Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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Wiste Gldnungsüdungen aber sind notwendig, um diese Tätigkeiten 
*u mechanisieren, datz sie also Egesührt werden, ohne psychische 
Energie zu verbrauchen und ohne den eigentlichen Unterricht zu 
unterbrechen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie denn verrichtet 
werden, ist die beste Disziplin. 3u solchen Übungen gehört das 
Gehen in der Reihe — nicht etwa in der Erholungspause auf dem 
Schulhof - wohl aber durch die Flure des Hauses, in der Turnhalle, 
auf den Straßen der Stadt, bei unterrichtlichen Spaziergängen usw. 
Das Reihenbilden muß also eine der ersten Übungen sein. Manche 
Rollegin wird beobachtet haben, wie lange oft ein Rind seinen 
»Nebenmann" wählt, wie nach erfolgter Wahl oft noch ein Wechsel 
stattfindet usw. Daß das nicht leise abgeht, weiß jeder. Dadurch 
wird aber die Aufmerksamkeit von dem Ziel, das besucht werden 
soll, abgelenkt, die vorstellungsreihe zerrissen. Ls wird auch zuviel 
Zeit mit dieser Nebensache verbraucht. Schnell und gesammelt geht 
die Aufstellung vonstatten, wenn jedes Rind weiß, mit welchem 
Nachbar und auf welchem Platz es anzutreten hat, welche von den 
im Zimmer gebildeten Reihen zu gehen anfängt, in welcher Reihen 
folge die anderen sich anschließen. LZ muß auch dafür gesorgt sein, 
Latz jeder Rind weiß, wo e§ anzuschließen hat, wenn der Nachbar 
fehlt, u. ä. Ls gibt viele solcher Übungen, die große Zeitersparnis 
bedeuten. Beim Nachsehen der Hausaufgaben läßt man dis Tafeln 
aller in einer Dank sitzenden hintereinander an das Bankende legen, 
mit der Breitseite zum Mittelgang, die durchschreitende Lehrerin 
Kann dann das Geschriebene leichter und schnell übersehen. Sind 
die Lappen oder Schwämme der Schieferiafeln trocken geworden, so 
laßt man sie anfeuchten. Line bestimmte Schülerlin stellt den Eimer 
mit sauberem wasier an einen Drt des Zimmers, wo er gut von 
Ellen erreicht werden kann. Auf den Befehl „anfangen" gehen alle 
Kn einem Rande der ersten Bankabteilung Sitzenden - es sind meist 
«icht mehr als zehn — tauchen schnell den Lappen ein, dann die 
vom anderen Ende der Bank und auf gleiche weise die der anderen 
Zankreihe. Die am Rande Sitzenden helfen dann denen in der 
Mitte beim Auslöschen. Auf diese Welfe kann in zwei Minuten die 
ganze Rlaste versorgt sein, und wenn dar Naßmachen stets sofort 
Angeordnet wird, sobald eine Schülerin meldet, daß die Lappen 
trocken sind, wird tatsächlich vermieden, daß auf die Tafel gespieen 
wird, war auf andere weise kaum verhindert werden kann« 
Im Sommer gehen Landkinder oft barfuß. Die Lehrerin wird 
Zhre Aufmerksamkeit dann manchmal der Sauberkeit der Füße zu 
wenden müssen, wenn die am Rande sitzenden Rinder sich an die 
wand bzw. in den Mittelgang stellen, die anderen auf die Rand- 
plätze rücken und die Füße nach auswärts stellen, genügt ein ziemlich 
schnelles Durchgehen durch die Gänge, um die Füße aller Rinder zu 
Zehen. Sei mehrmaligem Durchgehen kann die Lehrerin in 2-3 
Minuten - vor oder nach einer pause - prüfen, ob alle 60 oder 70 
Rinder saubere Füße, Hände, Fingernägel und — Rnöpfe an der 
Schürze haben, was fchadeL's, wenn fröhliches Gelächter dabei 
«ntstedt? 
Auch manche Unart Kann mit Hilfe solcher Ordnungsübungen 
beseitigt werden. Jeder weiß, daß fast stets Papier und Brotreste 
suf den Plätzen zurückbleiben und Ermahnungen zum wegräumen 
wenig Erfolg haben. Und doch kann schnell geholfen werden. Am 
Schluß der Unterrichts, wenn die Schulfachen bereits zusammengepackt 
sind, ertönt der Befehl: „Papiere, Brotl" Jede Schülerin macht 
dann ihren Platz sauber (Entschuldigungen „I ch habe es nicht hin 
geworfen," gelten nicht, jede ist für ihren Platz verantwortlich), in 
jeder Bank erhält eine alles Papier und trägt es zum Papierkorb, 
«ine andere alles Brot, das sie an einen bestimmten Platz trägt. 
Dar Brot nimmt eine der Schülerinnen für das Vieh mit heim. 
hierher gehört auch das Verteilen der Ämter, wer hat die 
wanotafel auszulöschen? wer hat zu sorgen, datz die Rreide stets 
bereit liegt und nach dem Unterricht aufgehoben wird? wer macht 
Lie Fenster auf? usw. Bei diesen pöstchen kommt zur Zeit- und 
Energieersparnis noch dazu, daß das Verantwortungsgefühl geweckt 
und gestärkt wird. Die Wichtigkeit, die die Rinder ihrer Aufgabe 
beilegen, die Eifersucht, die darüber wacht, datz niemand anders 
!hre Arbeit macht, können uns manches lehren, auch dar eine: 
gerecht zu fein beim verteilen der Ämter. Dar Rind, das zu weit 
von der Tafel sitzt, um sie bei Bedarf zu putzen, kann doch dafür 
sorgen, daß die Blumen am Fenster täglich begossen werden. Geben 
wir dem Tätigkeitsdrangs Houmf ^ 
Natürlich sind die Übungen nicht etwa in den ersten Tagen hin 
zur Geläufigkeit zu wiederholen. Sie dürfen überhaupt nicht Unter- 
richtsstoff sein. Wenn sie notwendig sind oder — wie das Papiee- 
wegräumen — täglich an eimm bestimmten Zeitpunkt wiederkehren, 
werden sie ausgeführt und dadurch „geübt". 
Man wende nicht ein, das sei Drill, eben der Drill, den wir 
aus den Schulen verbannen wollen. Drill wäre es, wenn man z. B, 
verlangte - was gar nicht so selten geschieht - daß die Tafel 
bei I. in die Hand genommen, bei 2. erhoben, bei 3. auf den Tisch 
gelegt wird. Selbst wenn man das ganze sinnlose Erheben der 
Tafel wegläßt, ist es nicht ohne Zeitverlust möglich, alle Schüler zu 
gleicher Zeit die Tafeln in der Hand halten zu lasten, und zwecklos, 
sie gleichzeitig niederzulegen, wenn aber Seit und Rraft gespart 
wird durch Organisation der Arbeit, so ist das kein Drill, sondern 
erzieht vielmehr zur Einfachheit und Zweckmäßigkeit im handeln, 
zur Einfachheit, indem die Rinder eine Handlung in ihre Teilarbeiten 
zerlegen, zur Zweckmäßigkeit, indem sie die Arbeitslellung anwenden 
lernen. 
Alles, was sich auf solche weise mechanisieren läßt, soll geübt 
werden. Desto schneller, sicherer, zielbewußter werden die Handlungen 
ausgeführt werden. Die Aufmerksamkeit wird immer weniger durch 
die Tätigkeit in Anspruch genommen und kann sich mehr auf die 
Art und den Zweck der Arbeit richten oder ist frei, um neue psy- 
chische Inhalte zu erfassen. Zudem Kann damit die Selbstverwaltung 
auf die einfachste weise eingeleitet werden. 
E§ «g»et. 
Lkizzs aus Lein Gesamtunterricht zu Beginn Les zweiten Schuljahren 
Don Elisabeth Beier, Ziegenhals, Schlesien. 
wir hatten aus Lrüwells Fibel „Des Rindes Welt" Nr. 6 »Dee 
Brief" fertig gelesen, und meine Rleinen Laten mich, zum nächsten 
Lesestück weiterzugehen. Draußen lachte der Sonnenschein, und Nr. 7 
in unserer Frbel trug die Überschrift »Es regnet." - welcher Gegen 
satz! wir stellten das augenblicklich ungeeignete Lesestück für späte? 
Zurück. - - - 
Auf die sonnigen Tage folgte Regenwetter. Da erinnerten 
sich meine Rleinen des ausgelassenen Lesestückchens, meldeten sich und 
baten: »heut regmt es; da könnten wir vom Regen lesen." Ich 
war einverstanden, wir tauschten unsere Erfahrungen über das 
Regenvsetter aus, wiederholten, was wir schon aus früheren Tagen 
davon wußten, erinnerten uns auch an das Bild auf Seite 5<? in 
„Des Rinder Welt", da» uns die Leute in Sturm und Regen aus 
der Straße Zeigt, und lasen endlich ohne Schwierigkeiten den Abschnitt 
„<£§ regnet". — 
Dabei fiel den Rindern die häufig auftretende Ronsona^ c - 
Verdoppelung auf: immerzu, Bette, Wetter, Mutter, kannst, ftonnb. 
Stelle, kommen, Lohmann, Ecke, wollte, hätte, abgeristen, wV‘ . 
packen, Müller usw. Das gab Stoff, um Rechtfchreiböbunaen oc> • 
zunehmen. — 
Das Regenwetter sollte uns aber nicht nur zu ernster ctdn-ii, 
sondern auch zum Frohsinn Anlaß bieten. — Bücher, Schiefertafeln 
und Stifte wanderten unter dis Bank. Die Rinder erzählten nach 
der pause: »Es regnet immer noch!" - Da meldete sich eine Rkin-r 
und sagte mit ernsthafter Miene: 
»Es regnet ohne Unterlaß: 
Ls regnet seinen Lauf. 
Und wenn's genug geregnet hat. 
Dann hört er wieder auf." - 
Nun kam neues Leben in die an das Rlastenzimmer gefesselte 
Rinderfchar. — »Var Gedicht kann ich auch singen." - Gut, wir 
wollen zuhören. — Und auf eine schlichte, den eintönigen Regen 
veranschaulichende Tonweise vernahmen wir dar Regenlied. Bald 
aber änderte die Rleine ihre Melodie und sang in rascherem Tempo 
„Mag es draußen regnen 
Oder sonnig sein, — oder sonnig sein. 
:| Ja, wir wollen fröhlich und recht lustig sein! s: 
Die schlichte Einfachheit des Rinderliedes hatte sich hi unser GH- 
geschmeichelt« und wir übten, dis wir er alle konnten. —
	        
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