Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

E G d d G &ymp b ^ E T 4 W M G M 
Organ öes Vereins katholischrr ösutschrr Lehrerinnen 
Mit monatlicher Beilage 
£ffi32£i2Si£?f>5t5 
— - ■ - 
,vie Klinge Lehrerin" 
Nr. ^2 
57. Jahrgang 
Paderborn, 8. Novernber 192^ 
Inhalt: Rujina. D-e Erziehung unserer Mädchen zu häurlichen Tugenden 
S. 393. Brüten, Der Unterricht mcü er Kleinen im Karmen ihrer heiniat- 
roelt S. 395. pädagogische Kundjchau: Die Lehrerdtldung in anher, 
deutschen Staaten. Aus der Zeit: Lesewerk des K. L. v. und des v. k. d. L. 
Miisionsveretn katholischer Lehrer und Lehrerinnen. Bezirkslehrerrat Trier. 
Amtliches: Lesebücher. Sonderznjchläze. Nicht staatsbeitragsberechtigte 
Volksschulstellen. 18. Ergänzung des Beoldunorgesetzes (detr. lvohnungs- 
gelüzuschuß). Aus unserem Verein: Diasporahilse. Landesvertreterinnen. 
Bezirks, und Iweigvereine. Bücherbesprechungen. Stellen- 
Dermittlung. 
Die Erziehung unserer Mädchen zu häuslichen Tugenden. 
von 6. Rüjing, Dortmund. 
Die heutige Zeit, die Zeit der Wiederausbauarbeit, stellt die 
volk-schullehrerin, besonders die Lehrerin der Oberstufe, vor schwere 
Aufgaben, die ihre ganze Kraft und ihre ganze Liebe fordern. Ls 
Ziit: aus Trümmern wieder aufzurichten, Volkswirtschaft und haus- 
/wirtschast neu aufzubauen, die deutsche Frau für ihren Lebensd:enst 
.zu schulen, die Mädchen zurückzuführen zu der Ursprünglichkeit jenes 
lvesenr, das vordem der deutschen Frauen Ruhm und Stärke war. 
— Daß die Frau versagt hat in den unheilvollen Jahren, die hinter 
uns liegen, müssen wir immer und immer wieder hören, wir 
wessen, daß sie allein es nicht vermocht hätte, das sinkende Schiff 
zu retten, das wäre über ihre Kraft gegangen, und all jene, die 
der deutschen Frau darüber einen Vv'.wurf machen, urteilen un. 
gerecht. Uber wir wiffen auch, daß weite Frauenkreise durch ihre 
Unfähigkeit und ihre falsche Einstellung dar allgemeine E.'end noch 
vermehrten, daß die schweren wirtschaftlichen Erschütterungen der 
letzten Jahre manche Familien, die in der Mutter keinen halt und 
keine Stütze hatten, auseinanderriß oder zugrunde richtete. Denn 
jene Frauen, die schon in normalen Zeiten den pflichten ihres 
Standes nicht gewachsen waren, konnten der Kulturverheerung kein 
'iwirksames Mittel entgegenstellen. Und unsere Mädchen sind die 
Erben dieser sozialen Not und die Kinder ihrer Zeit, dieser ruhe 
losen. haßerfüllten Zeit, die die Gemüter verwirrt und verroht, den 
Menschen vom Menschen trennt und das Eole schon im Keime erstickt. 
— Diese Erkenntnis verlangt von uns Volkserzieherinnen, daß wir 
-in der Schule mehr als bisher unser Augenmerk auf die Erziehung 
unserer Mädchen richten müssen. Das hat uns auch Fräu'ein Breuer 
,in ihrem Artikel „Das Ziel der Mädchenvolksschule, vsn der gegen 
wärtigen Lage der Frau ans gesehen" (siehe Wochenschrift Nr. 14) 
zum Bewußtsein gebracht und uns davon überzeugt, daß wir neben 
den Unterrichtszielen oder beffer über den Unterrichtszielen Erziehungs 
ziele ausstellen muffen. Ein solches Erziehungsziel ist: „Erziehung 
zu Frauentugenden, Weckung und Förderung der häuslichen Tugenden." 
Als Frauentugenden bezeichnen wir gewöhnlich Ordnungsliebe, 
Reinlichkeit, Geschicklichkeit, TreuEßm Meinen und vergeffen wohl 
dabei, einmal darüber nachzudenken, welche seelischen Grundlagen 
diese Tugenden bedingen. - Das erste Seelengut der Frau ist die 
innere Uuhe, die beseelte Innerlichkeit, die Sammlung des Gemütes^ 
Diese Verinnerlichung ist eine natürliche Gabe der Frauenseele, vom 
Schöpfer geschenkt, eine Kraftquelle, durch welche die Frau befähigt 
D, Schmerzen, Mühsale und Sorgen heldenmütig zu ertragen, Ent. 
Täuschungen und Leidenschaften zu überwinden. Eine Frau, die 
^iese innere Nutze besitzt, wird sich erst des ganzen inneren Reichtums 
ihres Herzens bewußt. Sie hat Freude an stiller, häuslicher Arbeit, 
fühlt sich wohl im kleinen Ureis, ermüdet nicht in der Kleinarbeit 
ecs Alltags. Sie versteht es. ihre Nöte und Schwierigkeiten selbst 
zu überwinden, sie ist die starke Frau, die über sich hinaus fremder 
Sorgen und fremdes Leiden teilt. Diese Besinnlichkeit befähigt sie, 
Menschen und Dinge ihrer Umgebung und Natur und Übernatur 
subjektiv zu ersoffen, sie nicht so sehr mit dem verstände als mit 
dem Gemüte zu beurteilen. Sie versteht es, zuzuhören und mitzu 
fühlen, sich in anderer Not hineinzudenken und stets helfende Hände 
bereit zu haben. So erwächst aus der Innerlichkeit, aus diesem 
persönlichen Seelengut der Frau, die Mütterlichkeit, die heimschaffende 
Mast. Ein heim ist überall dort, wo eine Frau es versteht, 
Friedeweberin zu sein, ausgleichend zu wirken, Gegensätze zu über 
brücken, anderen einen Grt des Friedens, der Nutze, des Verstehens 
zu bereiten, mit fürsorgender Liebe zu beglücken, mit geschickter 
ordnender Hand den engsten Raum wohnlich zu gestalten, Rein 
lichkeit, Sauberkeit und Schönheitssinn zu pflegen und arbeitsfroh 
und arbeitstüchtig den Pflichten des Berufes gerecht zu werden. 
Förster sagt: „wo immer eine Frauenseele Leidenschaften beruhigt, 
Menschen versöhnt und Schicksale ihres Stachels beraubt, da waltet 
der Geist des Heims (sogar mitten in Büros und Werkstätten). Auf 
das herdfeuer in der Seels kommt es an, nicht auf den äußeren 
Herd. Die höchste Aufgabe der Frau ist es, im weitesten Sinne 
heimbildend d. h. einigend, versöhnend, beruhigend zu wirken, 
immer wieder ein Dach über obdachlosen, flüchtigen, ruhelosen, 
streitenden Seelen zu bauen." — So sind die Innerlichkeit und die 
heimschaffende Kraft die seelische Grundlage, aus der die Frauen« 
Lugenden, die häuslichen Tugenden erwachsen: die Freude an stiller 
häuslicher Tätigkeit, Arbeitsgeduld, Ordnungs. und Schönheitsliebe, 
das besinnliche Gemüt, die Gpferkraft der selbstlosen Liebe, Fürsorg 
lichkeit, Verantwortungsgefühl, Mütterlichkeit. 
was kann und muß die Volksschule nun tun, um diese Inner 
lichkeit in den Mädchen zu pflegen und ihre heimschaffenden Kräfte 
zu wccken und zu entfalten? — vergegenwärtigen wir uns da 
einen Augenblick unsere Mädchen, wie sie in den Gberklossen der 
Volksschule vor uns sitzen, wir beklagen ihre Unpünktlichkeit, ihre 
Unsauberkeit, ihre Lasterhaftigkeit, ihre Unlust zur Arbeit und ihre 
Vergnügungssucht. Auf den ersten Blick erscheinen sie auch sehr 
rücksichtslos, sie zeigen wenig Verantwortungsgefühl und Gemein 
schaftsgeist. Charakteristisch ist bei ihnen die Scheinkultur, durch die 
sie sich selbst über ihre Fehler hinwegtäuschen. Sie halten sich für 
ordnungsliebend, weil sie dafür sorgen, daß ihre Kleider und Mäntel 
nicht zerrissen sind, daß sie eine nette Haarfrisur haben, aber an 
ihrer Unterkleidung fehlen Knöpfe und Bänder, da müssen die Nadeln 
helfen und der Strumpf im Schuh bleibt zerriffen. Das Aufsatzheft 
wird sauber gehalten, aber Kladden und Bücher werden nicht geschont. 
Sie machen gar feine Handarbeiten, aber Flick- und Stopfarbeiten 
bereiten ihnen keine Freude. Ihr Auge sieht weder Staub noch 
Unordnung im Zimmer. Sie haben kein Verständnis für die Sorgen 
der Eltern, die Arbeit des Vaters, den Opfermut der Mutter. Als 
Entschuldigung hört man immer wieder: „Daran hatte ich garnicht 
gedacht." Und so ist es auch. Es fehlt ihnen die Besinnlichkeit, 
die Innerlichkeit, die innere Ruhe. Sie sind nicht gewohnt, die 
täglichen kleinen Arbeiten des Hauses, ihre nächste Umgebung mit
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.