Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

katholischen Kirchenvermögens einen bedeutenden Fortschritt gegen 
über den früheren Gesetzen. Neben dem Wegfall unnötiger Bevor 
mundung ist eine größere Geltung der katholischen Kirche in Lachen 
der kirchlichen Vermögensverwaltung und zugleich eine nicht geringe 
Entlastung der 5taatsbehörde erzielt worden. 
Unser beeheim in Konstanz. (Saden.) 
Marksteine im kath. bad. Lehrerinnenverein waren die beiden 
ersten Bugusttage, an welchen unser Traum, ein eigenes heim zu 
besitzen, verwirklicht wurde. Unseren bad. Vereinsschwestern waren 
ja die verschiedenen kjeimprojekte bekannt; Bllcnsbach und Gaien 
hofen, beide am Bodensee. Und nun hat uns die Vorsehung ein 
drittes Kaufobjekt gezeigt, das wir heute unser eigen nennen. 
Vas neue heim liegt in der schönsten Lage von Konstanz in 
der Sccstraßc und zählt 14 schöne, große, lustige Bäume. Tin 
Ziergarten mit lauschigen Plätzchen bildet den Eingang, und man hat 
schon hier den einzig schönen Bodensee mit seinen silberhellen wellen 
vor Bugen. Noch schöner ist der Blick von den wohn- und Schlaf- 
räumen, am schönsten von der großen Terrasse, die man auch zu 
Liegekuren benutzen kann. von der Nückseite aus übersieht man 
den Gemüsegarten, zu welchem ein großes Gewächshaus gehört, an 
welches sich auch ein hühnergarten anschließt. 
wer Konstanz kennt, der weiß, wieviel Schönes die nähere und 
weitere Umgebung bietet. Der See selbst ladet zum Baden und 
Gondeln ein. In allernächster Nähe, nur zehn Minuten davon kann 
man durch den Wald den beliebten Busflugsort „den Jakob" erreichen. 
Die Boote, Dampfer und auch das Dampfroß bringen uns auf die 
Mainau, die Reichenau, nach Meersburg, dem Lieblingsaufenthalte 
der Bnnette Drosle-hülshoff. nach Salem und auf den heiligcnberg. 
Buch die Schweiz, sie lockt mit ihren Bergen und Fleckchen zu kürzeren 
und längeren Busflügen. 
Und sofort können wir das schone Haus beziehen, und viele liebe 
Hände sind schon daran, alles schön und gemütlich einzurichten. 
24 ve'reinsschwestern können aufgenommen werden, vorläufig 
wird für 12 eingerichtet, 
wir dürfen uns aber nicht nur von herzen — und das mit 
Recht — über unser Seeheim freuen, wir sollen auch die Sorge mit 
tragen, welche der Vorstand, im Gedanken, seinen Mitgliedern schöne 
Fericntage bieten zu können, gern auf sich nahm. Vas Bnwesen kostet 
50 000 M, mit verschiedenen Inventarstücken, wie eingebaute Eß. 
zimmermöbel, zwei Badeeinrichtungcn, einige Schränke und Garten 
möbel, 67 500 M. 
wir konnten, dank der Gpserfreudigkeit unserer Mitglieder und. 
anderer Gönner 8000 Ji anzahlen und haben uns verpfiichtet, jeden 
Monat 400 M abzuzahlen. Darüber ist uns nicht bange, weil wir 
wissen, daß die meisten unserer Vereinsschwestern sich zu einem 
Monatsbeitrag fürs heim von 5 .4 verpflichtet haben und ihn gern 
und freudig leisten - jetzt um so mehr, da unser heim in der 
einstigen Bischofsstadt Konstanz sich befindet - und sie werden auch 
Large tragen, daß die Schuldenlast schon vor den zehn Jahren getilgt 
fein wird. wir haben noch so viele Bnteilscheine zu 16, 20 und 50 Jt, 
die ihrer Bbnehmer harren, wenn diese auch anderen Bezirksvercinen 
außer den badischen'angehören, wir würden uns herzlich darüber 
freuen. 
Eine weitere Belastung ist die Bnschaflung des nötigsten Inventars. 
Und da soll.doch jedes Mitglied einmal in seiner Haushaltung suchen, 
ab es nicht ein Stück hat, das ihm entbehrlich fein könnte, besonders 
auch Bestecke, Tisch- und Bettwäsche - letztere muß in der ersten 
Zeit von den Besucherinnen mitgebracht werden. 
Wie schön ist's da, mitzuhelfen und beizutragen, daß sich andere 
freuen und erholen können. Darum frisch und froh und gleich 
ans Werk! 3- Schott. 
pädagogische Rundschau. 
von den Pfingsttagungen der Lehrerorganisationen. 
Der katholische Lehrerverband der Deutschen Reiches tagte 
zu Hamburg, u. a. hielt Studienrat I)r. Nolle einen Vortrag über 
bas Thema: „welche Bnforderungen stellen wir an die neuen 
^ehrerbildner?" Nach diesem wurden folgende Leitsätze angenommen: 
277 
Busgangspunkt für alle Forderungen an die Lehrerbildung bildet die 
Idee der Menschenbildung. 
Bus sie gründet sich zuletzt auch die Psychologie des Lehrerberufer. 
von dieser Voraussetzung aus müssen auch die Bnforderungen her 
geleitet werden, die an die Lehrerbildnec zu stellen sind. 
versteht man unter Erziehung die Entfaltung von wertempfänglich, 
keit und wertgestaltungsfähigkeit in der Seele des Zöglings, so ergibt 
sich für den Lehrerbildner ein dreifaches Erfordernis, nämlich, daß er 
besitze: 
1. ein inneres Verhältnis zu den Gütern und werten der Kultur, 
2. Verständnis für die Seele der Jugend wie des Volkes, 
3. die pädagogische Fähigkeit, die Seele für werte empfänglich zu 
machen und ihre eigene Fähigkeit zur Gestaltung von werten 
anzuregen. 
1. Die obsektiven werte der Kultur müssen in den Lchrerbildnern 
(d. h. in der Gesamtheit derselben, in dem einzelnen nach Maßgabe seiner 
individuellen Wertgerichtetheit) in dem ganzen Umfange lebendig sein, in 
dem sie für die Bildung der Jugend und des Volkes erforderlich sind: 
neben der Wissenschaft auch Kunst, Technik, Sittlichkeit und Religion. Dieser 
persönliche Bnteil an dem Kulturbesitz der Gesamtheit darf nicht bloßes 
Fachfpezialistcntum sein, sondern Stoffbeherrschung und Sachbesitz müssen in 
dem Lehrerbildner zu einem inneren Durchdrungensein und lebendigen 
Ersülltsein mit werten gesteigert sein. 
Bus der Gesamtheit der Kulturwerte müssen die tehrerbildncr diejenigen 
besonders herausheben, die für die geistige Entwicklung des werdenden 
Menschen fördernde Kräfte darstellen, die also einen lebendigen vildungs- 
wert besitzen. 
Die Sachwelt der Kulturwerte muß der Lehrerbildner hineinstellen in 
eine objektiv gültige Wertordnung. 
Eine normative wertlehre, m der allein alle Kuliurpädagogik ihre 
letzte und tiefste Begründung findet, ist nur zu gewinnen, wenn Bildung 
und Erziehung auf dem Fundamente einer Weltanschauung aufgebaut werden. 
Die Lehrerbildner, in deren Händen die Berufsbildung des katholischen 
Lehrernachwuchses liegt, müssen alle die vildungs- und Erziehungswerte 
herausarbeiten, die den „Katholizismus als Lebensprinzip" wirksam machen 
und so den „katholischen Menschen" gestalten helfen. 
Um die praktische Erziehungserfahrung und die pädagogische Tradition 
des Katholizismus zu ergänzen, zu verliefen und vor allem theoretisch zu 
begründen, bedarf es des Busbaues eines Systems der katholischen Tr. 
ziehungrwisjenschast, an dem mitzuwirken eine der vornehmsten Bufgaben 
der katholischen Pädagogen ist, die an der Lehrerbildung beteiligt sind. 
2. In der Richtung auf die subjektive Seite der Erziehungraufgabe ist 
von den Lehrerbildnern zu fordern die Mitwirkung an dem Busbau einer 
Psychologie und Jugendkunde, die das Verständnis der inneren Seelen« 
struktur und ihrer individuellen Lntwicklungsgesetzlichkcit zu erschließen 
versucht, pädagogisch fruchtbar wird alle psychologische Betrachtungsweise 
nur dann, wenn man die Seele in ihrer Kulturbezogenheil, d. h. in ihrem 
Verhältnis zu den objektiven Gütern der Kultur, zu erfassen: zu „ver 
stehen" strebt und so von einer bloßen Biologie der Seele zu einer Teleologie 
der Seele fortschreitet, die in der Seele nicht nur das individuell gegebene 
psychische Sein sieht, sondern zugleich ihre ideale Form, d. h. die'wert, 
tendenzen erfaßt, die es in ihr zu verwirklichen gilt. 
Der Lehrcrbildner muß in den künftigen Lehrern eine Bhnungssähig. 
keit für die Individualität des Zöglings zu erwecken versuchen, die, da sie 
wesentlich in einer intuitiven Einfühlung besteht, nicht so sehr durch theo- 
rell;<f]c Psychologie eis vielmehr durch lebendigen Umgang mit der Jugend 
zu gewinnen ist, wie für ihre Entwicklung auch eine unverwischte Jugend 
lichkeit in der geistigen Gesamthaltung der Persönlichkeit des Lehrerbildners 
förderlich ist. 
3. Dieses einfühlende verstehen der Schülerindividualität wird zu einem 
pädagogischen Verhalten, wenn im Erzieher die pädagogische Liebe lebendig 
ist, die darum auch der Lehrerbildner besitzen muß. d. h. die Liebe zu den 
noch unentfalteten wertmüglichkeiten in der Seele des Kindes und der 
lebendige innere Drang, ihnen zum Durchbruch zu verhelfen. 
Diesem sozialen Triebe soll die Lehrerbildung in Lehre und Beispiel 
alle Gebiete seines Wirkens erschließen: außer dem Reiche der Schule das 
werte Feld der Sozialpädagogik, zu dem vor allem Jugendpflege, Jugend 
fürsorge und freie Volksbildung gehören. 
Dieses pädagogische wirken sieht sich heute vor allem vor zwei große 
Hauptaufgaben gestellt: einmal, das voll: zu wahrer Staatsgesinnung zu 
erziehen, und zuhöchst, das religiöse Sehnen unserer Zeit in die rechten 
Lahnen zu lenken; denn darin findet alle Erziehung ihre Vollendung, daß 
sie alle werte des Lebens unter einen höchsten wert stellt, oder daß sie, 
was dasselbe ist, auf das Ganze der Seele und ihre Stellung zu einem 
Grsamtsinn des Lebens gerichtet ist. 
Der Lehrcrbildner muß darum selbst eine einheitlich geschlossene, charakter- 
volle Persönlichkeit sein, die in einer klaren, die gesamte Geisteshaltung 
und Lebendsührung bestimmenden religiösen Grundeinstellung ihren lebendigen 
Mittelpunkt findet. 
Die religiöse Einstellung erst besähigt den Erzieher zu jener unbeirr 
baren Gpserfreudigkeit und Hingabesittlichkeit, aus der alles pädagogische 
wirken zuletzt seine Kraft schöpft. 
Mit dieser inneren pädagogischen Gesinnung muß sich verbinden die 
Kenntnis und der lebendige Besitz der Mittel, durch die der Prozeß der 
inneren weribelebung befördert wird. 
Blle Methodik und Didaktik ist jedoch eine bloße Theorie einer Er- 
ziehungs- und Unterrichtstechnik. Sie wird erst fruchtbar, wenn neben ihr 
in dem pädagogischen Takt die angeborene Erzieheranlage durch das 
lebendige Beispiel und Vorbild des Lehrerbildners sich anschaulich darstellt.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.