Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

Mit monakichrr keUags „Sie Junge Lehrerin". 
Nr. 2 ) 
Öi, 
Jahrgang 
Paderborn) 2. 2lngust X92^ 
Inhalt: Müller, Einige Gedanken zur Lehrerbildung 5. 249. Rengier, 
Probleme der Jugendbewegung (Schluß) S. 251. Keqede, Grob-Baden S. 255. 
Zur Wiedereröffnung unserer Unlerstützunyskosse S. 254. pädagogische 
Rundschau: Ausnahme von Rindern der städtischen u. Industriedevölkerung 
in ländlichen Familien. Meinungsaustausch: was ist in Röln geschehen 
zur Bekämpfung des Unwesens in den Strandbädern? 5. 256. Aus unserem 
Derein: Bestellgeld; Mittelschulausschrß: „Junge Lehrerin"; vom lvest- 
falenabend; Aus Baden; Geschäftsordnung. Bezirks-u. Zweigvereine. 
Merktafel, vücherbefprech ungen. 
Die nächste Nummer erscheint erst am \b. August. 
Einige Gedaitten zur §rage der Lehrerbildung. 
von Maria Müller, Trier. 
II. 
Die Frage nach der inneren Ausgestaltung der pädagogischen 
Hochschule ist engverkünpst mit der Frage nach dem Zeitumfang 
der Günstigen Lehrerbildung, wenn man an die bedeutsame Auf 
gabe des Volk-bildners denkt, möchte man einer beruflichen Vor 
bildung von mindestens drei Jahren das Wort reden. Der Weg 
über die Universität, der von einem großen Kreise der Volksschul 
lehrerschaft als der einzige gangbare betrachtet wird, beansprucht für 
die Philologen heule wenigstens vier Jahre. Allerdings handelt es 
sich beim philosophischen Studium um cir.e wissenschaftliche Vertiefung 
in zwei Hauptfächer, ohne der Nebenfächer zu gedenken, während 
es noch eine kritische Frage ist, ob in die Berufsbildung des Lehrers 
noch ein fachwifsenschafiliches Studium hineingezogen werden soll? 
Wir dürfen uns heute aber den nüchternen wirtschaftlichen Tachsachen- 
verhältnissen nicht verschließen und können unmöglich die finanzielle 
Lage des Staates außer acht laßen. Somit läßt' sich auch eine zwei 
jährige Dauer des pädagogischen Studiums in Erwägung ziehen, 
um so mehr, da die Grundlage, die heute in einer der gymnasialen 
Schulformen geschaffen wird, auch eine andere Gewähr bietet für tv r 
gründliches Berufsstudium als die bisherige Ausbildung. Dennoch 
bliebe eine nur zweijährige Dauer des pädagogischen Hochschulstudiums 
ein bedauernswertes Zugeständnis an unsere Zeitlage und dürste nur 
als Übergangsstadium betrachtet werden. Aber eine allmähliche Ent 
wicklung unter Führung der Lehrmeisterin Erfahrung hat auch einen 
Vorzug gegenüber revolutionärer Sprunghaftigkeit. 
Unter Voraussetzung einer zweijährigen Dauer der Vorbildung 
kann nun die Kernfrage nach dem wesentlichen Bildungsgehalt 
der pädagogischen Hochschule gestellt werden. Der natürliche Mittel- 
Punkt, indem für die Schule die Strahlen der Bildung sich sammeln, isl 
die Pädagogik. Sie kann nicht wie bisher ein Fach neben Fächern 
bleiben; sie ist der geistige Inhalt schlechthin, der nicht tief und 
gründlich genug ausgeschöpft werden kann. Sie ist die normierende 
Wissenschaft für die Berufsbildung der künftigen Lehrer. In der 
Hochschule kann sie ihre selbständige Existenzberechtigung neben anderen 
Wissenschaften beweisen und kann sich zugleich auch mehr und mehr 
in^ihrer Eigenart entwickeln. Die Erziehung des Menschen als 
' Der v. k. d. L. hat sich durch die Hauptversammlungen in Hamburg 
und Siutlgart für Pädagogik als Hauptfach entschieden und die Weiter 
bildung in einem wissenschaftlichen, künstlerischen oder technischen Fach als 
Nebenfach empfohlen. :-ur Rlärung dieser Frage sind weitere Meinungs 
äußerungen sehr erwünscht. . Die Schriftleitung. 
psychologisches Problem in seinen natürlichen Entwicklungsstufen: 
Kindheit, Jugendzeit, Keife und mit den Lesonderungen der beiden 
Geschlechter; die Erziehung in ihrer soziologischen Bedingtheit 
durch die Gemeinschaft: Familie, Schule, Beruf, Staat, Kirche unter 
Beachtung der gewaltigen Einflüsse sozialer Schichtung und den feineren 
Differenzierungen durch persönliche Beziehungen; die Erziehung als 
ethische Forderung, der individuellen und der sozialen, der auto- 
nomen und der Heteronomen; die Erziehung als religiöse Ange 
legenheit, als letzte und heiligste Aufgabe des von höheren Wahr 
heiten geleiteten Menschen: welch eine Fülle von Gesichtspunkten und 
Möglichkeiten! 
wenn man bei der Pädagogik von der historischen Betrachtung 
ausgeht und sie in ihrer geschichtlichen Entwicklung überschaut, den 
Einfluß der verschiedenen Volk-eigenarten, der großen Persönlichkeiten, 
der leitenden Ideen einer Zeit, der Auswertung der Kultur in päd- 
agogischen Strömungen, dann tun sich wiederum neue Weiten auf. 
Die geringe Stundenzahl für Pädagogik konnte bisher in keiner 
Weife dem Ausmaße der Geschichte der Pädagogik gerecht werden. 
Je tiefer man in diese Geschichte eindringt, desto klarer erkennt man 
den organischen Zusammenhang aller neuauftretenden pädagogischen 
Gedanken mit den philosophischen Grundansichten einer Zeit. Ls 
wird keine allzu schwere Lehrplanfrage sein, einen inneren paralle- 
lismus zu schaffen zwischen Pädagogik und Philosophie, der 
sich von der ältesten historischen Vergangenheit bis in die Gegenwart 
fortpflanzt. Ich erinnere an den Einfluß der ganz Großen: Platon. 
Augustinus, Thomas von Aquin, Leibniz, Kant, Fichte, Hegel. Aber 
ohne an philosophische Systeme und an bestimmte Persönlichkeiten 
gebunden zu sein, kann jede philosophische Denkform in pädagogisäen 
Konsequenzen münden. Es wird eine lohnende Aufgabe sein, £nc 
bisher erst in schwachen Ansätzen in Angriff genommen ist, Pädagog 
und Philosophie ineinander zu verarbeiten und die gegenseitige Be 
fruchtung aufzudecken. 
Wenn auch alles geschehen muß, um der Pädagogik in ihrem 
ganzen Umkreis wissenschaftliche höhe zu sichern, so ist doch clunio 
wesentlich, sie zu durchdringen mit der vollen LebenswirkBc-- 
keit. Wir rücken ja im Schulwesen allmählich ab von unserer 
lebensabseitigen theoretischen Art in Unterricht und Erziehung uno 
nähern uns dem, was man „Lebensschule" nennt. Soll die kom 
mende Hochschule diesen Eitel verdienen, sollen die Studierenden 
später die Kinder des deutschen Volkes bilden, dem Volke selbst zu 
einer Durchformung, zu einer inneren Einheit, zu einer Wiedergeburt 
verhelfen, dann darf das volkhaste, die Struktur des deutschen 
Volkes nicht in nebelhafter Ferne schweben, sondern muß so konkret, 
so lebenswahr, so beziehungsreich wie möglich in das Bewußtseins 
leben der werdenden Volkserzieher eingefügt werden. Der Lehrer 
wird nie eine bodenständige Arbeit leisten können, wird nie bis zur 
Volksseele vordringen, wenn er an den wirtschaftlichen Verhältnissen 
seiner Gemeinde vorbeigeht, wenn er kein Grgan hat für die 
volkswirtschaftlichen Fragen der Landwirtschaft, der Industrie, des 
Siedlung-wesens. Ebenso wichtig ist für ihn das Eindringen in 
die großen Fragen der Innenpolitik: Kapitalismus, Sozialismus, 
Mittelstandspolitik, Bodenreform u. a. Auf dieser Grundlage, die 
auf gegebenen Verhältnissen beruht, und die zugleich den Wurzel 
boden der Zukunft darstE, wird er auch Interefle gewinnen für
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.