Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

Nr. <\\ 
57. Jahrgang 
Paderborn, n. November \92-* 
Inhalt: Müller, (Einige Gedanken zur Frage der Lehrerbildung 5. 381. 
Dritten, Oer Unterricht meiner Kleinen im Raknien ihrer Heinmtrvelt 5. 38Z. 
Oädagogilche Rundschau: Richtlinien für Kindergärten, Lewahranstalten 
und Horte 5. 385. Rus der Zeit: Tagungsberichte: verein für christliche 
Grziehungswisscnschast. Zentralbildungsausschuß. Landschule. Frauenbund. 
Lehrerkammer Berlin. Kreislehrerrat Recklinahausen-Land. Aus unserem 
verein: Staatsbürgerliche Schulungskurse. Unierstützung-ckasse. Spar-und 
. Darlehnskasse. Kursus Fulda. Lehrgang Loppard. Tagung Loppard. Aus 
Baden: heimkauf. Bezirks-und Zweigvereine. Merktafel. Büche'r- 
besprechungen. Stellenvermittlung. 
Einige Gedanken zur Krüge der Lehrerbildung.' 
in. 
von Studienrätin Maria Müller, Trier. 
Der Ruf nach der Universitätsbildung aus Areisen der Lehret 
schaft entspringt auch der Einsicht, dag der Lehrer des Volkes mehr 
als je in seiner ganzen Persönlichkeit aufgeschlossen, daß ihm eine 
gewisse Blickweile, eine Befreiung von hemmenden Engen, eine große 
Lebenssicherheit eigen sein muß. wenn wir uns auf die Form der 
pädagogischen Hochschule einigen sollten, dann müßte diese das be 
rechtigte innere Wollen der Lehrerschaft befriedigen und müßte zu 
einer edlen Freiheit der ganzen Lebenshaltung führen, wie sie den 
wahrhaft gebildeten Menschen auszeichnet. 
Es kann deshalb keine Rede davon sein, daß die Pädagogische 
Hochschule wie bisher die Seminare in kleinen Landstädten ersteht, 
wenn auch der wert der Naturnähe und der leichteren Möglichkeit 
einer gesammelten Arbeit n'cht unterschätzt werden darf. Es gibt 
heute noch Städte genug, die mit gleichen Vorzügen ausgestattet und 
wie manche Universitätsstädte: unmittelbare Nähe einer anziehenden 
Natur, ehrwürdige Eradttion, lebendige Berührung mit dem pul 
sierenden Gegenwartsleben, hochentwickeltes geistiges und künstlerisches 
Leben. Die Umbildung vieler Seminare in Ausbauschulen hat be 
reits gute Vorarbeit geleistet, so daß nicht aus äußeren wirtschaftlichen 
Bränden auf diese abgelegenen (Orte zurückgegriffen werden muß. 
Es kann doch nicht angenommen werden, daß die vielbesprochene 
Bildnerschule zu'etzt ein verbrämtes Seminar werde. 
Wenn.eine Form der Hochschule geschaffen wird, die wesensver- 
schreden vom früheren Seminar ist, dann ergibt sich die weite Frage, 
ob diese Hochschule männliche und weibliche Studierende in 
sich vereinen soll. Eine ernste Frage! Tatsache ist, daß heute 
alle Hochschulen sich beiden Geschlechtern erschließen. Nein wirt 
schaftliche und technische Erwägungen sind wohl an erster Stelle dabei 
maßgebend. Man denke an die Benutzung gleicher hörjäte, an die 
Einrichtungen von Bibliotheken, Laboratorien, an die ganze äußere 
und innere (Organisation, die durch den Zusammenschluß männlicher 
und weiblicher Studierender vereinfacht wird. §e bstverständlich bringt 
dieses Zusammenarbeiten für schwache Charaktere direkte Gefahren 
mit sich. 
Es läßt sich aber auch mancherlei anderes gegen eine gemeinsame 
Ausbildung einwenden. Man tadelt doch nicht zu Unrecht, daß ab 
gesehen von bedauernswerten Entgleisungen, die doch Ausnahmen und 
:Regeln sind, der vielfach einseitige Intellektualismus der Uni 
versitäten besonders ungünstig auf die Frauen abfärbt und Bestes 
* vgl. auch Wochenschrift Rr. 24 und 29. - - - 
verkümmern läßt. Dem könnte entgegengehalten werden, daß die 
pädagogische Hochschule aus einem anderen Geiste herausgeboren 
werden soll, und daß man der Gefahr der Intellektualisierung 
hoffentlich aus der inneren Struktur dieses sozialen Schul 
typs entgegenarbeiten muß. Bedauernswert ist, daß in den ent 
scheidenden Jahren der Persönlichkeitsbildung auf der Universität 
die Anregung auf Frauen fast ausschließlich von Männern ausgeht 
und der weibliche Einfluß fast gänzlich fehlt. Es darf nicht ver 
gessen werden, daß der Beruf der Lehrerin noch ein besonderes 
Ethos in sich trägt durch das freiwillig gewählte Zölibat. In 
der alten weiblichen Seminarbildung mit ihrem unbeirrten hinsircben 
auf das eine Ziel steckte doch auch eine persönlichkeitsformende Kraft, 
viele ideale, opferbewutzte Lehrerinnen, die ihre ungeteilte Frauen- 
kraft der Jugend widmcrr, zeugen für die Vorzüge dieser geschlossenen 
Bildung, wo reine Frauenakademien nicht zu erreichen sind, empfiehlt 
sich für die Lösung dieser schwierigen Frage ein Vermittlungsvorschlag. 
Es läßt sich durchführen, daß manche Vorlesungen für männ 
liche und weibliche Studierende gemeinsam sind; es lassen sich 
daneben noch Formen des gesonderten Arbeitens finden, die 
eine Vertiefung in Idsenkreise ermöglichen, die besondere Bildungs 
werte für die weibliche Lehrpersönlichkeit in sich schließen. In dieser 
Hinsicht werden die Heime einer vornehmen Frauenbildung wesent 
liche Dienste leisten, besonders wenn sie von religiösem Geiste durch, 
weht sind. 
Es muß unbedingt gefordert werden, auch wenn zunächst die 
männliche und die weibliche Akademie unter einer Leitung vereint 
werden sollten, doch den inneren Ausbau der Frauenakademie 
grundsätzlich einer Frau anzuvertrauen. Da, wo Frauen aus 
sich heraus eine eigene Form schaffen wie in unseren Sozialen Frauen 
schulen deutet sich bereits eine besondere Note dieser weiblichen 
Schöpfungen an. hier wird auf die Dauer sich schon Eignes und 
Starkes bilden, das bei aller Beseelung doch auch den herben For- 
derungen des Gemeinschaftslebens gewachsen ist. So dürfen wir auch 
Hessen, daß die Lchrerinnenbildung in manchen wesentlichen Fragen 
ihre besonderen Züge in sich ausprägt, wir ahnen ja heute erst 
das Problem einer Volksbildung, die auf den Zusammenklang 
und aus die Ergänzung männlicher und weiblicher Kultur- 
elemente aufgebaut ist. hmte brauchen wir Volksbildnerinnen, 
die bewußt aus der Frauenkrast, aus den wesenstiefen der Frauen- 
persönlichkeit ihr eigenes Leben und ihr Werk gestalten, wir müßen 
darum den Wut aufbringen, eine nochmalige Anlehnung an das 
männliche Bildungswefen und eine Kopie desselben abzulehnen. Und 
da muß der entscheidende Ansang mit der Ausbildungsform der Er 
zieherinnen gemacht werden, hier tut uns das schöpferische Frauen 
tum dringend not. 
Aus der Grundlage dieser Einsicht muß auch eine andere bren 
nende Frage beleuchtet werden: Soll die künftige Lehrer 
bildung konfessionell oder interkonfessionell sein? wir 
wissen, daß diese grundsätzliche Schulfrage mit zu den aufwühlendsten 
der Gegenwart gehört, und daß sie zu den heftigsten Kämpfen in 
den verschiedenen Lagern geführt hat. Diese Frage richtet sich an 
das persönliche Gewissen der einzelnen und fordert eine entschiedene 
Stellungnahme. Tatsache ist, daß die bisherige volksschullehrerbildung 
konfessionell war-' cs ist ebenso Tatsache, daß auf den Hochschule'? 
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