Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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§ ^ch denke, die Wahrheit mutz durch alle Menschen nicht gewinnen können, aber ein jeder Menick ar 
durch die Wahrheit. . . . ^ a} 
□ Denn die Wahrheit hat alles, und es fehlt ihr nichts als eine Herberge, als Platz und Raum für 
p ihre Herrlichkeit. Matthias Claudius. □ 
gefühl den ersten Rnstoß geben, es muß sich durchringen und ver 
edeln zu gläubiger Bruderliebe. 
wie werdet ihr Gott lieben, so sagt der hl. Johannes, den ihr 
nicht seht, wenn ihr den Nächsten, den ihr seht, nicht liebt? — Der 
weg zur wahrer, das ganze Lrdenleben überschattender Gottesliebe 
führt gewöhnlich vom Mitmenschen über den Gottmenschen zu Gott. 
Ruf der höhe christlichen Lebens aber ist das dankerfüllte verlangen 
nach selbstlos reinem Gottesdienst zum reifsten Beweggrund des Laien 
apostolats geworden. Gewiß hat anfänglich unseres jungen Laien 
helfers Geltungsdrang und Selbstliebe aufbegehrt, wenn er sich zu 
einem verirrten Mitbruder neigen sollte und sich durch sein wider 
streben zurückgestoßen fühlte. Rber Gottes Güte hat wenigstens 
seinen guten willen geschaut und am Vorbild des göttlichen Meisters 
seinen törichten Geltungsdrang geheilt, „wer unter euch", so sagt 
ihm der Herr, „der Größere sein will, der werde wie der Diener. 
So bin auch ich mitten unter euch wie einer, welcher dient." (Luk. 
22, 26 f.) Gr sieht seinen Meister im Bewußtsein, daß der Vater 
ihm alle Macht übertragen (Joh. 13, 3), dienend vor dem Verräter 
Judas zur Fußwaschung niederknien und wird überwältigt von der 
so ganz selbstvergessenen Liebe Christi auch zu den Sündern. Ja, 
auf dieser höhe des Verstehens Christi fängt erst die Liebe an, in 
ihrer ganzen Reinheit zu leuchten. Es öffnen sich ihm die Pforten 
zu den Geheimnissen der Liebe Gottes. In seliger Ergriffenheit hat 
der Liebesjünger Johannes im 4. Rap. seines ersten Briefes davon 
gestammelt, da sich seiner Brust die Erkenntnis entrang: „Gott ist 
die Liebe. Darin besteht die Liebe, nicht daß wir Gott zuvor ge 
liebt, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn für uns dahin 
gegeben hat." wohlan, der Laienhelfer ist auf der rechten Zährte. 
Er sieht sich hineingestellt in den großen Rreislauf der Liebe, der 
von Gott ausgeht und in Gott mündet. Liebe ist es, die der ganzen 
Schöpfung Leben einhaucht. Erbarmende Liebe ist es, die sich in 
Christus zu mir und dir, zu allen verirrten Menschen geneigt, war 
nicht auch ich verirrt? hat nicht auch mich unverdiente Liebe auf 
gehoben und in ihre göttlichen Rrme geschlossen? wenn göttliches 
Leben Liebe ist, die sich allen mitteilen will, wenn auch mich der 
Liebes- und Lebensstrom Gottes weiterträgt, so kann ich nicht dankbarer 
und keuscher vor Gottes Liebe niedersinken und anbeten als da, wo 
ich ganz selbstvergessen die Liebe Gottes in die gottebenbildlichen 
Seelen zu verpflanzen suche, wie ein gewaltiger Grgelakkord durch 
die weiten Hallen des Domes braust und an jedem Gestein seinen 
widerklang erhält, so wird das auch aus dankbarer Gottesliebe 
flutende verlangen, ganz rein Gott nachzuleben und zu verherr 
lichen, zum Laienapostolat. 
Die katholische Literatur der Gegenwart 
und die katholische Lehrerin. 
von Llfriede lvörsdörfer, Breslau. 
(Schluß) 
Wer sind nun die berufenen Hüter dieses Gartens? Zunächst die 
Dichter selbst, die das Heiligtum ihrer Kirnst vor Entweihung hüten 
müssen, dann die Kritiker, die die edlen Blüten sorgsam pflegen und 
das Unkrat jäten sollen. (Unkraut ist auch aller Dilettantismus, 
sobald er darauf Rnspruch macht, ernst genommen zu werden.) Hüter 
des Gartens sind alle, die die Möglichkeit und die Rufgabe haben, 
anderen Führer zu seinen Herrlichkeiten zu sein. Dazu gehören auch 
wir katholischen Lehrerinnen. Darum ergeht an uns die Forderung, 
erst selbst vertraut zu werden mit den Schöpfungen der katholischen 
Literatur der Gegenwart. Die Ungunst der wirtschaftlichen Verhält 
niße kann nicht zur Entschuldigung für Teilnahmslosigkeit und Mangel 
an Interesse werden; denn noch immer gilt es: „wo ein Wille ist, 
da ist auch ein weg." Welche Bereicherung des Lehrerinnenlebens 
bedeutet die Beschäftigung mit der katholischen Literatur der Gegen« 
wart! Stunden der Einsamkeit werden dadurch reich und inhalts 
schwer; ein gutes Buch bedeutet Entspannung nach anstrengender 
beruflicher oder sozialer Tätigkeit, wer da müde ward durch die 
Enttäuschungen, die soziales wirken mit sich bringt, wie wird der 
sich seiner Müdigkeit schämen und sich zii neuer Tat aufraffen, wenn 
er „St. Sebastian vom Wedding" liest! wer Kreuzträger ist in 
körperlicher oder seelischer Hinsicht, wie wird er Ermutigung finden 
am Beispiel „Peter Farnes", des Leidträgers und Überwinders, 
„der das Steinfeld des Unglücks beackerte und darauf ein Paradies 
säte", wie läßt „Stephana Schweriner" das Jungfräulichkeitsideal 
hell aufleuchten! wie schüttelt man beim Lesen alle Sorgen ab und 
macht einmal „Ferien vom Ich!" Es ließe sich stundenlang davon 
erzählen, wieviel seelischen Reichtum und frohe Stunden der der 
karholischen Literatur der Gegenwart verdankt, der sich liebend mit 
ihr beschäftigt. Rber aus dem heimlichen Königreich der Seele mit 
seinen tausend Schatzkammern sollen alle Türen nach außen führen; 
denn „warum such:' ich den weg so sehnsuchtsvoll, wenn ich ihn 
nicht den Brüdern zeigen soll?" Es gibt so viele, die uns danken, 
wenn wir sie zu den reinen (Quellen echter Literatur führen. Da, 
sind zunächst Vereinsschwestern, die sich gern zu einer literarischen 
Rrbeitsgemeinschast zusammenfinden, wie schön ist es, wenn da 
einmal monatelang dir katholische Literatur der Gegenwart zum, 
Gegenstand gemeinsamer Rcbeit gemacht wird! Erfreut werden wir 
all der guten Rnsänge inne und gewinnen Hoffnung für das Kom 
mende. Ich darf von unserer Breslauer literarischen Rrbeitsgemein« 
schaft sagen, daß sich die Mitglieder — 12 an der Zahl - von einer 
Sitzung auf die andere freuen und selten jemand fehlt. Jede Vereins 
schwester wird dadurch zur Trägerin katholischer Bildung in ihrem 
Kreise, und so führt der weg wieder aus kleinen Gemeinschaften zu 
vielen Menschen hinaus. Die Schule bietet mannigfache Gelegenheit, 
den Kindern von den erworbenen Schätzen mitzuteilen. Da ist die 
Klaffenlektüre, warum soll nicht ein Büchlein eines lebenden katho 
lischen Dichters dazu ausgewählt werden?, etwa Federers „Tarzisius- 
geschichtlein", manches Kapitel aus Zerkaulens „Hans Heiners Fahrt f 
ins Leben", „Die Blumenmijsionarin", „Krumm-Rnnerle" aus Dörflers 
„Dämmerstunden", um nur einige Beispiele zu nennen. Ich weiß " 
von Lesestunden mit den Schülerinnen der Dbsrklasse an freien Nach« , 
Mittagen, zu denen die Mädchen mit Begeisterung kommen, und in 
denen ihr Geschmack auch am Edelgut katholischer Literatur der ' 
Gegenwart geschult werden kann. Oder soll ich erinnern an manche ■ 
weihestunde im Verkehr mit unseren Kindern, in der uns die katyo-' 
tische Literatur der Gegenwart Gelegenheit zu wertvollem Reden mit) 
den Kindern bietet? wenn die großen Mädchen zum letztenmal als 
unsere Schülerinnen vor uns sitzen und die Lehrerin mit hoffen und 
Bangen daran denkt, welchen weg sie einschlagen werden draußen) 
im Leben, wie wird es da den scheidenden Kindern zum unvergeß 
lichen Erlebnis, wenn die Lehrerin ihnen spricht von den unstcht- ^ 
baren Kränzen, von denen Paul Keller im „Sohn der hagar" so 
Schönes und Inniges sagt. 
Rus der stillen Schulstubs führt unser Beruf uns weiter hinaus 
in unsere Jugendvereine. Ruch da können wir Bannerträger der. 
katholischen Literatur der Gegenwart werden, wer cs schon einmal 
unternommen hat, die jungen Mädchen zu den leuchtenden Blüten > 
katholischer Dichtkunst der Gegenwart hinzuführen, der weiß es, wie j 
sie lauschen, wie sie stundenlang zuhören könnten, während doch 
sonst häufig das Ende eines Vortrags herbeigesehnt wird. Man 
muß ihnen nur nicht allgemeine Worte über den Dichter und sein 
Werk sagen, sondern fesselnd und herzgewinnend erzählen, den ! 
Dichter oder die Dichterin selbst zu ihnen reden lassen, so daß der, 
Vortrag den Wunsch auslöst: Diese Bücher möchte ich lesen; nach 
denen werde ich in der pfarrbibliothek oder bei Bekannten fragen. - 
Gern wlrd die Lehrerin auch ihren eigenen Bücherschatz zur Ver 
fügung stellen; denn „Bücher, die man nicht verborgt, sind totes 
Kapital". Nach einem Vortrag, in dem ich den erwerbstätigen 
Mädchen von der Handel-Mazzetti erzählte, paßte mich ein Fabrik-^ 
mädcken im Vorraum ab und bat, ob es sich nicht einmal ein Buch
	        
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