Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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■ iTcer staatsbürgerliche Unterricht entnimmt seinen Stoff der Wirtschafts 
und Gesellschaftslehre, der verwaltungs-, verfafsungs- und Rechtskunde 
(Gemeinschaftskunde). . . , ... , 
2. Der staatsbürgerliche Unterricht begmnt schon m der Grundschule 
mit der Heimatkunde, die auf das Arbeits- und Gemeinschaftsleben der 
engeren Heimat besondere Rücksicht nimmt. 
von der Mittelstufe ab treten alle Unterrichtsfächer in den Dienst des 
staatsbürgerlichen Unterrichts, der nunmehr den Sinn des Rindes für sein 
Land und sein Volk erschließt. 
Ruf der Oberstufe werden außerdem in besonderen Stunden Wesen, 
Rufbau und Bedeutung des Staates dem Rinde nahegebracht. 
4. Ms Ergebnis des staatsbürgerlichen Unterrichts in der Volksschule 
oll am Ende der Schulzeit ein Mindestmaß von Erkennen und wissen zu 
estem Besitz gebracht sein. Es umfaßt: 
A. Allgemeines. 
Dis Gemeinschaft als Tatsache. (Der Mensch ohne Gemeinschaft nicht 
denkbar.) Die Träger des Gemeinschaftslebens: 
a) Die Familie als Zelle allen Gemeinschaftslebens. (Zweck und Für 
sorgeverband; Erhaltung der Existenz, Sorge für Bildung und Kultur, Ord 
nung der Beziehungen ihrer Glieder, versittlichung dieser Beziehungen); 
d) Die Gemeinde als Fürsorge- und Rechtsverband. (Arbeitsteilung; 
Erwerbsarbeit — Berufe — Berufsfürsorge — heim und Werkstatt — Tr- 
werbsgenossenschaften in der Gemeinde; Hilfsgemeinschaften in der Gemeinde: 
Schule und Kirche, Vereine; Sorge für Schutz und Ordnung: Polizei, Ver 
waltung; Wohlfahrtseinrichtungen; Haushalt); 
c) Der Staat als Lebensgemeinschaft. (Land — Stämme - Volk; 
Siedlungen; Aufgaben: Schutz nach außen; Ordnung der Rechtsverhältnisse 
der Bürger zueinander; Regelung und Förderung des Kultur- und Wirt 
schaftslebens — Wesen und Segen der Arbeit — Gütererzeugung und Güter 
verbrauch - Handel und Verkehr — Gemeinschaften im Staat, die aus der 
fortschreitenden Arbeitsteilung und wirtschaftsgliederung hervorgegangen 
sind (Arbeitsverbände): staatliche Wohlfahrtspflege. — Notwendigkeit des 
Zusammenwirkens der Träger des Gemeinschaftslebens — Leben und Arbeit 
als Dienst an der Gemeinschaft). 
Anmerkung. Die vorstehend bezeichneten Stoffe der Staatsbürger 
kunde werden in innigster Verbindung mit den Stoffen des gesamten Sach- 
Unterrichts behandelt, in den besonderen Stunden der Staatsbürgerkunde 
yuf der Oberstufe gesammelt und erweitert durch 
8. Besonderes. 
Das wichtigste aus der Reichsverfassung: 
а) Aufbau und Aufgaben des Reiches: Der Einleitungrsatz. Art. 1,2, 3. 
(Art. 6, 7. 8.) Art. 17, 1. Satz. 
h) Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen: Art. 109, Absatz 1 
und 2 - 110, Absatz 2 - 114 - 115 - 117 - 118, Absatz I — 119 — 
120 - 125 - 128, Absatz 1 - 132 - 133 - 134 - 135, 1. Satz - 153, 
J. Satz des ersten und zweiten Absatzes — 153, Absatz 3 — 157, Absatz 1 — 163. 
c) Reichsregierung und Reichsleitung: Art. 41 — 45 — 50 - 54 — 60. 
б) Reichstag: Art. 20 - 21 - 22 - 26 - 33, Absatz 1 - 34. 1. Satz. 
e) wie ein Reichsgesetz entsteht: Art. 69 — 74, Absatz 1 — 76, 1. Satz. 
f) Reichsverwaltung: Art. 78, Absatz 1 - 79, 1. Satz — 85, Absatz 1. 
5. Der staatsbürgerliche Unterricht in der Volksschule geht vom Erleben 
des Rindes in Familie, Schule und Gemeinde aus und führt es durch Selbst- 
tätigkeit zu selbständigem staatsbürgerlichen Denken und Urteilen. 
Durch geeignete Arbeitsformen wird der Gemeinschaftssinn der Rinder 
entwickelt. 
III. Fach- und vrrufsschulen. 
1. Sn den Berufsschulen, die neben der praktischen Ausbildung besucht 
werden, ist staatsbürgerlicher Unterricht in besonderen Stunden zu geben, 
wenn der Lehrplan mehr als 240 Jahresstunden umfaßt, andernfalls min 
destens in einer besonderen wochenftunde im letzten Schuljahr. 
2. 3n der Berufsschule hat der staatsbürgerliche Unterricht nach Möglich 
keit an die Berufskunde anzuknüpfen (siehe Erlaß des preußischen Ministers 
für Handel und Gewerbe vom 19, August 1922 - IV 10737 -). 
3n der Berufsschule für Mädchen ist auf die Natur und Denkweise der 
Mädchen und auf die besonderen Aufgaben der Frau in Familie und Ge 
meinschaftsleben Rücksicht zu nehmen. 
5. 3n Fachschulen und in beruflichen Schulen mit vollem Tagesunterricht 
sind für die Staatsbürgerkunde besondere Stunden anzusetzen. Dabei finden 
Vorstehende Grundsätze sinngemäß und unter Berücksichtigung der für diese 
Schulen geltenden Stoffoerteilung Anwendung. 
t ..?• Kuslandedeutschtum 'ft auch in den Berufs- und Fachschulen 
gebührende Beachtung zu widmen. 
5. Lei der Ausbildung der hauptamtlichen Lehrer und Lehrerinnen für 
Berufs- und Fachschulen ist die Staatsbürgerkunde der Bedeutung dieses 
Unterrichtsfaches entsprechend zu berücksichtigen. 
Die im Amt befindlichen Lehrer und Lehrerinnen, Haupt- und neben 
amtliche, sind in berufspädagogischen Wochen, Lehrgängen und Arbeits 
gemeinschaften aus- und fortzubilden. 
IV. höhere Schule?:. 
l. An den höheren Schulen dient der gesamte Unterricht dem staats 
bürgerlichen Gedanken. Dis einzelnen Teile der Staatsbürgerkunde sollen 
an geeigneten Stellen des Geschichtsunterrichts und anderer Unterrichtsgebiete 
zur Geltung kommen. Auf der Oberstufe und in den Abschlußklassen der 
sechsstufigen Schule hat eine Zusammenfassung und Vertiefung stattzufinden. 
Für diese Zusammenfassung sollen lehrplanmäßig besondere Stunden an 
gesetzt werden, deren Verbindung mit der Geschichte oder anderen Unter» 
richtsgebieten freizustellen ist. Bei der Reifeprüfung ist der Nachweis staats 
bürgerlicher Kenntnisse zu erbringen. 
II. Die Staatsbürgerkunde der höheren Schule führt ein in politische, 
wirtschaftliche und soziale Fragen. 
a) politisches. 
1. Gcundzüge der Reichs- und Landesverfassung unter besonderer 
Berücksichtigung der Pflichten und Rechte des Staatsbürgers. 
2. Überblick über die Verwaltung von Reich, Land und Gemeinde. 
Das wichtigste aus dem Rechtsleben. 
3. Das Ausland und seine Verfassung zum Zweck des Vergleichs und 
zur Erzielung eines lieferen Verständnisses der deutschen Gegenwart. Das 
Auslandsdeutschtum. 
4. Deutschland unter den Weltvölkern. Zwischenstaatliche Beziehungen 
und überstaatliche Rechtsordnungen. 
5. Einführung in die wichtigsten politischen Theorien und in das par- 
teileben der Gegenwart. 
b) wirtschaftliches. 
1. Einführung in die bedeutsamsten volkswirtschaftlichen Begriffe (Fak 
toren und Zweige der Gütererzeugung), Wirtschaftsstufen, Geld- und 
Kreditwesen. 
2. Grundzüge der modernen Entwicklung von Landwirtschaft, Gewerbe 
und Handel unter Berücksichtigung volkswirtschaftlicher Zusammenhänge. 
Die Bedeutung von Kolonien für die wirtschaft. 
c) Soziales. 
1. Die soziale Schichtung des deutschen Volkes als Grundlage des Ge 
meinschaftslebens. 
2. Die wichtigsten sozialen Probleme und ihre gesetzgeberische Be 
handlung. 
3. Bedeutsame gesellschaftliche Theorien. Philosophisch-ethische Grund 
legung des Staatsbürgertums. 
III. Der gesamte Unterricht muß getragen sein von einem Verantwor 
tungsgefühl für das Volks- und Staatsganze, das den Staat als eine le 
bendige und geschloffene Einheit erkennen lehrt, zum Staatserlebnis hinleitet 
und eine kommende geistige Führerschaft vorbereitet. 
Die naturgemäße Form dieses Unterrichts ist — wenn es durch den Stoff 
irgend möglich wird — das Lehrgespräch. Dringend ist zu warnen vor 
stofflicher Überlastung. Der Unterricht muß sich hüten vor verstiegenen 
Abstraktionen. Er bedarf der Verlebendigung und Veranschaulichung, von 
Führungen und Besichtigungen ist reichlich Gebrauch zu machen. 
V. Hochschulen. 
1. Die Hochschulen sollen allen Studierenden, insbesondere allen den 
jenigen, die sich, in welchem Fache immer, für das Lehramt vorbereiten, 
den Erwerb einer wissenschaftlich vertieften staatsbürgerlichen Allgemein 
bildung ermöglichen. Die Hochschulen sollen ferner denjenigen Studierenden, 
welche die besondere Lehrbefähigung für Staatsbürgerkunde erstreben, die 
Möglichkeiten eines eingehenden wissenschaftlichen Studiums der staats- 
bürgerkundlichen Teilgebiete eröffnen. 
2. Dem Zwecke einer wissenschaftlich vertieften staatsbürgerkundlichen 
Allgemeinbildung dient eine Vorlesung über Staatsbürgerkunde (wissen 
schaftliche Politik), neben der unter Zusammenfassung zu einer einheitlichen 
Vorlesung Einführung in die Wirtschaftswissenschaften und in die auswärtige 
Politik erforderlich sind. Lehrstoff sind die Grundgedanken, die systematischen 
und geschichtlichen Grundtatsachen und die Lebensbedingungen der Ver 
fassung, Verwaltung und der Wirtschaft in stetem Hinblick auf die pflichte.! 
und Rechte der Staatsbürger; dabei ist das Auslandsdeutschtum zu würdigen, 
das Ausland vergleichend heranzuziehen und die zwischenstaatliche Rechts 
ordnung zu berücksichtigen. Der Vortragende soll das Parteiwesen zur 
Darstellung bringen, sich aber eigener parteipolitischer Stellungnahme streng 
enthalten. 
3. Die Prüfung, welche die Grundlage für die besondere Lehrbefähigung 
für Staatsbürgerkunde bildet, erstreckt sich auf die zu 2 bezeichneten Ge 
biete, ferner aus die Grundzüge der Rechtswissenschaft. Sie setzt ein ver 
tieftes Studium der unter Ziffer 2 bezeichneten Teilgebiete voraus, ins 
besondere auch die Teilnahme an einer praktischen Übung. 
4. Für die im 6ml stehenden Lehrer find unter Mitwirkung der Hoch 
schulen mehrwöchige staatsbürgerliche Lehrgänge, später auch Fortbildungs- 
lehrgänge einzurichten. 
3ur Frage der Lehrerbildung. 
Abg. Müller-Franken und Genossen (S.-p.-D.) haben folgenden Antrag 
eingebracht: 
Der Reichstag woll» beschließen, folgendem Gesetzentwurf die verfassungs 
mäßige Zustimmung zu erteilen: 
Entwurf eines Grfetzes zur Neuordnung der Lehrerbildung. 
8 143 Kbf. 2 de» R.-v. 
Der Reichstag Hai das folgende Gesetz beschlossen, das mit Zustimmung 
des Reichsrats hiermit verkündet wird: 
8 1. Die an öffentlichen oder privaten Lehranstalten anzustellenden 
Lehrer und Lehrerinnen müssen vor ihrer Ausbildung für das Lehramt eine 
höhere Lehranstalt mit Erfolg besucht oder durch eine besondere Prüfung 
nachgewiesen haben, daß sie die aus einer solchen Lehranstalt vermittelte 
Bildung besitzen. 
höhere Lehranstalten im Sinne dieses Gesetzes sind nur Vollanstalten, 
die zum ordentlichen Studiuin an den Hochschulen — Universität und tech 
nische Hochschule — berechtigen.
	        
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