Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

29ü 
unsere Mädchen dazu erzogen werden, jedes seelische Erlebnis wahllos 
preiszugeben? wir treffen mit Steser Frage auf den Kernpunkt 
des Gegensatzes zwischen Blensdorfschen Ideen und unserer Einstellung 
zu diesen. Blensdorf sagt: „Jeder Mensch hat das Recht, sich aus 
zuleben; darum darf er zeigen, was in ihm steckt". Unser Lrziehungs- 
grundsatz heißt: „Lerne dich beherrschen!" Übrigens haben auch 
stets natürlich fein empfindende Menschen die Beherrschung der 
Empfindungen, die seelische und körperliche Zurückhaltung, als Vor 
nehmheit angesehen. Und gerade dem echt deutschen Wesen ist diese 
Vornehmheit eigen, diese herbe seelische Ueuschheit, die nicht leidet, 
das Innere der Seele vor vielen Rügen bloßzustellen. Ganz besonders 
gilt dieses für eine Frau, eine deutsche Frau! wir möchten und 
müssen doch gerade in heutiger Zeit unsere Mädchen wieder zu den 
Idealgestalten christlicher deutscher Frauen zurückführen! Lin schöneres 
und größeres Ziel der Mädchenerziehung kann es in dieser Zeit der 
großen vaterländischen Not nicht geben, als unsere Mädchen zu be 
geistern für Frauen voll zarten Empfindens für Reinheit und Zurück 
haltung, voll Pflichtbewußtsein, Selbstlosigkeit und Treue, und sie 
zur Nacheiferung anzuspornen und anzuleiten. 
Fragen wir nun zum Schluffe: was bedeutet die musikalisch 
rhythmische Schulung nach dem Sinn und in der weise des Herrn 
Blensdorf für die Mädchenerziehung? - Line Gegenströmung schlimmster 
Rrt gegen unsere Erziehungsgrundsätze und unser Erziehungideal! 
wir müssen daher unbedingt die Verwirklichung der Blensdorfschen 
Ideen in unserer Mädchenerziehung ablehnen und haben die Über 
zeugung, daß die katholischen technischen Lehrerinnen diesen Stand 
punkt energisch zur Geltung bringen werden. 
Meinungsaustausch. 
Ein Wort zur Mode. 
Über und gegen die Mode ist immer soviel geschrieben worden, 
daß man beinahe fürchten muß, altmodisch und engherzig gescholten 
zu werden, wenn man ein neues Wort zur alten Sache sagen will. 
Und doch ist es notwendig, denn Gedankenlofigkeit und Unbefangenheit 
auch in unseren Rreisen führen zu bedenklichen Erscheinungen. 
Es ist nicht zu leugnen, daß die heutige Frauenmode in ihrer 
extremen Form auf das Erotische abgestimmt ist. Der Kurze, enge, 
und deshalb geschlitzte Rock, der tiefe Halsausschnitt, der durchsichtige 
Stoff, das Fehlen von Ärmeln selbst an wollenen Kleidern, das alles 
ist eine der vielen Rusdrucksformen des sittlichen Niederganges. 
-Erzieherinnen, die die Jugend, besonders die heranwachsenden Mädchen 
»richt nur vor diesem bewahren, sondern sie wieder zu einer sittlichen 
'höhe führen wollen, muffen unbedingt in ihrer Kleidung durchaus 
vorbildlich sein, also alles vermeiden, was Rnstotz erregen kann. Ich 
rede keineswegs der Engherzigkeit das Wort. Mich veranlaßt ein 
'besonderer Fall zu diesen Zeilen. In der kleinen katholischen Kirche 
einer größeren, fast ganz protestantischen Stadt Mitteldeutschlands 
^ah ich eine Kollegin die Rufsicht beim Sonntagsgottesdienst führen. 
Sie trug ein Kleid aus weißem Schleierstoff, zwar mit geringem 
Ausschnitt, aber das Unterkleid hatte nur ganz schmale Rckselbänder, 
die recht lang waren. Ich glaube nicht, daß.sich die Kollegin des 
Eindrucks bewußt war, den sie machte. Rber eben gegen dieses 
gedankenlose Mitmachen der Mode müssen wir Sturm laufen. Ich 
empfehle nicht etwa eine klösterlich strenge Tracht - nichts liegt 
Mir ferner. Im Gegenteil: die Lehrerin soll sich ein Eigenkleid 
schaffen. In Schnitt und Farbe soll es ihrer Eigenart angepaßt und 
,fo in gewissem Sinne ein Stilkleid sein; durch Zweckmäßigkeit und 
Schönheit mag es zum Nachbilden anregen oder vielmehr zum Nach 
schössen der jeweiligen Trägerin gemäß. Ls gibt viele Kolleginnen, 
die dieser Rufgabe sich noch nicht bewußt sind. T. h. 
(Über dieses Thema sind uns verschiedene Zuschriften zugegangen, wir 
geben der obigen Raum in der Hoffnung, daß sie ihren Zweck erfülle, und 
fditten, von der Veröffentlichung der anderen, die im wesentlichen dieselben 
Gedanken enthalten, absehen zu dürfen. Die Schriftleitung.) 
Aur der Zeit. 
vezirklehrerdammer Vüfteldors. 
Bericht über die Kammersitzung am Freitag, den 4. Juli 1924. 
Der Kammervorsitzende Giese, Duisburg, eröffnet die Sitzung um 10 V 4 
ühr vormittags, begRißt die Kammer, die Vertreter der Regierung, die 
Herren Regierungsräte premer und Gildemeister, die Kreisschulräte Herren 
vr. Lorscheldt (Dberhausen), Hein (Hamborn), Kraemer (GHIigs), und eine 
Anzahl Vertreter des Kr. L. R. Ts fehlten mit Entschuldigung die Kamer- 
mitglieder Clemens, Cdler, heydkamp, Steinkühler, pistor, Reitling. 
I. Eingänge und Berichte: n) Der Vorsitzende verliest zunächst ein 
Schreiben des Rath. Lehrervereins Lffen an die B. L. K., in welchem dem 
früheren Vorsitzenden Topp das vertrauen ausgesprochen wird. Die Ver 
treter des Rath. Lehrerinnenvereins, des preußischen volksschullehrerinnen- 
vereins, des Vereins technischer Lehrerinnen, sowie des Deutschen Lehrer 
vereins erbitten eine Abschrift des Schreibens. 
Die G. v. v. spricht in einem Schreiben dem neuen Vorsitzenden ihr 
Mißtrauen aus. Die Erklärung wird zur Kenntnis genommen. Der Vor 
sitzende gibt erneut der Hoffnung Ausdruck, daß es ihm durch objektive 
Leitung der Verhandlungen, objektive Weitergabe der Beschlüsse und eifrige 
Vertretung der Interessen aller Lehrer gelingen werde, das vertrauen auch 
seiner Nichtwähler zu gewinnen. 
b) Der Vorsitzende berichtet alsdann ausführlich über die Tätigkeit des 
Vorstandes feit der letzten Kammersitzung. Cm Antrag der B. L. K. Hildes- 
Heim, für die baldige Bildung einer Landes-Lehrerkammer einzutreten, wird 
angenommen. 
,c) Der Kassierer berichtet über den Kassenbestand und beantragt, in 
diesem Jahre keine weiteren Beiträge mehr zu erheben. Dem Antrage 
wird zugestimmt. 
6) Bei Behandlung einiger personaifälle weist der Vorsitzende unter 
Zustimmung aus der Versammlung darauf hin, daß einzelne Eingaben stark 
verletzende Wendungen gegen Behörden oder Gegner aufweisen, dadurch 
zur Weitergabe ungeeignet werden und die Verhandlungen erschweren, und 
rät zu unbedingter Sachlichkeit. Einer Beschwerde wegen vorzeitiger Pen 
sionierung konnte nicht stattgegeben werden. Eine Beschwerde wegen ver 
späteter Anstellung war inzwischen gegenstandslos geworden. Ein Urteil 
in einer Räumungsklage gegen einen Dienstwohnungsinhaber hat noch nicht 
ausgeführt werden können, weil eine passende Lrsatzwohnung fehlt. 
2. Abbau: Linen größeren Raum beanspruchte der Bericht des Vor 
sitzenden über die Bemühungen des Vorstandes, die Abbaubestrebungen 
einzelner Gemeinden möglichst einzudämmen. In Sterkrade sei eine Er 
mäßigung gelungen, und weitere Ermäßigungen würden erwogen. In 
Dberhausen seien alle Kündigungen zurückgezogen, wegen Hamborn sei 
eine Eingabe an den Kultusminister ergangen. Der Vorsitzende dankt der 
Regierung für die in den Verhandlungen bewiesene kraftvolle Vertretung 
der Schulinteressen. Er berichtet weiter über die Besprechung der Kammer 
vertreter mit dem Herrn Kultusminister anläßlich dessen Anwesenheit in 
Köln am 6. Juni. Da ausführliche Berichte über diese Besprechung durch 
die Presse gegangen sind, so sei hier nur hervorgehoben, daß der Herr 
Kultusminister die Inkraftsetzung der p. A. v. für das besetzte Gebiet 
entschieden ablehnte und mitteilte, daß Erwägungen im Gange seien, um 
für den freiwilligen Rücktritt älterer oder versorgter Lehrer und Lehrerinnen 
besonderen Anreiz zu schaffen. Nachdem hoffmann, Dberhausen, dem Vor 
sitzenden für seine rastlose Arbeit in der Abwendung des Abbaus seine 
Anerkennung und den Dank des Gberhausener Kreislehrerrats ausgesprochen 
hatte, setzt eine rege Aussprache ein, an der sich beteiligen: Topp, hoff 
mann, Frl. Reinshagen, die Schulräte Hein und vr. Lorscheidt, Eiden, Macke, 
Heckmann, Frl. Badenberg, Schlipköter, Frl. heinen, Llschenbroich, Nell, 
Brömmel, Frl. Range, hüskes, Nau, Pfalz und die beiden Vertreter der 
Regierung. An die Regierung war auf Grund einer preffemeldung die 
Anfrage gestellt worden, 1. ob sie in Elberfeld die Entlassung aller Lehr 
kräfte gefordert haben, die nach 1918 ihr Examen gemacht haben, 2. ob 
sie bereit sei, über den Abbau oder die Einziehung von Schulstellen zahlen 
mäßige Mitteilungen zu machen. 
In der Aussprache wird gefordert, daß allen Abgebauten, auch den 
verheirateten Lehrerinnen, das gesetzliche Ruhegehalt gezahlt werde, ferner 
daß die kriegsgefangen gewesenen Lehrer bei der Pensionierung den übrigen 
Kriegsteilnehmern gleichgestellt werden möchten, sowie di« strikte Befolgung 
des Altersprinzips bei der Anstellung der Junglehrer. Getellte Beurteilung 
findet das Verfahren der Schulgemeinden, die eine Auswechselung jüngerer 
Stelleninhaber gegen ältere Bewerber ablehnen und lieber die Stellen un-. 
besetzt lassen. 
Die Herren Regierungsvertreter bedauerten, daß die Anfrage 
bezgl. Elberfeld bei der Regierung noch nicht vorgelegen habe, sonst würden 
sie genaue Angaben machen können. So könnten sie die Meldung in dieser 
Form nur als unmöglich bezeichnen. Ls scheine eine Verwechselung vor 
zuliegen, da die Regierung von den Kreisschulräten allgemein einen Bericht 
verlangt habe, welche nach 1918 geprüften Bewerber beschäftigt würden, 
um gegebenenfalls eine Auswechselung gegen ältere noch unbeschäftigte 
Bewerber vornehmen zu können. Die Form des Widerstandes mancher 
Schulgemeinden, wie sie oben schon gezeichnet ist, wurde von ihnen scharf 
verurteilt und evtl, ein scharfes Zugreifen der Regierung in Aussicht gestellt, 
wiederholt wurde festgestellt, daß nur die Regierung einen Lehrauftrag, 
auch einen vertretungsauftrag, zurückziehen könne, und daran anknüpfend 
wurde aus der Versammlung die Bitte ausgesprochen, die Regierung möge 
auch in Einzelfällen dieses Recht nicht an Stadtverwaltungen übertragen. 
Bei der Anstellung der Junglehrer sei der Jahrgang maßgebend, doch könne 
das Altersprinzip nicht ausnahmslos durchgeführt werden. Manchmal 
müßten persönliche Verhältnisse berücksichtigt werden. Die Städte suchten 
zuweilen ihren Abbauwillen dadurch zu stützen, daß sie durch Vermittelung 
von Parlamentariern oder anderer einflußreicher Stellen eine Stellungnahme 
der Berliner Zentralstellen herbeiführten, ehe die Regierung mit der Sache 
befaßt worden sei. Dann sei die Regierung natürlich ohnmächtig. Er sei 
den Lehrerorganisationen dringend zu empfehlen, Mittel und Wege zu 
suchen, diese unterirdische Politik zu unterbinden, die eine gerechte und 
fachgemäße Behandlung erschwere. Die Regierung habe niemals Abbau-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.