Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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s^. Und er vermag sich ihrer Gewalt nicht zu entziehen. Er klopfte 
an die Pforte mit dröhnendem Schlag: „was willst du, Narr?" 
fragt der Pförtner, „heim zu ihr." 
Damit endet das erste Bild. Das zweite spielt nach den Angaben 
des Dichters in der Kirche vor dem Altar der Jungfrau. Natürlich 
war ein Wechsel des Schauplatzes nicht möglich. So hatte man 
unter denkbar geschickter Nusnutzung des gegebenen Naumes das 
Marienbild, bzw. die Darstellerin der Muttergottes auf einen Altar 
unter einem Bogen des Kreuzgangs hingestellt an der den Zuschauern 
abgewandten Seite. Bei der flimmernden Beleuchtung war der Altar 
völlig unsichtbar geblieben. Nun kamen die Mönche in langem Zug 
heraus aus' dem Münster, jeder eine brennende Nerze in der Hand, 
die nun zu beiden Seiten des Altares ausgestellt wurden, der dadurch 
gewissermaßen erst für die Zuschauer vorhanden war. Daß die 
Mönche bei dem hin- und Zurückgang nicht irgendeine lateinische 
Marienhymne sangen, ist eigentlich der einzige wesentliche Fehler der 
ganzen Ausführung gebieben. 
Dann war es wieder still und leer auf dem Plan. Nur der 
Spielmann stand scheu abseits, allein. Nun beginnt das eigentliche 
Spiel — wie er in ergreifenden Worten klagt, daß er die Bilder 
alter sündiger Gage nicht aus seinem Herzen vertreiben kann, daß 
sie immer wieder aufstehen in roter Lust, daß er der süßesten Frau 
reicht dienen kann mit Psalter und Paternoster wie die anderen 
Mönche, die ihn darum ausstoßen werden aus ihrer Gemeinschaft, 
hinaus zu den Hunden. Was kann er? Nur tanzen! — - Aber 
wenn er das täte zu ihrem Preis? wenn er das Beste seiner Kunst 
ihr zum Opfer brächte, ob sie cs verschmähen würde? nein, sie ist ja 
die immer Gütige. So ruft er sich zu: „Auf, meine Seele, auf, mein 
Leben. Du solltest der Mutter dich weihen, rein und in Züchten dich 
drehen und neigen vor ihr zum heiligen Preise . . Eja, süße Königin, 
nimm hin, mein herz, nimm hin meinen Leib. Ich lebe im Herrn 
und in dir. Nit brauche ich herz und Leib, wenn ich kann tanzen, 
tanzen vor dir." Damit beginnt der Spielmann sich zu drehen und 
zu neigen vor dem Bilde der Himmelskönigin, ohne sich viel von 
seinem Platze zu bewegen, vielleicht hätte schon dieser erste Tanz 
etwas bewegter sein können, um die spätere völlige Erschöpfung 
des Spielmanns auch physiologisch wahrscheinlicher zu machen. Als 
Begleitung zu diesem wie zu den folgenden Tanzen erklangen alt 
bekannte Marienlieder: Maria zu lieben . . . Milde Königin ge 
denke . . . wunderschön prächtige. Inbrünstiger wird der zweite 
Tanz des Spielmanns, den er nach kurzer pause anhebt: „Ich will 
mich erschöpfen, daß ich fühle, wie das zweischneidige Schwert durch 
dein herz sich stieß, ich will nur deinen Namen noch lispeln können, 
wenn ich nur dienen kann." Er bricht unter der Überanstrengung 
zu Boden. Aber hat er wirklich sein Alles gegeben? Oder will 
die schönste Jungfrau sein Tanzen und Springen nicht? Ist vielleicht 
noch in seinem Tanz etwas von dem Gaukelspiel der Märkte, wo er 
so lange seinen Leib sündiger Schaulust darbot. „G gnädige, liebe Frau, 
zertritt mich, daß ich gesündigt." Da, während er sich in Neu und weh 
am Boden windet, geschieht das Wunder. Das Marienbild bekommt 
Leben. Gütevoll neigt sich unsere liebe Frau zu ihrem Kinde: „Du 
bist mein guter und getreuer Knecht, du wirbst um mich — du 
wirst das Leben haben, heute sollst du noch bei meinem Sohn im 
Paradiese sein." Erschüttert haben Abt und Mönche, die leise hinzu 
getreten waren, das Wunder erlebt. „Bruder Simplizius aber, der 
alte Spielmann, tanzt nun seinen letzten und schönsten Tanz. Eja 
Königin! auf meinen Lippen dein Name." Erschöpft sinkt sein 
Körper zusammen, aber seine Seele jubelt: „Ich trage ein Licht in 
meinen Augen; — nicht von Sonnen, Mond und Sternen. — Glanz 
Mariens, der himmlischen Frau." Die Mönche umgeben den Ster 
benden. Wieder kommt der frohe Zug der Hochzeit auf den Plan, 
seine Hellen Gestalten mischen sich zu einem feinabgetönten Bilde 
unter die dunkle Möncheschar. In dieser Umwallung kann sich der 
Darsteller des Spielmanns unbemerkt entfernen, vielleicht wäre es 
noch stärker in der Stimmung gewesen, wenn die Mönche den 
Spielmann hinausgetragen hätten. — Aber auch so war es tief 
bewegend, wie sich die beiden so verschiedenen Züge der Mönche 
und Hochzeiter ordneten und unter Singen eines Marienliedes — 
«Meerstern, ich dich grüße" - in das Münster zogen, von 
dorther tönte der tiefe Klang der Orgel zu den Schauenden hinaus, 
ihnen kündend, daß das Spiel heimgekehrt war zu der Stätte, von 
der es seinen Ursprung genommen. 
Stumm, jeder in sich die Worte und Gebärden des Spiels 
erwägend, verließen wir den Kreuzgang des Münsters; jeder 
fühlte, was er hier gesehen, war mehr als ein gewöhnliches Spiel, 
das irgendwie die Spiel- und Schaulust befriedigen sollte. Es war 
ein Gottesdienst besonderer Art, und die ihn spielten, hatten sich 
tief in den Stoff der gläubigen Legende versenkt, die zuschauten, 
mochten sie Herkommen, von wo sie wollten, wurden langsam in den 
Bann dieser Gläubigkeit gezogen, welche Aussichten für die Ent- 
Wicklung des Laienspiels, wenn dieser Geist wieder allgemein würde, 
wenn wieder Kunst und Glauben einen so innigen Bund schließen! 
Aber, aber ... „wie weit noch die Stätte, der weg wie lang! . . ." 
KI. KT. Faßbinder. 
Ku$ Württemberg. 
währenddem ich diese Seilen schreibe, beginnen in Marchtal wohl die 
Lehrerinnenexerzitien, wie ich hörte, kamen aus allen Gauen Deutschlands 
Anmeldungen dazu ins schöne, stille Kloster geflogen. Bei Exerzitien werden 
gewöhnlich mit begeistertem herzen die edelsten Vorsätze gesoßt. Ich wüßte 
da den Württembergischen Kolleginnen ein sehr aktuelles Motiv dazu: 
Fürsorge für die abgebauten Junglehrerinnen! Das klingt manchen viel- 
leicht etwas kühn, anmaßend, ober man empfiehlt und preist in den ver- 
einsversammlurgen ja so oft Kollegialttät und Zusammenstehen, das Für- 
und Miteinander, wie wär's, wenn man diesen schönen Schlagwönern, 
die so sozial und karitativ anmuten, nun auch mal in punkto Abbausüciorge 
eine kleine Tat folgen ließe! wer das Glück hat, vor 1920 angestellt 
worden zu sein, schwelgt jetzt größtenteils in Ferienfreuden. wenn's auch 
manchen keine große Reise reichen mag, einem kleinen „Schwanz" langr's 
immerhin. Beuron und Marchtal sind Zeugen dafür. Soll ich diesen 
Glücklichen die Not und den oft so liefen, bitteren Groll der Abgebaulen 
schildern? Ich will zur Illustration nur einen Satz aus dem kürzlich im 
vereinsboten erschienenen Bericht eines abgebauten Junglehrers anführen: 
„Uns langt es keine Briefmarke mehr!" 
Ahnt man wohl überall, wieviel Knechtung, Verbitterung, Demütigung, 
wieviel Zerstörung edelster Ideale, Armut und Blöße hinter dieser Tatsache 
steckt? Man hat ein wirklich beachtenswertes Vorbild am württembergischen 
katholischen Lehrerverein, der für seine abgebauten Mitglieder längst eine 
Unterstützungskasse errichtet hat. Sämtliche aktive Mitglieder haben hierzu 
Beitrag zu steuern. Mit salbungsvollen Trost- und Beileidsworten ist nicht 
geholfen. Gebt uns eine Tat! wenn man sich wirklich zu einer solchen 
aufraffen wollte, dann bedenke man doch: wer schnell gebt, gibt doppelt! 
Man halte sich nicht auf mit langen Erwägungen über die Bedürftigkeit 
der einzelnen Abgebauten. Unsere Lehrerinnen kommen in der Mehrzahl' 
aus dem Mittelstand, der, da; dürfen wir ruhig sagen, den Kock au-zi-ben 
muhte, damit Vater Staat sich wieder bekleiden konnte. In den meisten 
Fällen ist die abgebaute Lehrerin gezwungen, wieder an Vaters ohnedies 
kargem Tisch zu sitzen, sich von ihm wieder unterhalten zu lassen. 6)b da 
eine kleine Unterstützung willkommen ist? Klit heißem Dank wird sie 
begrüßt werden. Es soll damit den Abgebauten sicher kein Uuhekisscn 
gekickt werden, auf dem sie gemach ein Dekret abwarten können. Ich bin 
versichert, es hat jede schon selber so viel Ehrgefühl und pflichtbewußtiein, 
daß sie kein Mittel unversucht läßt, sich ihren Lebensunterhalt zu schaffen. 
Nur einem kleinen Prozentsatz jedoch wird solches bei dem Überschuß an 
Stellenlosen gelingen. Im Monat Juni d. J. wurden in Stuttgart bei 
einer einzigen Stellenvermittlung 900 weibliche Stellenlose vorstellig. Für 
Büros und dergleichen kommen Lehrerinnen kaum mehr in Betracht, denn 
hier ist die Nachfrage ganz perfekter Kräfte mit jahrelanger Praxis so groß, 
daß die abgebaute Lehrerin mit ihren bürotechnischen Anfangskenntnffjen 
ausscheidet. Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen, Hauslehrerinnen? wiev eie 
können sich das heutzutage noch leisten? Kurz, die Möglichkeit irgendwo 
unter.ukommen, ist sehr, sehr gering. Ist sie geboten, dann ist der Ver 
dienst meist derart, daß er kaum den dürftigsten Lebensunterhalt bietet. 
Ist es da nicht heilige Pflicht der Festbesoldeten, zu helfen, soviel in ihren 
Kräften steht! Prälat Dr. Kreutz sprach auf der letzlen württembergischen 
Karitastagung das schöne Wort: „Zwei Hände hat der Herrgott dem Menichen 
gegeben. Mit der einen hat er für sich zu sorgen, mit der anderen seinem 
bedrängten Mitbruder zu Hilfe zu kommen, versäumt er letzteres, so hat 
eine seiner edelsten Aufgaben nicht erfüllt!" — wohlan! 
Aus der Zeit. 
Aus Preußen. 
Sum Abbau. 
Aus dem preußischen Landtag. 
Ver preußische Minister für Wissenschaft. Kunst und Volksbildung hat 
auf die kleine Anfrage der Abg. Barieid (Hannover) und Een. folgendes 
geantwortet: 
Die Verhältnisse verschiedener Zweige der preußischen Staatsverwaltung, 
insbesondere der Schulverwaltung, bringen es vielfach mit sich, daß die 
Berichte über die Auswahl der für den Abbau in Betracht kommenden 
Beamten nicht über den einzelnen Beamten gesondert erstattet werden, 
sondern die Personalverhältnisse der ganzen Behörde oder der ganzen Anstalt 
behandeln, weil sich die Auswahl nach 8 20 P.-A.-V. erst durch «inen ver- 
gleich des wertes der dienstlichen Leistungen oder der wirtschaftlichen und 
FamilienverhäUniffe der Beamten treffen läßt.
	        
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