichkeit. Aus dem, was über das 
Wesen der Jugendbewegung gesagt wurde, geht hervor, daß Kon 
flikte zwischen Jugend und Schule unvermeidlich sind. 
Nach unserer Auffassung ist die Jugendzeit Vorbereitungszeit 
fürs Leben. Im Gegensatz dazu betont die Jugend, daß sie ein wert 
voller Teil des Lebens sei und will daher ihre Eigenart und 
ihren Eigenwert gepflegt haben. Im Bewußtsein dieses Eigenrechts 
stellte sie sich kritisch gegen Lehrer und Schuleinri-Htungen, empfand
	        
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