Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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Organ öes Vereins katholischer öeutjcher Lehrerinnen 
Nr. 2 
37. Jahrgang 
*2. Januar V 
Jnhaltsverzcichnir: UUeinek, Um die Kollegiale Schulleitung §. 5. 
seinen, Für die Jugendpflege S. 7. Aus der 3eit: Uns Preußen, Uus 
Danzig Amtliche^: Unrechnung der Dienstzeit der Flüchttingslehrer. 
Sre'.ograpdieunterricht. Errtrrtt in ein Gewerbeschulseminar. Uus unserem 
verein: UnterstützungrKasse. Landlehrerinnen. Krankenkasse. BezirKs- 
und 3weigvereine. Uuskunftsstelle. 
Um die lollegiale 5chu!lettung. 
von Elisabeth Mleinek, Berlin-Steglitz. 
(Schluß.) 
Auf der Grundlage dieses Erlasses also sind die Vienst- 
«mwe sungen ausgesteUt worden, die aber in einem wesentlichen 
Punkte noch über ihn hinausgehen: der Rektor macht Massenbesuche 
nicht als Vorsitzender der Konferenz, sondern in ihrem Ru st rage. 
Die Lehrer wußten die Bedeutung dieser Maßnahme wohl zu schätzen; 
sie schaffte ihnen tatsächlich größere geistige Selbständigkeit, Be- 
wegungssreiheit und Unabhängigkeit, wie es im Erlaß heißt. 
Bei der erwähnten Ausiprache am 15. Oktober 1923 im preu 
ßischen Kultusministerium waren anwesend Vertreter des Ministeriums, 
des Landtags, drr betreffenden Regierungsbezirke, des S ädtetags, 
der Bezirkslehrerräte und der großen Lehrerorganisationen? Die 
Besprechung sollte — wie der Minlsrer eingangs betonte — nur in 
formatorischen Charakter haben. 
Der Verlauf der Aussprache brachte für die Lehrerschaft manche 
unerwartete, unangenehme Überraschung. Der Vertreter des Städte- 
tags, die der Regierungen, Kreisschulräte und Rektoren brachten seit 
längerer Zeit gesammeltes Material vor, um zu beweisen, daß sich 
die kollegiale Schulleitung nicht bewährt habe. (Es wu^de ins Feld 
geführt, die Lehrerschaft habe de pfUchten der kollegialen Schul- 
lettung zum großen Teil nicht erfüllt; der innere Schulbetrieb habe 
geilten, die Schulzucht habe sich gelockcrt usw. Im Vordergründe 
aller Erwägungen aber stand die Frage der Rlassenbesuche. Mit 
Zahlen wurde belegt, daß nur an verschwindend wenigen Schulen 
der Leiter von der Konferenz mit Massenbesuchen beauftragt worden 
war, und ebenso selten seien gegenseitige Klassenbesuche gemacht 
worden. Die Vertreter der Lehrerschaft griffen die Beweiskraft des 
Materials an, weil es einseitig nur von Schulaufsichtsbeamten stamme, 
die in ihrer Gesamtheit wenigstens keine Förderer der kollegialen 
Schulleitung gewesen seien, und auch Behauptungen enthielte (wie 
die Lockerung der Schulzucht), die überhaupt nicht einwandfrei zu 
beweisen wären. Indessen war die Lehrerschaft nicht darauf ge- 
rüitet, den Gegenbeweis anzutreten, und so stand Meinung gegen 
Meinung. Dem Leser der ausführlichen Berichte in der pädago- 
glichen Presse will es allerdings erscheinen, als ob das Wesen der 
kollegialen Schulleitung eigentlich gar nicht den Kern der Aussprache 
dlloete, sondern allein die Uuswirkungen, die sie unter besonderen 
Umständen gehabt hat, und M'ßstände, die sich dabei eingestellt 
habe'». 
^»as Klassenbesuchsrecht wurde der Angelpunkt für den weit 
aus größten Teil der Besprechung. Die Lehrerschaft wünschte die 
Beibehaltung der Bestimmung, daß der Schulleiter im Uuitrage 
’ Den V. k. d. L. vertraten Fräulein Schmitz, die I. Vorsitzende, und 
Fräulein Keitlirg, die Landesvertreierin von Düsseldorf. Lin weiteres 
Mitglied des Vereins. Fräulein heydkamp, Barmen, war als Vertreterin 
de» B.-L.-R. anwesend. 
der Konferenz die Klaffen besuche; die Gegner der kollegialen Sei; 
leitung wollten dem Rektor ein Sonderrecht einräumen. Dcnrc- * 
hatten beide Auffassungen etwas Gemeinsames: sie erkennen an, ? fl 
die Klaffenbesuche für die Einheitlichkeit des inneren Schuldet? r J 
notwendig sind und daß eine Persönlichkeit die Ausführung i r 
Konferenzbeschlüffe in die Hand nehmen muffe. Trotzdem war < r 
Einigung auf einen gemeinsamen Beschluß auch in einer Sond «■ 
sitzung ohne die Vertreter des Ministeriums nicht zu erreichen. (Der 
v. k. d. L. hat sich für die kollegiale Schulleitung eingesetzt.) 
Auch bei den anderen Punkten, die zur Sprache kamen, ver 
weilte man bei den Mißständkn, die man zu sehen glaubt und die 
sich wirklich gezeigt haben. Die Konferenzen z. v. haben selten, 
mancherorts überhaupt keine pädagogischen Fragen behandelt, wiederum 
werden sich nicht alle der geäußerten Ansicht anschließen können, daß 
eine Befferung eingetreten^ wäre, wenn der Schulleiter sich Anregung 
in Klassenbesuchen geholt hätte. Die Gründe liegen tiefer. 
Die Lehrerschaft wird zugeben müffen, daß viele die neue Dienst 
anweisung als eine Befreiung von lästigem Druck angesehen haben, 
ohne die hohen pflichten, die ihnen erwuchsen, zu erkennen und zu 
erfüllen. Das sind die, welche gerade der Aufsicht bedürfen, der sie 
entronnen waren. Solche Elemente gibt es in jedem Stande; aber 
die Lehrerschaft wird und muß sich zur wehr setzen, wenn sie in 
ihrer Gesamtheit von diesem Gesichtspunkte bedachtet wird, wie 
schon eingangs dargelegt, ist das Streben nach der Selbständigkeit 
und Mitverantwortlichkeit etwas durchaus Gesundes und Erfreuliches. 
Gründe für die Nichtbewährung der Dienstanweisung sind auch außer 
halb der Lehrerschaft zu suchen. Die Versuch-zeit war zu kurz, c s 
daß sie die Saat hätte zur Ernte reifen lassen können. Richt gerit g 
ist auch der Umstand anzuschlagen, daß - besonders für Düffeldcrf, 
und Wiesbaden, das besetzte Gebiet — die politischen verhülln' t 
alles Interesse in eine andere Richtung lenkten und eine erfprit - 
liche Schularbeit zeitweise überhaupt nicht möglich war. viel Un? - 
stützung ist der Lehrerschaft auch nicht zuteil geworden, wenn aua, 
der Vorwurf, die Rektoren hätten die kollegiale Schulleitung sabo- 
tiert, in seiner Allgemeinheit zu scharf ist, mutz doch zugegeben 
werden, daß nur verhältnismäßig wenige von ihrem Geiste durch 
drungen waren, und daß viele bestenfalls abwarteten, wie sich die 
Sacke gestalten werde. 
Diese Gründe und der einmütige Wunsch der Lehrerschaft, die 
vrenstanwe,sungen bestehen zu laffen,, wogen indessen nicht schwer 
genug. Am Schluffe der Besprechung teilte der Minister mit. daß 
die kollegiale Schulleitung nach dem Erlaß von 1920 bestehen 
bleiben solle, daß aber die Versuchsdienstanweisungen zurückgezogen 
würden. 
6m 20. Oktober wurde der erwähnte Erlaß durch einen weiteren 
ergänzt und erläutert. Er hat folgenden Wortlaut: 
Schulleitung und Konferenzrecht an Volksschulen. 
Durch den Erlaß vom 20. September 1919 — U 111 B 2271 — 3entrbk 
5. 615) ist für den Lehrkörper der Volksschule ein Konserenzrecht festgelegt 
und dre Stellung des vchulrerters in wichtigen Punkten verändert worden. 
Die Verteilung oer Aufgaben der Schule zwischen Schulleiter und Konferenz, 
wie sie die er Erlaß ausjpricht, gibt dem Lehrkörper ein größeres Maß nicht 
nur von Rechten, «andern vor ollem auch von pflichten Seither sind die 
Erfahrungen, die mit diesem Erlaß und den in seiner Ausführung ergangenen 
Dienstanweisungen der Sckulaufjich'sbehörde gemacht sind, Gegenstand der 
besonderen Aufmerksamkeit in meinem Ministerium gewesen. Auf Grund
	        
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