Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 37.1924 (37)

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Orgon öes Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen 
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Nr. 3 
57. Jahrgang 
\9- Januar 192f 
Inhalt: Ingenleuf, Die Vorbereitung auf bas Berufsleben S.,9. Aus 
der Seit: Sum veamtenabbau. llalh. Schulorg. zum Schuladbau. V.-L-K 
Düsteldorf. Amtliches: Turn« und Sporilehrerinnen. Aus unserem 
Verein: Die Junge Lehrerin, lvieber der Vereinsbeitrag! Jahresberickt 1923. 
LtellenvermiUlung. Diasporahilfe. Aus Hessen, vezirtrs« und Zweig, 
vereine. MerKtafel. Stellenvermittlung. 
Die Vorbereitung auf das Berufsleben 
«ach den Gesetzen der Mol'vlehre von tintworrly/ 
erprobt in einer UiödchenodelHafse. 
von Elisabeth Ingenleuf, Duisburg. 
Willensschulung, Persönlichkeitserziehung — das ist der Nuf aller 
Einsichtigen in der modernen Arbeitsschulbewegung. Die experi 
mentelle Psychologie hat sich des Gebietes der willensbetäligung 
angenommen, um Pfadfinder für die Pädagogik zu werden. Lind- 
roorsky, ein hervorragender Psychologe auf diesem Gebiete, erregt 
durch seine Lehre von den Motiven als Beweger des willens Auf 
sehen, und seine Ausfaffung verspricht, für Erziehung und Unterricht 
fruchtbar zu werden. 
Lindworsky stellt sich ln Gegensatz zu der bisher vielfach üblichen 
Methode, den Willen durch Übung zu stählen, indem er sagt, nicht 
die Übung ist ausschlaggebend für die willensschulung, sondern das 
Motio, das den willen bewegt. Die Übung hat nur insofern wert, 
als sie den willen gelenkig macht, schneller und leichter die Hemmungen 
zu überwinden, die sich ihm entgegenstellen. Diese Theorie findet 
im Leben ihre Bestätigung, wenn wir an die Triebkraft der Ideale 
denken. Ideale machen den Menschen zu allem Großen fähig 
Motive find auch Ideale (nicht gleichzusetzen mit Beweggründen), 
nämlich Wertvorstellungen, die man in die Bindesseele einsenkt, die 
dort zum Samenkorn werden, das später aufgeht und tausendfältige 
Frucht trägt, wichtig für die Erziehung ist. daß die Motive Lebens 
ja Ewigkeitswerte sind. Diese liegen der Bindesnatur meist nicht, 
wenigstens nicht in ihrer dogmatischen Form. Darum ist es Auf 
gäbe des Lehrers, die der Bindesnatur im allgemeinen und der 
speziellen Eigenart eines Binder im besonderen liegenden Motioc 
zu erforschen, daran anzuknüpfen und ihm die höheren werte aus 
kindliche weise nahezubringen. Alle seelischen Brüste müfien dabei 
in Tätigkeit gesetzt werden, wie der Stoff es erfordert; denn nur 
wenn der wert zum Erlebnis geworden ist, wird er erstrebenswert. 
Nach Lindworsky haben jene Werte am meisten Aussicht auf Bestand, 
die durch Phantasie und G fühle erlebt, durch geeignete Gedanken 
verbindungen in der Seele verankert sind und mit dem praktischen 
Leben in Verbindung gesetzt werden. Der Gedankenkomplex, der 
sich um einen überragenden Wertgedanken gruppiert, hat vermöge 
der Assoziations« und üeproduktionskraft der Seele die Aussicht, im 
spateren Leben im gegebenen Augenblick aktion'fähig zu werden. 
Wie in bezug auf unser Thema ein Gedankenkomplex auf Grund, 
läge einer geeigneten Stoffauswahl geschaffen werden kann, mögen 
die folgenden Ausführungen zeigen. 
Weihnachten ist vorbei. Mit Spannung schauen die Binder Dstern, 
dem Zeitpunkte ihrer Entlastung, entgegen, was dann werden wird, 
beschäftigt all ihr Zinnen und Trachten. Im Elternhause wird darüber 
gepiant und gesprochen. Der Berufsgedanke, der im taufe des 
Jahres häufiger in konkreter Form durch Lesestücke, welche über 
die pflichttreue handeln, vor die Bindesseele getreten ist, nimmt 
* Nach tinbwoisfeqs „Willensschule«. F. Schöningh. Paderborn. Ji 1,80 
jetzt greifbare Gestalt an unter intimster Bezugnahme auf das eigene 
Leben. Lr trägt ausgeprägteste individuelle Züge. Vas ist für den 
Lehrer der rechte Augenblick den Samen auszustreuen, die richtige 
verussauffastung zu vermitteln. Ts ist, um mit Lindworsky zu 
reden, die rechte Gelegenheit da, an die Motive im Bindesleben 
anzuknüpfen und neue Motive damit zu verschmelzen. Der Deutsch« 
unterricht und die Lektürestunde geben die nötige Zeit dazu her. 
Der zukünftige, in greisbare Nähe gerückte Beruf ist das Motiv, 
der Wertgedanke. Durch Aussprache der Binder untereinander, 
durch Überlegen mit den Eltern ist er bereits zu einem gewisten 
Erlebnis geworden. Die Schule muß da nur noch klärend, vertiefend 
und führend eingreifen. Eine schriftliche Arbeit „was ich werden will", 
„wie denke ich mir mein Leben nach der Schulentlassung"? „Welche 
Arbeit möchte ich im späteren Leben am liebsten tun"? oder ühn- 
liche Themen geben den nöt gen Aufichsuß über die seelische Einstellung 
der Binder. Nun heißt es für den Lehrer: sichten, zusammcnfoffen 
und an dem Punkt einsetzen, wo die Blärung, Vertiefung, Führung 
vonnöten ist. Je nach dem Stand der Blaffe wird dies viel Zeit 
in Anspruch nehmen. In zwangloser Besprechung, in der die 
Binder mit ihren Erfahrungen, Einsichten und Ansichten zu Wort 
kommen, werden die einzelnen für Mädchen dieser Schulgattung in 
Frage kommenden Berufsarten mit ihren Aussichten und der dazu 
nötigen Veranlagung und Neigung in der weise besprochen, daß 
man sich zunächst auf die in den schriftlichen Arbeiten zutage getretenen 
Berufe beschränkt, dann aber auch den Blick vorsichtig auf den 
Beruf lenkt, der für das eine oder andere Bind geeigneter erscheint. 
Voraussetzung ist, daß die Lehrerin ihre Bmder genau kennt und 
sich ein Urteil über deren Veranlagung und Charakter gebildet hat. 
Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, daß es schwer ist, 
die Binder von einem einmal ins Auge gefaßten Beruf abzubringen, 
weshalb ich es noch für richtiger halte, die ganze Besprechung an 
den Anfang des Schuljahres, anstatt an das Ende desselben zu legen. 
wenn die Binder zu einem Entschluß gekommen sind, ist eine 
Aussprache der Lehrerin mit den Eltern sehr am Platze, am besten 
in Form eines Hausbesuches oder aber auch in einer eigens dazu 
einberufenen Elternversammlung. Ideal wäre es, wenn die Schule 
den Bindern auch die entsprechenden Stellen vermittelte. 
Nachdem dies Vorarbeiten geleistet und die Binder innerlich zur 
Buhe gekommen sind, kann man erst an den Gedanken der Berufs« 
auffastung herangehen. Es kommt viel darauf an, die Binder zu 
überzeugen, wie wichtig es ist, einen rechten Berus erlernt und den 
be anders richtigen erfaßt zu haben. Man legt ihnen die Frage 
vor: „Ja warum denn nun all dies Überlegen und Batnehmen"? 
Zur Illustration dient: Gänschen, der alles werden wollte und aus 
dem nichts wurde, Blauveilchen, das nirgends zufrieden war und 
hoch oben auf dem Berge im steinigen Boden verkümmerte, well 
da die Lebensverhältniste nicht fürs Blümchen paßten. Besonders 
die Lehrjahre mit ihrer straffen Zucht weiden manchen Mädchen, 
die vielleicht zu Hause verwöhnt wurden, die stets ihren willen 
bekamen, große Schwierigkeiten machen. Da muß man ihnen klar 
machen, daß Aushallen und überwinden heldenhafter ist als weg« 
laufen und Stellenwechsel. „Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre". 
Vas Gedicht „Dein Platz" Könnte ihnen die ganze Verantwortlich 
keit, die sie mit der Besitzergreifung des Berufes übernehmen, für 
zetzt und später zum Bewußtsein bringen.
	        
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