Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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,L§ gibt noch ein anderer Lied vom Regen.* — Line Meine 
Versteckte Weisheit meldete stch zum Vortrag. 
„(Es regnet, Gott segnet! 
Die Lrde wird naß. 
von oben bis unten 
Die Fenster sind naß.* 
„(Es regnet, Gott segnet! 
Die Erde wird naß. 
Da freuen sich die Rinder, 
Da wächst das schöne Gras.* 
Nachdem wir noch von dem Nutzen des Regens geplaudert hatten, 
wurde auch dieses Liedchen unser aller Eigentum. — 
Rngeregt durch die Leistungen ihrer Mitschülerinnen faßte nun 
noch eine Rnzahl anderer Rinder Mut, ihre Meinung zu äußern. — 
«Der liebe Gott im Himmel hat die Leitung aufgedreht.* — „Cr 
gießt mit der Ranne herunter." — wir plauderten in Kindlicher 
weise noch etwas von den Regenwolken, bis sich dann unser Interesse, 
angeregt durch die Verse eines sonst zaghaften Rindes, 
«Ls regnet ohne Unterlaß, 
Ls regnet seinen Lauf. 
Frau Sonne bringt das Schleierlein 
Und wischt die Erde auf." 
der freundlichen Tätigkeit der lieben Frau Sonne zuwandte. — 
„Wenn doch bald die Sonne scheinen möchte und wir draußen 
spielen könnten!" 
„Ich kann ein Spiel vom Regen," ließ stch eine Stimme ver 
nehmen. 
„Es regnet auf der Brücke, 
Und ich werd' naß. 
Ich habe was vergessen 
Und weiß nicht was. — 
Liebe Schwester, hübsch und fein, 
Romm zu mir zum Tanz herein! 
Laß uns einmal tanzen und lustig sein!* 
Spielweise: Lin Rind steht in der Mitte des Rreises und wählt 
bei den Worten „Liebe Schwester" eine Tänzerin, die dann bei dem 
neuen Spiele an seine Stelle tritt. (Schaffsteins Blaues Bändchen 
Nr. 51 Ringel, Ringel Reihe, verlegt bei Hermann Schaffstein, 
Röln a. Rh.). 
Das Spie! wurde nun durch Einübung des Textes und der 
Melodie im Rlassenzimmer vorbereitet und in einfachster weise dar- 
zustellen versucht. 
Pädagogische Rundschau. 
„Abbau aber Aufbau unserer vilduugrweseur?" 
Unter diesem Titel erschien in dem Verlag (ssnelle und Meyer, Leipzig, 
eine Schrift der preußischen Rutturministers 0r. Boelitz, die Niederschrift 
einer Vortrages, den der Herr Minister am 27. Februar in Halle gehalten 
hat. Ivir entnehmen ihr den Abschnitt über die Volk»« und mittleren 
Schulen: 
Die SUuation ist heute vielleicht noch schwieriger als zu Beginn 
des neunzehnten Jahrhunderts, wir sind Industriestaat geworden 
mit einem höchst komplizierten Wirtschaftsleben, unser Behörden 
apparat ist aufs feinste organisiert, unser gesamtes BUdungswesen 
baut^ sich vielgestattig und planvoll auf. Lasten sich da wirklich so 
beträchtliche Ersparniste auf dem Gebiete der öffentlichen Verwaltung 
erzielen, wie sie die Verordnung vom 8. Februar vorsieht? 
Uns berührt heute nur das preußische BUdungswesen, das im 
vollsten Umfang unter die Verordnung vom 8. Februar fällt. Ge- 
statten Sie mir, daß ich Ihnen wenigstens mit einigen Strichen zeige, 
wie sich die preußische Unterrichtsverwaltung die MSglichkett von 
Ersparnissen in ihrem Personalbestands denkt. 
Es entspricht den in Preußen von jeher befolgten Grundsätzen, 
als die wesentliche Grundlage aller der Hebung der Rultur dienenden 
Einrichtungen das Schulwesen auszubauen, auf dem das wirtschaft 
liche Leben fußen und stch entwickeln soll. Daneben hat als gleich- 
wrchttge Rufgabe die Schule stets die der sittlich-staatsbürgerlichen 
Erziehung zu erfüllen gehabt. In beiden Richtungen fällt der Schule 
^eme, nach einem verlorenen Rriege und nach den Wirren der 
Staatsumwälzung, eine besondere Rufgabe zu; sie muß deshalb ge 
stützt und gepflegt werden. Trotzdem kann stch der Staat bei einer 
weit über den Bestand in der vorkriegszett hinausgehenden Zahl 
von 23200 Volksschulen, annähernd 700 mittleren Schulen, 742 
höheren Schulen für die männliche Jugend, 310 höheren Lehr 
anstalten für die weibliche Jugend der Rufgabe nicht entziehen, 
ernstlich zu prüfen, ob nicht auch auf diesem Gebiete unter voller 
Wahrung der Bildungshöhe des Volkes Ersparnisse erzielt werde» 
können. Und sie lasten sich erzielen, ohne daß die oben erwähnte» 
Rulturaufgaben der Schule dadurch gefährdet würden. 
Bei der Volksschule findet freilich eine Einschränkung ihre Grenze 
darin, daß für den Staat bei dem allgemeinen Schulzwang die Pflicht 
besteht, allenthalben für die notwendigen Schuleinrichtungen z» 
sorgen. Bedenkt man ferner, daß in Zukunft 99% aller Rinder 
durch die vierjährige Grundschule gehen, mindestens 93% auch die 
vier oberen Rlasten der Volksschule besuchen werden, so wird man 
im Intereste einer guten Schulbildung des weitaus größten Teiler 
unseres Volkes und der Wahrung der Volksgesundheit gerade bei 
den Volksschulen behutsam zu Werke gehen müssen. Line falsche 
SparpoMik, die überfüllte Rlasten schüfe, und so zur Vernachlässigung 
der sittlichen und geistigen Ertüchtigung des einzelnen führen und 
schwere gesundheitliche Schäden im Gefolge haben müßte, würde sich 
bitter rächen. Das ist auch nicht die Rbsicht der preußischen Unter« 
richtsverwattung. Nach wie vor gilt gerade der Volksschule - dar 
möchte ich auch hier noch einmal stark betonen - ihre ganz be« 
sondere Fürsorge. Der Umfang der Fürsorge wird sich allerdings 
der finanziellen Not unserer Zeit anpassen müssen, aber nur so weit, 
wie es mit den Zielen unserer Volksbildung verträglich ist. hierzu 
Kann aber eine Rusnutzung des Rrbeitsmaßes der Lehrer und Lehre« 
rinnen, soweit es ihre Leistungsfähigkeit zuläßt, sowie eine gewisse 
Erhöhung des Durchschnitts der Rlastenbesuchszahlen zweifellos bei 
tragen, ohne daß die Bildungshöhe unseres Volkes dadurch gemin 
dert würde. 
wir wissen freilich sehr wohl, daß die volksschullehrerschast 
neben ihren rein amtlichen Aufgaben auch auf den Gebieten der 
gewerblichen und ländlichen Fortbildungsschule, der Fachschulen, der 
Jugend- und Wohlfahrtspflege, des heimatschutzes usw. in weitem 
Umfange tätig ist. Ruf dem Land und in kleineren Drten ist der 
Lehrer vielfach der Rulturträger der engeren Umgebung. Rlle diese 
Rulturzweige würden zum Schaden gerade auch der Jugend leiden, 
wenn der Volksschullehrer durch übermäßige amtliche Belastung ihnen 
entzogen würde. Die vielseitige Betätigung des Lehrers auch außer 
halb der Schule ist verwachsen mit seiner Tätigkeit in der Schule 
und bildet mit ihr eine Einheit. In der traurigen Finanzlage, in 
der wir uns befinden, wird jedoch die von einzelnen schulfreundlichen 
Gemeinden der Lehrerschaft gewährte Herabsetzung der Unterrichts- 
zett bis auf 24 Wochenstunden nicht beibehalten werden können, 
vielmehr wird in Rauf genommen werden müssen, daß die Unter 
richtszeit für die Lehrer und Lehrerinnen voll auszunutzen ist, soweit 
es die Leistungfähigkeit der Lehrkräfte zuläßt. Ls würde das für 
die Lehrer eine wöchentliche Stundenzahl bis zu 30 Stunden, für 
die Lehrerinnen bis zu 28 Stunden ausmachen. Das wird für eine» 
großen Teil der Volksschullehrerschaft eine Mehrarbeit bedeuten, die 
nicht unbeträchtlich ist, die aber von ihr bei der Notlage des Staates 
willig getragen werden wird. 
was die Rlastenbesuchszahl angeht, so ergibt eine Übersicht über 
die allgemeine Frequenz der Volksschulen und mittleren Schulen» 
daß sich die Verhältnisse in den letzten Jahren außerordentlich günstig 
gestaltet haben. Leider zwingt hier die Not zu Eingriffen, die auch 
wir bedauern. Rber trotzdem wird man in der breiten Öffentlichkeit 
Verständnis dafür haben, wenn die Rlassenfrequenz etwa wieder auL 
das Maß gebracht wird, das wir in glücklichen Friedenszetten hatten. 
In Preußen hatten wir — für den heutigen Gebietsumfang 
berechnet — 
im Jahre 1911: 5646653 Schulkinder in 32543 Schulen (110765 
Schulklassen) mit 101798 Lehrern (Lehrerinnen); 
im Jahre I9!4: 5900000 Schulkinder in 33000 Schulen (112000 
Schulklassen) mit 112000 Lehrern (Lehrerinnen); 
im Jahre 1921: 5519422 Schulkinder in 33281 Schulen (123040 
Schulklassen) mtt 117830 Lehrern (Lehrerinnen); 
im Jahre 1923: 4700000 Schulkinder in 33200 Schulen (123 OOS 
Schulklassen) mtt 117000 Lehrern (Lehrerinnen).
	        
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