Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

Nr. 35 
57. Jahrgang 
Paderborn, 20, Sexteinber 
Inhalt: 2- ITC,, Die Ursachen der ungleichen Entlohnung für Mann und 
Frau S.* 317. Stoffels, Kultusetat S. 319. Kurse S. 320. *7. Fr, üHe 
irirb der Turnunterricht der körperlichen Entfaltung gerecht? 5. 321. Beperle, 
Mädchenlurnen 5. 322. pädagogische Rundschau: Katholikentag (Ent 
schließungen) S. 523. Preuß. Städtetag über die Rechtsstellung der Gemeinden 
S. 323. «öffentliche Haushaltungsschulen 5. 324. Rus der Zeit: Katho- 
liksnvsrsammlung (Bericht). B-L.-K. Berlm. Preisausschreiben Sparkasse. 
Umilichss: Zahlung des Oiensteinkommens. Verleihung von Beförderung- 
stellen. Kommunionunterricht. Kurzschrift. Rus unserem verein: Diaspora- 
beitrag. Tagung Dresden. Gautag Erfurt. Bezirks-u. Zweigvereine. 
Merktafel. Bücherbesprechungen. Stellenvermittlung. 
Die Ursachen der ungleichen Entlohnung 
für Mann und Zrau. 
von T. m. 
Noch heute leiden tüchtige Frauen, die sich des Wertes ihrer 
Arbeit bewußt find, darunter, daß die Entlohnung für Wann und 
Frau nicht gleich ist, selbst wenn sie beide die gleiche Leistung aus 
zuweisen haben. Daß die Forderung nach gleichem Lohn nur unter 
der'Voraussetzung der gleichen Leistung erhoben werden kann, ist 
)a unbestritten. Danach entsteht aber sofort die Frage, ob die Frau 
tatsächlich das gleiche leistet wie der Mann. Bei aller Verschiedenheit 
in Veranlagung und Begabung beider Geschlechter gibt es doch 
zahlreiche Gebiete, auf denen die Frau tatsächlich dem Manne eben 
bürtig ist; ja, nicht selten hat sie auf besonderen Gebieten bessere 
Leistungen aufzuweisen als er. Dennoch treffen wir auch hier die 
unterschiedliche Behandlung. Wenngleich in den letzten Jahren eine 
Annäherung von Männer- und Frauenlöhnen erfolgt ist, so dürfte 
es nicht überflüssig sein, sich einmal über die Gründe der ungleichen 
Entlohnung klar zu werden. 
Vorerst müssen wir festhalten, daß für die Gesamtbeurteilung 
auch die Gesamtlage maßgebend ist. Die wirtschaftlichen Gesetze, die 
sich bei der Lohnbildung im allgemeinen auswirken, gelten auch für 
die Frauen. Weil aber niemals eine Ursache allein wirksam ist, 
sondern viele zusammen kommen, das Gewicht der einzelnen bei den 
Frauen aber anders verteilt ist, als bei den Männern, ergeben sich 
Verschiedenheiten. 
Der wichtigste Maßstab bei der Bezahlung einer Arbeit ist ihr 
Wert für den, der in den Genuß der Leistung kommt. Zur Er 
zielung dieses Wertes kann es sich sowohl um körperliche Kraft- 
anstrengung als auch um geistige Leistung handeln. Für alle 
Arbeiten, die besondere körperliche Kraft erfordern, ist die Frau 
aber von Natur weniger geeignet als der Mann. Ihre größere 
Fähigkeit im Ertragen von Leiden kann den Mange! an Körperkraft 
nicht ausgleichen. Auch der Umstand, daß in Notzeiten die Frau 
die schwersten Arbeiten ausgeführt hat, kann an der Tatsache nichts 
ändern, daß ihr Tätigkeitsfeld für normale Zeiten enger begrenzt 
Ust und enger begrenzt sein mutz. Aber auch die rohe Uraft mutz, 
soweit es sich um Grade handelt, die über den Durchschnitt hinaus 
gehen, besonders bewertet werden, wenn man sie gewinnen will. 
So erklärt es sich, daß auch gewisse ungelernte Arbeit, die sehr hohe 
Anforderungen an die Körperkraft stellt, z. B. die Tätigkeit des 
Müllkutschers, verhältnismäßig hoch entlohnt wird. Daß diese Arbeit 
.auch unangenehm ist — man denke nur an Staub und üblen 
Geruch — spielt kaum eine Nolle. Diese Besonderheit ist auch vielen 
anderen Arbeiten eigen, die zu den schlechtest entlohnten gehören, 
zu denen auch die Frauen vorzugsweise herangezogen werden, weil 
die Männer sie verabscheuen. 
Über die geistigen Fähigkeiten der Frau wurde früher lebhaft 
gestritten. Ihre geringere schöpferische Kraft auf dem Gebiete der 
Kunst und Wissenschaft wurde von vielen Männern als Beweis für 
den gänzlichen Mangel geistiger Befähigung angesehen. Über diesen 
Streit sind wir wohl endgültig hinaus. Zudem: Die allermeisten 
Berufe erfordern solche Schöpferkraft garnicht. In vielen Fällen ist 
die weibliche Veranlagung zum Einfühlen und Nachschaffen ungleich 
wichtiger. Auch beim männlichen Geschlecht ist das Genie nicht das 
herkömmliche, sondern die Ausnahme. Eine Sonja Kowalewska, 
eine Handel-Mazzetti, eine Madame Curie sind wahrlich nicht ver 
flogene Schwalben, die keinen Sommer machen, sondern sie sind der 
lebendige Beweis, daß der Schöpfer seine Kräfte auch in den weib 
lichen Menschen gelegt hat und sie auch die Gipfelpunkte erreichen 
läßt. 
Die Leistung der Frau stand in den verschiedensten Berufen 
zweifellos lange hinter der des Mannes zurück. Das ist nicht ver- 
wunderlich, denn geistige Fähigkeiten müssen auch entwickelt und 
gepflegt werden. Die Frau hat sich ihren Bildungsweg in den 
einzelnen Berufen mühsam bahnen und dabei gegen eine Welt von 
Vorurteilen kämpfen müssen. Für den Mann gibt und gab es auf 
allen Gebieten eine geregelte Ausbildung, sei es handwerkliche Lehre, 
sei es schulmäßige Unterweisung. Die Frau muhte zusehen, wie sie 
sich mühsam, oft einzeln und zusammenhanglos, Kenntnisse erwerben 
konnte. (Vst wurde ihr Lerntrieb noch von gewissenlosen Unter 
nehmern ausgebeutet, die ihr für schweres Geld eine Pseudobildung 
eintrichterten, die sie oft mehr hinderte, als daß sie ihr nützte. 
Selbst wenn es der Frau gelungen war, sich auf irgendeine weise 
genügende Kenntnisse zu sammeln, war ihr beruflicher Werdegang 
doch noch schwieriger als der des Durchschnittsmannes. Nach einem 
normalen Bildungsweg traut man dem einzelnen auch von vornherein 
eine Normalleistung zu. Man denke nur an die mannigfachen 
Berechtigungen, die der Mann einfach erwerben konnte. Die Frau 
genoß dieses Zutrauen nicht, sondern sie mußte zum Überfluß erst 
noch das allgemeine Mißtrauen überwinden, das man ihr entgegen 
brachte. Frauenleistung wurde immer gering bewertet. Selbst 
hervorragende Einzelleistungen, die gelegentlich und dann vielleicht 
überschwenglich anerkannt wurden, bestärkten nur da- Vorurteil von 
der Minderwertigkeit der Masse. Auch die vielgerühmte hohe 
Achtung vor der Tätigkeit der Hausfrau und Mutter änderte nichts 
an dieser Einschätzung. In Wirklichkeit gilt die Verehrung nur der 
Mutter und Frau (allzuoft freilich nur der hübschen und jungen 
Frau), während die Hauswirtschaft im Grunde doch als etwas Neben 
sächliches, jedenfalls als etwas, das keine besondere Leistung darstellt, 
angesehen wird. Das ist psychologisch durchaus verständlich. Die Tätig 
keit im Hause setzt sich aus unzähligen Einzelheiten und Kleinigkeiten 
zusammen. Sie wiederholt sich ständig in der endlosen Folge der 
Tage. Aber sie hat kein sichtbarer Ergebnis. In einem gut 
geleiteten Haushalt merkt man die Arbeit erst dann, wenn es einmal 
nicht klappt, wenn aus irgendeinem Grunde die Ordnung gestört 
ist. Der regelmäßige Gang der Dinge wird zur Gewohnheit, die 
abstumpft. Was die Hausfrau und Mutter körperlich und erst recht,
	        
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