Full text: Der junge Lehrer - 5.1923 (5)

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JQ** j«««« Lehrer*. 
Nr. S 
sein Eigenstes waren, erstanden in wundersamen Gesichtern vor 
ihm und forderten ihr Teil am Dasein. Sein eigenes Erleben 
und Leiden verwandelte sich in das Fleisch und Blut dieser 
seiner Geschöpfe. Er atmete mit ihnen! Und eines Tages 
packte ihn eine übermächtig« Gewalt, daß er all das heraus 
bringen mutzte, was in ihm lebte... er schrieb nicht, weil er 
wollte, sondern weil er mußte. . ." Nicht jugendliche Phan 
tasterei also, sondern der Kampf im Strome des Lebens gibt 
dichterische Kraft. Durch Leiden und Kämpf« hindurch schritt 
auch Freiin Anna von Krane in das Land der Poesie. 
Ein Kampf ihre Jugend! Dem westfälischen Adel 
gehörte ihre Familie an und am 26. Januar 1853 ist Anna in 
Darmstadt geboren. Eine Freiin! Aus guten Verhältnissen! 
Und dann ihre Jugend ein Leiden? Wir wundern uns viel 
leicht! Aber die Dichterin schildert uns selbst den Dornenweg. 
Da erzählt sie in den „Flüchtigen Schatten" von ihrem Mütter 
lein, das — ach so früh — an einem qualvollen Herzleiden starb. 
Der Vater suchte das Bild der Gattin in dem einzigen Kinde, 
findet aber nichts von deren Schönheit. Enttäuscht auch durch 
manche Charakterzüge des Kindes, zieht er sich von diesem zurück, 
nicht teilnehmend an des Kindes Leid und Freud, lebt er ein 
sam. Anna ist ganz in die Hand der Erzieherin gegeben. Und 
diese? Wohl hat st« guten Willen, vielleicht auch Liebe zu der 
Kleinen, aber sie kennt nur Strenge und huldigt dem merk 
würdigen Grundsatz: „Kindern darf man nie zeigen, daß man 
sie lieb habe." Das ist so etwas Kalt-kluges, wie es „Fatimas 
Weisheit" raten kann. Die Geschichte von deren herzlosen Weis 
heit erzählt die Dichterin in dem Buche „Enttäuschtes und Er 
lebtes" (Hausen-Bücherei). Verängstigt, eingeschüchtert, ohne 
Gesellschaft, ohne Kinderfreuden, an der Hand einer Erzieherin, 
die grundsätzlich hart ist, mutz Anna den Garten der Jugend 
durchschreiten ohne die Speise der Liebe, ohne ermunternde 
Worte und Blicke. Welche Qualen ein freudloses Lernen! 
Wohl brauchte sie nicht frieren, nicht dürsten, nicht hungern, aber 
das Herz hungerte und dürstete nach Liebe. Was die jugend 
liche Freun nach dem Tode der Mutter erlebte, fand seinen 
Niederschlag in dem Romane „Starke Liebe". Die Welt der 
Leser wollte nicht glauben, was in ihm erzählt wurde und in der 
Zeitschrift „Ueber den Wassern" (1910) mutzte die Dichterin die 
Leser einen Blick tun lasten in ihre Werkstatt, mutzte die Wahr 
scheinlichkeit der Erziehungsgeschichte dartun. Sie tat es, indem 
sie schmerzlich ausrief: „Das mißhandelte Kind, besten gute 
Keime durch Strenge ohne Liebe beinahe ertötet wurden» 
bin ich!" 
Ein Kampf auch ihre Reifezeit! Zunächst um 
den Beruf. Die Freiin eine Malerin! Wir begreifen, daß der 
Vater nicht ganz leicht einwilligte, schließlich aber reiste sie 
wie Goswin von Fels in ihrem Roman „Der Kunstbaron" 
nach Düsteldorf. Ob man in den akademischen Kreisen das 
Kunststreben der Baroneste ernst nahm? Als sie mitten int ihrer 
Ausbildung ist, tut sich in ihrer Seele ein Zwiespalt auf, wie 
er lange auch in Goethes oder Gottfried Kellers Seele herrschte. 
Die Frage erhob sich nämlich bange in ihrer Brust: „Bist du 
geschaffen zum Künstler, der mit Palette und Farbe oder mit 
den Klängen der Sprach« Kunstwerke schafft?" - Der innere 
Streit entschied sich dahin, datz Anna Schriftstellerin wurde. 
Sie brachte aus der Ausbildungszeit für den Malerberuf einen 
feinen Blick für das Malerische, Stimmungsvolle in der Farben 
gebung, die Freude für Farbensymphonien mit. Aber auf dem 
Wege der Schriftstellerin wuchsen Dornen. Großen Anklang 
fanden ihr „Kunstbaron" und „Starke Liebe" nicht. Verken 
nung, Ablehnung! Mit Bitterkeit schrieb sie: „Starke Liebe" 
tst ein ganz unsinniges Buch! Ein dummes Buch für die meisten 
Menschen. Wie dumm und unsinnig es gefunden wird, wie 
allgemein die Ablehnung ist, habe ich wirklich nicht geahnt, es 
erst nach und nach merken müssen . . ." In der Erzählung 
„Richt umsonst" zittert noch alles Niederschmetternde aus jener 
Zeit nach: „Tiefes eisiges Schweigen war die ganze Erwiderung 
auf ihr so freigebig verspritztes Herzblut . . . Die Sympathie, 
nach der sie lechzte, hatte sie nicht gefunden." Das sind Leiden 
des Dichters, besten Feldern der Tau der Anerkennung fehlt. 
Mut und Berufsfreud« gehörten dazu, auf dem eingeschlagenen 
Weg« sortzuwandern. 
Den Kampf um den Beruf begleitet noch das Ringen 
nach der religiösen Wahrheit. Das Ende des Strei 
tes war der Uebertritt der Freiin zum Katholizismus. Wun 
dern wir uns noch, daß von nun an das religiöse Problem im 
Mittelpunkte ihres dichterischen Schaffens steht? Im Laufe 
ihrer weiteren Entwicklung wird sie die deutsch« Christusdich 
terin. Was die Evangelisten erzählen, wird ihr gegenwärtiges 
Leben, wovon sie schweigen, das ergänzt ihre Phantasie. Und 
Christi Gestalt! Magisch rückt sie immer wieder in den Mittel 
punkt der Erzählungen. Da ist er als Jüngling, der in Naza 
reth die Herden weidet. Ein Blitz des Göttlichen bricht aus seiner 
irdischen Umhüllung hervor, aber er ist nicht der SchamounÄer* 
täter der agnostischen Jugendgeschichten Jesu. Jesus ist in allen 
Erzählungen von erhabener Größe! Wie lebendig werden Zeit 
und Menschen! Wir werden Zeugen jener Zeit, besonders in 
dem Romane „Magna peccafrix", in dem wir die Bekehrung 
Maria Magdalenas miterleben. Biblischen Geistes sind die 
Werke der Dichterin voll, nicht sind es Phantasmen, wie Peter 
Rosegger sie in seinem „I. R. R. I., frohe Botschaft eines armen 
Sünders" schafft. Kranes Christuserzählungen beruhen auf 
einem liebevollen Studium der Bibel und der Kulturgeschichte 
jener großen Zeit. Aus dem Kranze der Novellen, den sie um 
den Heiland windet, leuchtet als schönste Blüte die Novelle „Als 
der König erschrak" hervor. Ein feiner Duft wie zu Bethlehem 
in der Wundernacht strömt daraus hervor. Kein zeitfremder 
Ton stört uns, kein an Belehrung grenzendes Wort erdrückt die 
poesievolle einheitliche Stimmung. Ein Meisterstück, das wir 
Wisemanns „Fabiola", Wallaces „Ben Hur", Sienkiewicz' „Quo 
vadis“ an die Seite stellen dürfen. 
Die Dichterin Anna von Krane, die in München ihren 
Lebensabend noch immer künstlerisch schaffend verbringt, kann 
auf ein reichgesegnetes Künstlerleben zurücksehen. Noch 1921 
gab sie auf den deutschen und in Uebersetzung auch auf den aus 
ländischen Büchermarkt ein neues Werk: „Die Leidensbraut. 
Geschichte eines Sühnelebens" (wie alle Krane-Bücher bej 
Bachem, Köln). Es ist eine neue Lebensbeschreibung der 
Seherin von Dülmen, Anna Katharina Emmerich. Mag ein 
Kenner der Emmerich-, Hensel- und Brentano-Literatur wie 
Herm. Cardauns manches an dem Buche auszusetzen haben, gern 
gesteht er zu. datz hier ein Volksbuch vor uns liegt. Das Buch 
ist ein Apologet, wie Emmerich eine lebendige Apologetin für 
die Heiligkeit der katholischen Kirche war. Uns Lehrern ist eine 
Legende aus Künstlerhand sehr wertvoll, zeigt sie uns doch, daß 
Glauben, religiöse Innigkeit und Wärme und Beschwingtheit 
auch unser Legendenerzählen zum Erlebnis für das Kinderherz 
machen kann. So bezeichnen wir Kranes neues Werk. Wir 
hoffen, datz die Auswirkungen Kranescher Kunst nicht so schnell 
verloren gehen, sondern datz das Lesen ihrer Werke in den 
Herzen gläubiger Menschen reiche Früchte bringen wird. 
Berufsarbeit 
Fortbildung der Junglehrer in Bayern. 
Vorbemerkung: Am 10. April 1923 erschien in der Bayeci. 
scheu Staatszeitung eine Bekanntmachung des Staatsministeriums für 
Unterricht und Kultus vom 6. April, nach der unter Bezugnahme auf 
§ 31 des Gesetzes über Schulpflege. Schulleitung. Schulaufsicht v. 1. Aug« 
1922 die Min.-Bek. über die Fortbildung der Volksschullehrer (v. 11, 
Juni 1920) verschiedene Aenderungen erfuhr. Im folgenden sind im 
allgemeinen nur jene Paragraphen angeführt, die in merkenswerler 
Weise abgeändert oder neu eingestellt wurden. Zum Verständnis d-r 
au Herba her ifchen Leser sind aber auch einige andere Bestimmungen an 
gegeben. Die Bekanntmachung v. 11. 6. 20 ist nachzulesen im Amtsblatt 
des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus 1920 Nr. 8. W. 
§ 1. 
I. Zur Förderung der Berufseinsicht, zur Pflege der Berufsfreudig» 
kn't und zur Anbahnung der Berufstüchtigkeit dient in den ersten Jahren! 
der schuldienstlichen Wirksamkeit eine auf gemeinsame Beruföerben ein. 
gestellte amtliche Fortbildung. II. Die Schulantisbewerber und Schul- 
amlßbewerberinnen. Hilfslehrer und Hilfslehrerinnen sind' zur Teil 
nahme an dieser Fortbildung in der Zeit vori der Seminarschlußprüfung 
bis zur bestandeilen Anstellungsprüfung verpflichtet. 
Aus § 2. 
Zur Durchführung der Fortbildung werden von den Negierungen 
Fortbildungsbezirke gebildet. Eiii Fortbildungsbezirk soll dauernd nicht 
nrehr als 20 pflichtige Teilnehmer zählen. In der Regel gehören einem 
Fortbildungsbezirk männliche und weibliche Fortbildungspflichtige an. 
ES köiinen jedoch auch besondere Bezirke für männliche und solche für 
weibliche Fortbildungspflichtige gebildet werden. 
8 9. 
l. Die Leitung der Foridildung in einem Fortbildungsbezirk obliegt 
nebenamtlich einein bewährte,i Volksschullehrer des Bezirks oder der 
unmittelbaren Stadt. II. Zur Leitung von Fortbildungsbezirken, die 
nur weibliche Fortbildungspflichtige umfassen, sind weibliche FortbildunüS» 
leitet aufzustellen. (II — neu!) 
§ 4. 
I. Der Fortbildungsleiter führt die Dienstbezeichnung Bezirksober- 
lehrer, die Fortbildungsleiterin die Dienstbezeichnung Bezirksoler. 
lehrerin. II. Der Bezirksoberlehrer wird durch die Regierung, Kammer 
des Innern, in widerruflicher Weise anfgestelll.» III. Er untersteht als 
Fortbildungsleiter und im inneren Betriebe seiner Schulklasse nicht dem 
Bezirksschulrat, sondern unmittelbar der Regierung. Die Schulbesuche 
in den Klassen der Bezicksobcrlehrer werden von den fachmännisch vor. 
gebildeten Schulaufsichtsbeamten der Regierung vorgenommen. (Letzter 
Satz neu! Gestrichen ist u. a. die Bestimmung, dah vor Aufstellung 
des BezirkSoberlehrers der zuständige Bezirks- oder Stadtlehrerrat zu 
dem Vorschlage der Regierung gutachtlich zu hören ist, was wir nach 
dem gemachten Erfahrungen nicht bedauern. Grundsätzlich find wir
	        
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