Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

<08 
Literarischer handweiser. 
Uritische Monatsschrift. 
herausgegeben von Dr. Gustav Keckeis, Freiburg, Herder. 
Ls ist noch nicht lange her, da las ich im „Gral" ein paar 
Sätze, der „Literarische handweiser" habe so wenig Leser, daß er 
um sein Fortbestehen Kämpfen müsse. Das Klang mir schier unfaßbar, 
welche andere Zeitschrift besitzen wir Katholiken, die uns mit gleichem 
Ernst über die Neuerscheinungen der Literatur orientiert? Keine. 
Sie verlieren, hieße auf einen klaren und sicheren Wegweiser ver 
zichten müssen. Im Krieg und in der Nachkriegszeit waren wir 
gezwungen, den Wunsch und die Freude an ein und der anderen 
guten Zeitschrift zurückzudrängen, wir haben „abgebaut", und uns 
bei der fühlbaren Geldknappheit jetzt noch nicht entschließen können, 
wieder „aufzubauen". Ls ist Zeit. - wir Horen oft und sprechen 
es gern nach - schon deshalb, weil wir uns selber ja auch zu den 
geistigen Arbeitern rechnen -: Deutschlands geistige Kraft und Reg 
samkeit kann nicht vernichtet werden; das ist erhebend und trost 
reich, aber daß es Wahrheit bleibe, dazu müssen wir Erzieher vor 
allen anderen Helsen, wenn wir uns zu den Gebildeten zählen, 
zu den Trägern der Kultur, dann können wir katholische Lehre 
rinnen nicht an einer Zeitschrift vorbeisehen, wie sie der „Literarische 
handweiser" ist. 
vor mir liegen die Nummern 1-8 des laufenden Jahrganges 
in sauberen heften mit ausgezeichnetem Papier und gutem Druck, 
wachen wir einen „Streifzug" durch diese hefte: 
Da bespricht Monica v. Miltiz sechs Erscheinungen verschiedenster 
Art über den Tanz. Ihre Ausführungen erweitern sich zu einer 
geistreichen, ernsten Darbietung über das Wesen der Tanzkunst, 
die gerade uns lebhaft interessieren muß. Unsere Stellung zu den 
„Mode" gewordenen Tänzen, Neigen und Rhythmischen Übungen 
unserer Kinder bekommt durch solchen Artikel Klarheit und Richtung, 
und das ist notwendig, denn wir können solche „Moden" nicht mit 
einem Achselzucken abtun, müssen uns vielmehr orientieren, was 
daran ist. 
Im dritten heft steht neben anderem eine Abhandlung von 
Romano Guardini „Liturgische Bewegung und Liturgisches 
Schrifttum". Es find nicht weniger als zehn Neuerscheinungen 
auf dem Gebiete der Literatur, angefangen mit Anselm Schotts 
„Römisches vesperbuch" bis zu Romano Guardini „Liturgische Bil 
dung", die gekennzeichnet und gewertet werden. Auch das Sich- 
bekümmern um liturgische Dinge ist „Mode" geworden. Daß diese 
„Mode" zum tieferen Eindringen in den Geist der Kirche, zum 
stärkeren Erfassen unserer katholischen Glaubens und zu einer größeren 
Liebe zum Katholizismus führen möge, dazu helfen uns Männer 
wie Guardini, Lippert, Adam, Schott. Lassen wir sie zu uns sprechen, 
sooft wir es können. 
„von der Wiedergewinnung eines gereinigten Bewußt 
seins der Welt" spricht Hermann Platz auf fünf Seiten des vierten 
Heftes, wer den geistreichen Plaudereien über die sieben Neu 
erscheinungen „die alle mittelbar oder unmittelbar die Frage einer 
europäischen Gemeinschaft —die aktuellste von allen geistespolitischen — 
berühren", folgt, ist gut orientiert und weiß zu wählen, wenn er 
den Gedanken weiterdurchstudieren will. Im gleichen heft finden 
w:r eine längere Abhandlung „vom Wesen und willen neuerer 
Lyrik"; Heinrich Temborius würdigt darin zwölf „Neue": Werfel, 
Binding, Lissauer, Borchardt, Bilke, Billinger, Hofer, Seidenfaden, 
König, Hans Dörfler, Köhler-hanßen, Henkel. 
„Strindbergs religiöse Tragik" von Joseph Sprengler, 
„Neueres über Dostojewskij und Tolstoi" von Johannes 
Mumbauer bringt das fünfte heft. Schon die Namen bürgen dafür, 
daß diese Würdigungen über den Rahmen einer alltäglichen Büchrr- 
besprechung weit hinausgehen; da fallen Worte, die uns aufhorchen 
lassen, die blitzartig Licht geben, die uns klarer sehen lassen. - Die 
Namen der beiden großen Russen klingen mit, wenn das „russische 
Problem" angeschlagen wird; über sie mehr wissen, heißt mehr über 
das geheimnisvolle russische Wesen wissen. 
Über „Franz Herwig und die erste Monographie über 
sein Schaffen" berichtet Joseph Antz im sechsten heft, und wir 
find ihm dankbar dafür, daß er es mit dem seinen Verständnis tut, 
das ihm eigen ist, und mit dem scharfen Blick, der künstlerisch wert 
volles leicht herausfindet und ins rechte Licht rückt. 
„Linen Streifzug durch das neueste englische Schrifttum" 
macht Karl Krns im siebenten heft. und im gleichen heft bespricht 
Theodor Brauer „Die Soziale Unruhe". Günther Müller „Hebbels 
Persönlichkeit", erinnert Karl widmaier an „Wilhelm von 
Scholz' 50. Geburtstag" und gibt eine gute Übersicht über sein 
Schaffen. 
Vas achte heft hat gleich zu Anfang eine bedeutsame Kritik. 
„Um die Seele des Bauern" von Joseph Mayer. Da werden 
nicht weniger als acht Bücher von Joseph Weigert besprochen und 
gewogen, die dem Bauern gelten: Das Dorf entlang; Es ist Seit; 
Treu deiner Scholle; Die Volksbildung auf dem Land; Beim Kien 
spanlicht; Deutsche Volksschwänke; Religiöse Volkskunde; Bauern- 
predlgten. 
weiterhin ist in dieser Nummer für uns von großem Interesse 
„politische Kräfte in der jungen Generation" von Walter 
Dirks und „vom Ursprung der deutschen Städte" von Ernst 
Hamm. 
Außer diesen „Leitartikeln" weist jedes heft eine Reihe von 
Einzelbesprechungen auf. was die Literatur an Beachtenswertem 
auf den Büchermarkt bringt, findet Raum und wird bewertet nach 
den Gesetzen, die Kunst, Religion und Moral aufrichten. 
Leider sind die Bücherkritiken, die in Tageszeitungen und Zeit 
schriften stehen, wenig tiefgründig, ernst und wahrhaftig, wenn 
wir Katholiken nun wissen, da ist ein sicherer, vorurteilsloser, hoch 
stehender Literarischer handweiser, so sollten wir uns auch unserer 
Pflicht bewußt werden, diesem handweiser die weitgehendste Ver 
breitung zu verschaffen, versuchen wir es eine jede für sich oder 
auch zwei, drei zusammen. Man bestellt in seiner Buchhandlung 
oder auch bei der Post. Jede Nummer I . Bestellen wir zunr 
wenigsten einmal ein Versuchsquartal vom I. Oktober bis 1. Januar! 
Literaturkommission. 
Zum Alkoholverbot in Amerika. 
von Hanna Stephan, Heisse, 
Vorsitzende des Kurschusses zur Bekämpfung des Klkoholismus. 
„Die Wahrheit über Amerika" nennt wilhelmine Lohmann, 
(früher Lehrerin, jetzt Leiterin des Ausschufles für Alkoholverbot m } 
Deutschland) eine kleine Schrift, in der sie ihre Reiseeindrücke im 
Lande des Alkoholverbots beschreibt. Die Kulturtat, die Amerika' 
mit der Durchführung dieses Verbotes geleistet hat, wird bei uns, 
herzlich wenig gewürdigt, man liest und hört wenig darüber und 
das wenige noch in ganz ungünstigem Sinne. Man lacht und spottet 
darüber und erzählt sich, daß gerade jetzt noch viel mehr in Amerika 
getrunken würde als früher usw. Für den etwas tiefer Blickenden 
ist es klar, woher der wind weht; das um seine Gewinne bangende 
Alkoholkapital, das vermöge seiner glänzenden Überschüsse in der> 
Lage ist, die Presse stark zu beherrschen, sorgt natürlich für eine 
Aufklärung in seinem Sinne. Nun ist es sehr lehrreich zu lesen, 
wie sich dem aufmerksamen Beobachter das Leben und Treiben drüben 
nach dem Alkoholvsrbot (eingeführt 1920) darstellt. Schon die 
Überfahrt wurde auf einem „trockenen" Schiff gemacht, bei den, 
üblichen Tanzabenden und Maskenbällen wurde kein Tropfen Alkohol, 
genossen, und es war trotzdem fröhlich. In den Großstädten ein 
atemberaubendes Getriebe, Auto hinter Auto rast vorüber, jede zweite 
oder dritte Familie besitzt dort eines, und doch Ruhe und Sicherheit 
überall, kein angetrunkener Führer gefährdet die Leute. Im früheren 
Verbrecherviertel, wo sich ehedem eine Kneipe neben der anderen 
befand, sieht man nicht eine mehr, auch dort Sicherheit, gefahrlos 
für den Durchgehenden. Und die Gasthäuser, alle ohne Alkohol, 
hell, freundlich, große, vorhanglose Fenster, in denen die schönsten 
Früchte ausgestellt sind; auf den weißen Marmortischen steht eine) 
Schale voll Zucker zum kostenlosen Gebrauch, denn jedem Gast wird, 
eisgekühltes oder frisches Wasser dazu gebracht, das herrlichste Gbst 
bekommt man zur Vervollständigung seiner Mahlzeit, wilhelmine 
Lohmann erzählt, daß sie wochenlang Tag für Tag, zu jeder Zeit, 
auch um Mitternacht diese Gasthäuser in allen Teilen der Stabte] 
besücht hat und immer wieder feststellen mußte, wie ordentlich und 
gesittet es dort zuging, auch um Mitternacht, auch wenn sie als 
einzige Frau unter den Männern saß. In den Schulen konnten die 
Lehrerinnen (Lehrer gibt es sehr wenige in Amerika) viel erzählen 
von den guten Wirkungen der Abstinenz auf den Gesundheitszustand
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.