Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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Die Krippe will wirklich ihren Vorzugsplatz wieder einnehmen. 
Unsere Künstler nehmen sich der Krippenherstellung eifriger an als 
noch kurz zuvor, und viel Schönes zeitigt diese Krippenkunst. Mancher 
orts ist es Sitte gewesen - ist es heute noch —, datz an den langen 
Winterabenden der Hausvater mit den Seinen selbst die Krippe 
bastelte und auch den Krippenberg baute. Wieviel liebe Erinnerungen 
müssen da mit den Kindern heranwachsen und sie begleiten! — Es 
ist jetzt soviel Hetze und Unruhe um uns Menschen, datz wir nicht 
leicht an solche besinnliche Arbeiten herankommen, so sehr es zu 
wünschen wäre. Da können wir uns aber doch freuen an den 
Werken tüchtiger Künstler, angefangen vom Ausschneidebilderbogen 
bis zum hochwertigen Schnitzwerk. 
Es ist heimatlob. wenn drei Krippendarstellungen Wiedenbrücker 
Bildhauer genannt werden, die durchaus beachtenswert sin). Da 
ist zunächst die holzgeschnitzte Krippe im orientalischen Charakter 
von Bildhauer hartmann. Die religiöse Werkkunst in Münster (Dells.) 
vervielfältigt in billiger Ausführung die feine hauskripp: des Bild 
Hauers Pius. voll eigener Stimmung ist die neuart'ge Krippe (ver 
vielfältigt in hartmaße und Gips) von Julius Mormann, deren 
Figuren sich um eine Lichtquelle gruppieren. (Abbildungen durch 
den Künstler.) 
Willst nicht auch du in deinem heim eine Krippe bauen? Willst 
du dich nicht in der Advents- und Weihnachtszeit daran freuen? 
Willst du nicht mithelfen, daß die Krippe ihren Ehrenplatz wieder 
bekommt? 
Du kannst keine Krippe bauen? Du hast kein Geld, eine zu 
kaufen? Nun. zu einem Führig Ausschneidebogen wird'Z langen. 
Auch mit solchen Figuren, mit einer alten Kiste und mit Tannen 
grün läßt sich eine Krippe bauen. 
„In einem Kripplein liegt ein Kinö; 
Da steht ein Esel und ein Kind; 
Dabei ist auch die Jungfrau klar. 
Maria, die das Kind gebar. 
Jesus, der herre mein, 
Der war das Kindelein." (Aus dem 15. Jahrh) 
(Nachdruck verboten!) 
Gedanken zum UMcheniurueu. 
Schon manches ist dazu gesagt, so daß unsere Stellung als 
katholische Volkserzieherinnen sich klar herausgearbeitet hat. Es gilt 
jetzt nur, unsere Grundsätze auch öffentlich zu vertreten. So müssen 
wir erwarten, datz unsere Vereinsschwestern geschlossen den Turn 
raum verlassen, wenn man ihnen zumutet, den Vorführungen von 
höchst mangelhaft bekleideten Schülern und Turnlehrern zuzuschauen 
Weshalb mutz überhaupt die turnerische Unterweisung von Lehrerinnen 
zwecks Weiterbildung durch einen Turnlehrer erfolgen, sind unsere 
Turnlehrer innen dazu etwa nicht imstande? Wie wollen wir ver- 
meiden, datz das Mädchenturnen mehr und mehr vom Fraulichen 
abweicht, wenn Männer unsere Lehrmeister sind? hier liegt noch 
eine große, bisher gänzlich übersehene Aufgabe unserer technischen 
Kolleginnen. Wr müssen verlangen, daß Turnkurse für Frauen 
nur von Turnlehrerinnen erteilt und weiter, datz die Lehrpläne für 
das Mädchenturnen mindestens unter stärkster Mitwirkung von 
Frauen aufgestellt werden. Der Kampf gegen die unwürdigen 
Formen des Mädchenturnens kann nur mit Erfolg geführt werden, 
wenn sofort gegen jegliche Zumutung protestiert wird, wenn Be 
schwerden der Bezirksoereine an die betreffende Behörde ergehen und 
unsere Vereinsleitung zwecks weiterer Schritte im Ministerium und 
den Parlamenten mit Material versorgt wird. Dahin sollten auch 
alle Beschlüsse anderer katholischen Vereinigungen wie Nachrichten 
über Wett- und Schauturnen gesandt werden. Es wäre auch zu 
begrüßen, wenn die Erfahrungen über den gesundheitlichen Einfluß 
durch manche neuere, wen'ger frauliche Übungen später einmal aus 
getauscht oder an einer Stelle gesammelt würden. 
Bei den Anforderungen, die das moderne Turnen heute stellt, 
ist der Unterschied zwischen Stadt und Land viel zu wenig betont. 
Wir können es voll und ganz verstehen, wenn ein städtischer Frauen 
bund für die Turnkleidung auch Strümpfe und Schuhe fordert. Em 
barfüßiger Mensch im Bilde der Großstadt ist etwas Seltenes und 
darum Auffallendes. Anders auf dem Lande, wo das Laufen ohne 
Fußbekleidung so allgemein ist, daß die Kinder ohne Schuhe und 
Strümpfe zur Schale, oft sogar zur Schulmeffe kommen, hier müßte 
man einen Untersctied gelten lassen. Der Unterschied zwischen Stadt 
und Land wird aber auch bezüglich der turnerischen Übungen nicht! 
genügend beachtet, während das Stadtkind durch den Turnuntericht 
die nötige körperliche Bewegung in ausreichendem Maße erst hat,! 
datz man die Forderung nach der täglichen Turnstunde verstehen 
kann, so ist das Landkind oft durch körperliche Arbeit in Haus un6' 
Feld so belastet, datz die jungen Käpper schon schwere Schädigungen 
aufweisen, wie mir einmal eine schulärztliche Untersuchung mit Ent* 
setzen gezeigt hat. hier fragt es sich, ob man durch Turnen den 
kleinen Körper noch mehr ermüden darf, ob statt des Turnens nicht 
nur ein fröhliches Spiel am Platze wäre. Und hier finden sich 
auch die Fälle, wo durch e'nr geforderte Turnle stung gesundheitliche 
Schädigungen eintreten. Die Schuld liegt weniger an der Lehrerin 
als an den behördlicherseits festgesetzten Lehrplänen, bei denen die 
körperliche Arbeitsbelastung der Landkinder mehr Berücksichtigung 
finden sollte. / 
Die rhyrhmischen Übungen, das Sorgenkind so vieler Kolleginnen, 
die nickt recht wißen, was damit anfangen, haben doch nur vom 
künstlerischen Standpunkt Wert als Anmutsübunzen. Weder Charakter 
bildung noch Dolksgesundheit werden durch sie gefordert. Sie be 
dingen eigentlich ein Schauturnen. Sonst kann das gleiche Ziel 
durch unsere alten Neigen und voikstänze erreicht werden, bei denen 
eben auch ein hineinfühlen in den musikalischen Rhythmus notwendig 
fit. Wir haben auch bis vor ein gen Jahren noch jene allen, 
höfischen, so ganz auf Anmut-bewegungen eingestellten Gesellschafts, 
tänze gehabt, wie Menuett, Gavotte u. a. Cine Rückkehr zu ihnen 
mit ihrer klassischen Musik eines Mozart wäre eine künstlerische 
Leistung, die man anstatt mancher modernen, so recht ans Asiatische 
erinnernden, rhythmischen Übung unserer Volksschule eher wünschen 
möchte. 
Wenn wir an eine Erneuerung und Bereicherung des Mädchen- 
turnens denken, dann möge es überhaupt mehr in den Rahmen 
des Gesamtunterrichts gestellt werden und nicht als ein mit dem! 
übrigen Unterrichtsstoff zusammenhangloses Fach nebenher flattern.' 
Trft dann wird es den neuesten Anforderungen gerecht. So hat- 
B. eine Lehrerin mit ihren Kindern einmal den Bahnhof besucht»! 
über das Leben und Treiben beim Kommen und Gehen eines Zuges 
erzählen und dar Stück von der Eisenbahn lesen lasten. In dev! 
Turnstunde sind sie dann selbst „verreist". D:r Weg zum Bahnhof! 
brachte Gehüdungen. Kop Übungen beim Sehen nach der Turmuhr,.' 
dem hinter uns klingelnden Radfahrer und dgl.. Knieübungen beim 
hinaufsteigen zur Bahnhofshalle und so alles, was durch den! 
Gedanken des verreisens ausgelöst wurde, wobei die Kinder selbst 
äußerst schöpferisch waren und cine scharfe Beobacktungsgabe be 
kundeten. Ein andermal bildete der Besuch einer Wiese den Aus- 
gang-punkt. Nachdem er in den übrigen Fäch ern ar g wertet war, 
prachen die Kinder selbst den Wunsch aus, das nun auch zu turnen.! 
So übten sie dann die Arm-, Bein- und Rumpfbewegungen des 
5chmtters beim Schneiden mit der Sense, das häufeln mit der Harke, 
das Aufladen auf den Wagen, und schließ ich deutete ein scharfer 
Dauerlauf das heimfahren des Heus in das heimatliche Dorf an. 
Als darauf nach einer Atempause zum Volkstanz anaetreten wurde, 
fand der Jubel fast kein Ende. Und in dieser Weise sollte der 
Turnunterricht zum Ausdruck inneren Erlebens werden. Das ist der 1 
mo;crnc Mädchenunterricht, den wir erstreben müßen, und der uns 
vor dem nur Sportlichen bewahrt. Das ist Mädchenturnen in der 
Hand einer Frau, die auch das Wesenlose beseelt. M. Sr. 
Unsere neue StuMcnfoffc. 
Seinen Wohlfabrtseinrichtungen hat unser Verein in Verfolg der 
paderborner Beschlüsse eine Neueinrichtung angegliedert: die mit vieD 
Begeisterung gewünschte und beschlossene „StudienKasse für Mit« 
gliedcr des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen" ist Tatsache 
geworden. 
Die Vereinsleitung hatte den Essener Bezirksverein, weil die 
Anregung zur Gründung der Kaße aus seinen Reihen hervorgegangen! 
war, mit den vorarbeiten betraut. Die Statuten der Kaße liegen! 
nunmebr vor. Opferfreudige Kolleginnen haben sich zur Arbeit für 
die Kasse bereit erklärt. Den ersten Vorsitz übernahm Frl. Stein, 
Eßen, Kaupenstraße 10. I. Schriftführerin ist Frl. Hilde Master»
	        
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