Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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Fakultäten an den staatlichen Universitäten aufgehoben. Dann 
erfolgte durch Gesetz vom 23. Juni 1877 die Abschaffung der Re- 
ligionslehrerstellen an den Gymnasien und anderen Mittelschulen, 
und durch Dekret vom 14. September 1889 wurde auch der Re 
ligionsunterricht an den sog. Normalschulen oder Lehrerseminarien 
beseitigt. Bereits früher war durch Gesetz vom 15. Juli 1877 der 
Religionsunterricht an den Volksschulen fortgefallen, da dieses 
Gesetz ihn ganz mit Stillschweigen überging. Damit waren sämt 
liche staatliche Unterrichtsanstalien von der Universität bis zur Volks 
schule völlig laisiert. Eine kleine Besserung brachte allerdings das 
Königliche Dekret vom 6. Februar 1908, das die Fürsorge für den 
Religionsunterricht den Gemeinden überwies. Ruf das verlangen 
der Ettern konnte der Gemeinderat die Erteilung des Religions 
unterrichts in den Volksschulen beschließen, weigerte sich aber die 
Mehrheit der Gemeinderäte, einen solchen Beschluß zu fassen, so mußte 
der Religionsunterricht auf Rosten der Familienväter erteilt werden. 
Man sieht, wie prekär auch nach diesem Gesetze die Stellung des 
Religionsunterrichtes war. Er galt zwar nicht mehr als völlig aus 
den Volksschulen verbannt, aber ihm fehlte die gebührende Rchtung 
und Rutorität, da er staatlicherseits mehr geduldet als gefördert 
wurde. 
hierin ist nun mit einem Schlage ein großer Umschwung, ja eine 
totale Linderung eingetreten. Das eingangs erwähnte Königliche 
Dekret vom 1. Oktober 1923 bestimmt in Rrt. 3: „Das Fun 
dament und die Krönung des Volksschulunterrichts auf 
allen seinen Stufen ist der Unterricht in der christlichen 
Lehre nach der Form, die sie in der katholischen Tradition 
erhalten hat." Mit diesem Motto ist von der gegenwärtigen 
; Regierung auf dem Gebiete der Jugenderziehung und Jugendbildung 
der Grundsatz vertreten, den zu allen Zeiten die Päpste und Bischöfe 
gefordert und die katholischen Pädagogen wissenschaftlich begründet 
haben, weiter fährt der Rrt. 3 fort: „Der Religionsunterricht wird 
an den Tagen und Stunden, die in dem Schulreglement festgesetzt 
Md. von den Klassenlehrern erteilt, die für dieses Rmt tauglich ge 
halten werden und dasselbe annehmen, oder von anderen Personen, 
fderen Tauglichkeit vom König. Provisor der Studien nach Rnhörung 
[bzs Schulvorstandes anerkannt worden ist. Um die Tauglichkeit für 
'die Erteilung des Religionsunterrichtes sowohl bezüglich der Lehrer 
wie anderer Personen festzustellen, wird sich der Königl. Provisor 
mit der zuständigen kirchlichen Behörde ins Einvernehmen 
(setzen, vom Religionsunterricht in der Schule sind diejenigen Kinder 
befreit, deren Eltern erklären, persönlich dafür sorgen zu wollen." 
Damit ist auch der kirchlichen Behörde ein Mitwirkungsrecht bei der 
Ruswahl der Religionslehrer eingeräumt und nicht ausgeschlossen, 
daß in Ermangelung geeigneter Lehrer auch die Geistlichen den 
Religionsunterricht übernehmen. 
Die zentrale Stellung, die dem Religionsunterricht in Zu 
kunft in den italienischen Volksschulen zukommt, hat der Ministerial- 
erlaß vom 11. November 1923 noch besonders unterstrichen. In 
den Erläuterungen zum Stundenplan heißt es zu Paragraph 1: 
„Der Religion, die das Gesetz als das Fundament und die Krönung 
des Elementarunterrichts betrachtet, ist in vielen Unterichts- 
fächern ein wichtiger Platz eingeräumt, insofern sie dieselben mit 
ihrem Geiste durchdringen soll. Das Programm des Gesanges 
schreibt auch religiöse Gesänge vor; das des Italienischen bietet 
häufig Gelegenheit, die Helden des Glaubens zu erwähnen und 
zu feiern, das der intellektuellen Unterhaltungsstunden bezeichnet als 
Gegenstände für die Erzählungen der Lehrer auch religiöse Motive; 
es ist nicht nötig zu sagen, ein wie großer Teil des Geschichtsunter 
richts den bedeutenden Personen und Ereignissen der religiösen Kultur 
gewidmet sein soll." Daher sind der Stunden, die speziell für die Re 
ligion bestimmt sind, nicht viele. Dieselben müffen der Betrachtung 
der Gegenstände dienen, die in dem speziellen Verzeichnis genannt 
sind, und in den religiösen Betrachtungen sollen sich die Kultur- 
elemente aller übrigen Fächer wie in einem Brennpunkte vereinigen. 
In den weiteren Rusführungsbestimmungen, namentlich in der 
Verordnung vom 5. Januar 1924, wird dann noch verfügt, daß 
die kirchliche Behörde auch bei der Ruswahl der Lehrbücher für die 
Religion mitwirken soll. 
Rlles in allem genommen wird man dem in den Grundzügen 
dargelegten Programm den Charakter der Entschiedenheit und des 
mutrgen Bekenntnisses nicht absprechen können. Es ist nichts halbes 
und nichts Kompromißartiges, das auf beiden Seiten hinkt, sondern 
etwas Ganzes und Bestimmtes, das die Religion als den Rnfang 
und das Ende, das Rlpha und das Omega der künftigen Erziehung 
und Bildung aller jungen Italiener stabilisiert, wenn dieses Pro 
gramm loyal durchgeführt wird, wird es sicher der „Giovane Italia" 
zum heile gereichen, wir dorischen Katholiken haben inmitten 
unserer modernen Schulkämpfe, die sich an die Revolution angeschloffen 
haben, gewiß allen Grund-, dieses „ultramontane" Schulprogramm 
eifrig zu studieren, und es wäre gut, wenn es in den weitesten 
Kreisen unseres Volkes verbreitet würde. Dann könnte auch bei 
uns die Meinung zum allgemeinen Durchbruch kommen, daß eine 
wirkliche, solide Bildung nur auf dem Boden der konfessio 
nellen Schule möglich ist und die sog. neutrale Schule überhaupt 
keine Schule ist oder, wie der italienische Unterrichtsminister Eentile, 
der Urheber der Schulreform, sagt: scuola n6utra, cive nulla. 
Meinungsaustausch. 
„Der Tänzer unserer lieben Frau." 
Eine Erinnerung. 
Unvergeßlich ist mir die erste Rufführung des kleinen Legenden 
spiels nach altem Text „Der Tänzer unserer lieben Frau" von Franz 
Johannes Weinrich im Nationaltheater in München vor zwei 
Jahren geblieben. Noch immer klingen mir die innigen und be 
schwörenden Bitten des Spielmanns, die er in seiner Herzensnot an 
die Himmelskönigin richtet, in den Dhren. Die Töne der begleitenden 
Musik von Bruno Stürmer haften noch irgendwo in meiner Seele 
und geben den schwingenden Hintergrund, auf dem sich das meister 
hafte, beseelte und darum zur Seele des Hörers sprechende Spiel 
Kurt Stielers leuchtend abhob. 
So war ich sehr gespannt und - ein wenig mißtrauisch, als 
ich in dem Programm des „Theaterlehrgangs", den der Rheinische 
Bund für heimatpflege Rnfang Oktober 1923 in Bonn veranstaltete, 
die Rnkündigung einer Rufführung des Legendenspiels durch die 
Bonner Jugendspielschar des Bühnenvolksbundes las, die im Kreuz 
gang des Bonner Münsters stattfinden sollte. Der Ort schien mir 
freilich trefflich gewählt. — Der schöne gotische Kreuzgang, in dem 
etwas von der Glaubensinbrunst und Gebetsinnigkeit früherer Zeiten 
am grauen Gemäuer hängen geblieben war, mochte wohl einen 
besseren Rahmen für ein Legendenspiel abgeben als die Bühne des 
Nationaltheaters, die manchmal ganz anderes gesehen hatte. Rber 
ob die Kräfte der jugendlichen Spieler ausreichten, ob vor allem 
der Darsteller des Tänzers seiner Rolle gewachsen sein würde? 
Der Rbend kündete sich nicht vielversprechend an. Es regnete, 
regnete, nicht stark, aber um so ausdauernder. Zum Glück konnte 
man sich einigermaßen in die Bogengänge stellen. Und dann — 
bald vergaß man das Wetter und den bedeckten Himmel. Knaben 
mit lodernden Pechfackeln standen rings um den Kreuzgang, eine 
stimmungsvolle helle verbreitend. Dann erklangen Lauten und 
Geigentöne und eine Reihe geschmückter Knaben und Mädchen zog 
auf den Plan, die sich nach der Melodie alter Volkslieder in Tanz, 
schritten bewegten - der Hochzeitszug. Dann trat der Herold hervor, 
der als Rnkünder des Spiels die Geschichte des Tänzers in schlichten 
Versen erzählte, wie er auf Jahrmärkten und Festen auf dem Seil 
seine Kunststücke übte und mit gaukelnden Tänzen sich in die Herzen 
der Mädchen und Frauen stahl, wie aber irgend etwas in ihm nach 
anderem rief — nur wußte er nicht wonach. Rber die Himmels 
mutter hörte das stumme Rufen seines Herzens und zog ihn an 
unsichtbarem Faden zur Pforte ihres Hauses, daraus das Magnifikat 
aus dem Munde ihrer Diener in das Geschrei des Jahrmarkts, in 
die laute Musik des Hochzeitszuges mit heimlicher Lockung drang: 
Hochzeitsgäste und Herolde ziehen ab. Rllein zurück bleibt de( 
Spielmann im bunten Narrenkleid. 
Jetzt merkt er, was ihn heimlich hierhin gezogen und ihn weiter 
ziehen will. Rber er sträubt sich. „Nein! Ich will nit! Ich wil 
nit dienen!" Muß er nicht sein ganzes Leben von Grund ändern, 
wenn er an die dunkle Pforte klopft? Lebewohl sagen der 
bunten Welt — den weiten Feldern und wiesen und dem Farben 
rausch der Märkte und Straßen? verweht klangen die Töne der 
Münsterorgel in den Kreuzgang, riefen die Töne des Psalters zu 
neuem Dienste — nicht nur den Spielmann, jeden von uns riefen
	        
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