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mehreren anderen ein beſonderer Akt dieſer Ausgleichung.
-- Die Anknüpfung des Wortes an den Begriff iſt alſo ein
Bedürfniß des Geiſtes, dem ſchon das kleine Kind in
ſchöpferiſcher Weiſe Folge leiſtet.
So weit befinden wir uns alſo auf naturgemäßem Boden;
daraus folgt aber, daß im höchſten Grade naturwidrig
alle diejenigen Prozeſſe ſind, die den entgegengeſetzten Weg
der Sprache anweiſen wollen: naturwidrig iſt 1) diejenige
Anforderung, die wir im bisherigen fremden Sprachunter-=
richt an unſere Schüler ſtellen : an bloße, vorhandene Worte
oder Wörter, die als Mutterſprache dem Kinde hinlänglich
bekannt ſind und die alſo dem erwähnten Bedürfniß bereits
vollſtändig genügt ha ben =, an dieſe Wörter fremde, neue,
unbekannte, alſo ſinnloſe Wörter knüpfen zu laſſen , die na-
türlich dem Kinde gänzlich überflüſſig erſcheinen müſſen.
Meine Herren! Nicht an Worte fnüpft ſich ein Wort an;
niht: „wo Begriffe fehlen, ſtellt zux rehten Zeit ein Wort
ſich ein'', ſondern: (laſſen Sie mich den Göthiſjhen Satz um=
kehren) nur wo Begriffe find, da ſtellt zur rechten Zeit ein
Wort ſich ein!
Naturwidrig 2) iſt es, den Begriff nicht direki dur die
Anſc Begriff zu weden (um ihn dann dur ein fremdländiſches
Wort wiederum reproductren zu laſſen!) , während nachge-
wieſenermaßen der Begriff dem Wort vorausgehen muß,
wenn er lebensfähig ſein ſoll.
Unnatürlich endlich 3) iſt es, den Ausdruk eines ein=
fachen Gedankens, der dem Kinde als eine Einheit erſcheint,
zur Moſaikarbeit des Verſtandes machen zu wollen, indem
man das Kind zwingt, ſtü>weiſe den Gedanken zu über =
ſetzen mt Rücſichtnahme auf unzählige Regeln, die, neben=
bei geſagt, gar noh gänzlich außerhalb des urſprünglich
gedachten Gedankens liegen !
us allem Dieſen nun, meine Verren, ergibt ſich die
kategoriſme Forderung , die als der Angelpunkt des Unter=
vichtes er/ Fort mit der Heberſevung:
Zurüd zu dem unmittelbaren Ausdrud
deſſen, was angeſhaut iſt!
Fort mit dem Wuſt derjenigen Regeln,
die nihtformalbildenden Inhaltesſind, und
Zurück zu der einheitlichen Auffaſſung
und zu dem einheitlichen Ausdru> des Ge=
dankens!
TU.
Indem ich jetzt im Begriff ſtehe, die Verkörperung
dieſer Sätze =- eben dieſen Unterricht =- Ihnen kurz zu
ſchildern, ſchie ich einige Sätze voraus, die geeignet ſein
dürften, unſere etwaige Debatte in engere und direktere
Bahnen zu leiten.
1) I< denke mix dieſen Unterricht, den ich hier ſchildere,
zunächſt für die zwei erſten Jahre beſtimmt, wo das
find die betreffende Sprache zu lernen beginnt. Es
iſt das, was ich heute ſchildere, alſo nur der vorberei-
Elementarunterricht.
2) Derſelbe beginnt nicht früher, als der bi8Sherige und
ſchließt nach zwei Jahren als Elementarunterricht ab.
3) Er iſt natürlich nicht denjenigen empfohlen, die überall
keinen fremden Sprachunterricht im unſern deutſchen
Schulen wollen.
4) Er iſt ſtets als Klaſſenunterricht gedacht.
5) Es iſt mir unmöglich, alle Einzelheiten des Unterrichts
hier zu erwähnen ; ich nenne alſo nur die Hauptſtufen,
und habe in einem Kreiſe von Fachgenoſſen vorauszu=
ſeen , daß die Ausführung und Mannigfaltigkeit des

Stoffs richtig aufgefaßt werde, auc< wenn ich ſie hier
nur andeute.
6) Der Unterricht bedarf eines Lehrbuches, das ſtreng nad
dieſen Prinzipien gearbeitet iſt, um nicht planlos zu
werden , ſondern Syſtem und Halt zu gewinnen.
Meine Herren! Dieſe Bemerkungen ſind es, die iH Ihnen
jagen wollte; was ich jetzt hinzufüge , lag nicht in meiner
Abſicht; ich ſoll es eben Ihnen ſagen , wie von verſchiedenen
Seiten die Aufforderung an mich erging. == Nun dann : ich
ſtehe unter dem Eindru> der allgemeinen PLehrerverſammlung;
1H ſpreche alſo als Freund zu Freunden, und fürchte keine
Mißdeutung. Za, meine Herren, der Unterricht, den ih
Ihnen ſchildern werde, iſt bereits aus8geführt in einer
Anzahl von norddeutſchen Anſtalten ; die Arbeiten der Kinder
liegen als einzig möglicher Nachweis für die Ausführbarkeit
des Unterrichts im Nebenzimmer zur Einſiht vox und auch
das Lehrbuch*) für dieſen Unterriet, nach welchem wir eben
unterrichten, iſt exſ plaren ebenfalls zu Ihrer Kenntnißnahme bereit.
I< gehe nunmehr zur flüchtigen Darſtellung des eigent-
lichen Unterrichts über. =- Indem wir denſelben als einen
naturgemäßen bezeichneten, muß er ſich nothwendig der-
jenigen Weiſe nähern, nach der jede Nation unbewußt ihre
Mutterſprache den Kindern zugänglich macht, und in der That :
„Was ihr uns , Gelehrte , für Geld nicht erwerbt,
Hat jedes Kind von ſeiner Frau Mutter geerbt";
nämlich die Sprache.
Wir folgen alſo auch hiex dem Wink der Natur. Der
Lehrer beginnt damit, den Kindern einzelne Gegenſtände, die
ihnen bekannt ſind, =- oder Nachbildungen derſelben (Häuſer,
Bäume, Thiere 2c.) vox die Augen zu führen und die fremde
Bezeichnung direkt an den Geg enftand knüpfen zu laſſen;
er verbindet damit einzelne wenige ſtereotype Fragen im
fremden Idiom; etwa: Was iſt das? Zeige mix dies oder
jenes -- und läßt dieſe Fragen und die dazu gehörigen Ant-
worten in vielfacher Anwendung von den Kindern üben. --
Wenn dieſe erſte Stufe, die ſhon nach einigen Stunden auf=-
hört, das Ausſchließliche zu ſein, faſt monoton erſcheinen
könnte, ſo iſt nicht zu vergeſſen, daß jeder Anfang embryo-
niſch iſt, daß aber ſhon dieſe Stufe die Gewöhnung anſtrebt
zum mündlichen Gebrauch der fremden Sprache, und eben in
einfachſter Weiſe auftreten ſollte und nie ganz aufhört, ſo
lange wir im Elementarunterri brauchen , wenn wir ſie jetzt auch hier ſhon verlaſſen, um die
folgende Stufe des Unterrichts zu erwähnen.
Der Lehrer fordert nunmehr, daß die Kinder an den alſo
bekannten Gegenſtänden nicht nur die Namen, ſondern auch
die Eigenſchaften (nämlich Farbe, Größe, Form und
Zahl) aufſuchen , unterſcheiden und vergleichen ; ſodann dieſe
jelbſtgemachten Beobachtungen in der ſeemden Sprache aus=
drücken, wozu ex ſelbſtverſtändlich die Anleitung gibt.
Dadurd) aber ſchon verläßt der Unterricht die Stufe des
bloßen Anlernens von Vokabeln. Aber phyſiologiſch betrach-
tet wird dem Kinde aud die abſtraktere Cigenſ 0 an dem Gegenſtande in die Augen ſpringend erſcheint wie
arbe, Größe, Form und Zahl, ebenſo leicht als ſinnlicher
Begriff entgegentreten wie die konkreteren Begriffe der Dinge
ſelbſt. Hier tritt ferner au< ſhon die Anregung zur Selbſt=
thätigkeit hervor, die dieſen Unterricht Dur ſchon wegen dieſer angeregten Selbſtthätigkeit wird die Lehr=
fa eine dur müſſen.
x) „Das erſte Jahr“ und „das zweite Jahr franzöſiſchen
Unterrichts.“ Ein Beitrag zum naturgemäßen Unterricht von A.
F. Louvier, Vorſteher einer höheren Töhterſ (Altona bei Heſtermann , 1864 und 1865.) D. R.

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