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Und hier, meine Herren, wird mir die Gelegenheit ge-
boten, auf die eigentliche innerliche Seite dieſer Unterrichts=
kunſt aufmerkſam zu machen; ich lege Ihnen damit zugleich
auch die eigentlihe Schwierigkeit dieſer Weiſe vor Augen. --
Man könnte glauben, die Schwierigkeit liege in dem Um-
ſtande, daß der Lehrer ſelbſt im mündlichen Gebrau Sprache geübt ſein müſſe. Nun ja, meine Herren, man wird
bald zu dem Glauben kommen müſſen, daß derjenige, welcher
eine lebende Sprache lehrt, dieſelbe auch müſſe ſprechen kön=
nen; dieſer Elementarunterrti gemäß nur in einem beſchränkten Kreiſe und ſetzt vorläufig
nicht allzuviel voraus. =- Die eigentlihe Schwierigkeit aber
und zugleich die Feinheit dieſes Unterrichts liegt auf einer
ganz anderen Seite, nämlich in dem pſyhHologiſhen Theile der
Aufgabe. Es gilt nämlich, dur und irgend wel ſt in der ganzen Klaſſe einen und denſelben
Gedanken wa zu rufen (ohne ihn direkt deutſch auszu-=
ſprehen), alſo das Verlangen, das Bedürfniß,
na< dem Ausdrud zu weden, um ſodann -- aber
erſt dann -- den fremdſprahlichen Ausdru> als
etwas Nothwendiges zu bringen oder bilden zu
laſſen. Gerade in dieſer Beziehung ſtellt dieſer Unterricht
eine Anforderung an den Lehrer, die allerdings ſchwer ge-
nannt werden mag, die aber jedenfalls geeignet iſt, den
Sprachunterricht zugleich auch für den Lehrer intereſſant zu
maden! --
Die dritte Stufe des Unterrichts beſchäftigt ſich, nod)
immer im erſten Halbjahr, vorwiegend mit dem Berb, aber
in ſeiner einfachſten Geſtalt, d. h. mit dem Verb im Praesens
Singular. -- Dey Lehrer läßt nunmehr nämlich eine be=
ſchränkte Anzahl von Thätigkeiten in der Klaſſe ausführen
mit den bekannten Dingen (3. B. die Thür, das Fenſter, das
Buch öffnen oder ſchließen) und dieſe angeſhaute Begeben-
heit, die nicht erſt ins Deutſche übertragen iſt, direkt in der
fremden Sprache bezeichnen, alſo gleichſam von der Wirklich
fett ableſen. =
Dadurc< wird nun der Stoff der Sprehübungen un=
gemein erweitert, und alle Perſonenbeziehungen, die
beim Verb und ſeinen Endungen ſo wichtig ſind, werden ex =
lebt; das Kind fühlt das Bedürfniß, die richtige Endung
an das Verb zu bringen, weil es eben begreiſt, daß ohne
dieſe Endung es gar nicht ausdrüt, was es ſagen will.
Dieſe ſichere, tiefergehende Auffaſſung der Verbendungen
und der Perſonalpronomen iſt für den Erfolg des Unterrichts
von der höchſten Wichtigkeit und nach natürlichen Geſetzen am
beſten auf dieſem lebendigen Wege zu erreichen, wie Jeder
von uns beſtätigen wird , der die Schwierigkeit dex Berben=
dungen im Unterrichte zu beobachten Gelegenheit gehabt hat.
Während die biSher genannten Stufen das erſte Halbjahr
ausfüllten , bringt das zweite Halbjahr die Erweiterung des
genannten Stoffes nac efannten Subſtantive, Adjektive, Pronomen und Verben
werden nunmehr im Plural angewendet, indem aber die bis=
herige Weiſe feſtgehalten wird und die Dinge 2c. wirklich in
mehreren Exemplaren den Kindern vorgeführt werden. Zu
betonen wäre hier nur no<, daß
die Wiederholung des Aehnlichen mit ge-=
ringer Abweidung, alſo die Analogte,
ebenfalls nur eine Nachahmung iſt der Vor-=
gängeimnatürlichen Sprachenlernen! --
Wenn i< nun endlich die Aufgabe des zweiten Jahres
Elementarunterrichts hier andeuten ſoll, ſo geſchehe das ganz
in der Kürze:
(Cs iſt dies Jahr im Weſentlichen dem Zeitwort ge-
widmet, während nebenher eine Erweiterung des bisherigen
und eine Vermehrung des Materials ſtattfindet, die ich hier,


wie geſagt, nicht ausführen will. Das Verb aber in ſeinen
verſchiedenen Zeiten zu veranſchaulichen, Handlungen und
Zuſtände als gegenwärtig, vergangen oder zukünftig unter=
ſcheiden und im Fremden Idiom bezeichnen zu laſſen , das iſt
Die weſentliche Aufgabe des zweiten Jahres , wie endlich die
Unterſcheidung der unvollendeten von der vollendeten Hand=
lung. Hier wird die Aufgabe pſychologiſch feiner, wir
[reiten von der unmittelbaren äußeren zur inneren An=
und immerhin werden die Kinder auch dieſe Unterſ weil ſie nothwendig und zugleich veranſchaulicht werden, doch
immer mit einer gewiſſen Leichtigkeit und Klarheit erfaſſen,
welche die Ueberſezung nicht gewährt! Uebrigens haben
wir unſern Schülern dieſe feineren Unterſcheidungen aud
im bisherigen Untervichte keineswegs erlaſſen, vielmehr die-
elbe vedht ſtark und in unvermittelter Weiſe ihnen zuge-
muthet !

eum

Meine Herren! I< bin zu einem Ruhepunkte gelangt:
den Haupttheil dieſes Unterrichts habe ic) Ihnen geſchildert.
Wenn ich hier abbräche , wäre eine ixxthümliche Auffaſſung
der ganzen Sache Ihrerſeits gerechtfertigt.
ie könnten glauben, daß es auf die Erlangung der
Sprechfertigkeit als Endztel mir ankäme.
Das iſt nicht der Fall. Der ganze Lehrgang iſt durc eingrammati / Her. Es tritt nämlid) nun nod an den
Lehrer die Aufgabe heran, an jede Lektion Daszenige aus der
Grammatik entwi>elnd in deutſher Sprache anzuknüpfen,
was das Lehrbuch für jede Lektion fordern muß; für dieſen
Zweck alſo gerade müſſen die Lektionen geordnet und das
Material im Lehrbuch gewählt ſein. Nun aber erſcheint das
ſprachliche Geſeß deutlich vox den Augen des Kindes, weil
* es durch die Regel nur die Beſtätigung deſſen erhält, was
es bereits als richtig im mündlichen Gebraud der Sprache
ennt.
Mande ſchwierige Regel aber, die biSher den Elementar=
unterric ſetzung (3. B. Stellung der Adjektive im Franzöſiſchen), tritt
vorläufig gänzlich zurü, ohne daß das Kind dur< das Fehlen
der „Negel“ im Gebrauch der Sprache gehindert wird.
Andere Regeln, die keinen oder geringen formalen Bil=
dungsſtoff enthalten (3. B. franzöſiſch die Reihenfolge der
Objektpronomen me le, te le, le Ilui) fallen in dieſem
Unterrichte gänzlich weg, weil ſie dur das beim
Sprechen gebildete Ohr des Schülers erſetzt werden; weil
wir alſo eine naturgemäße inſtinktive Auffaſſung der
Geha vorziehen einer geiſtig unfruchtbaren Wiſſenſc ichfeit.
Der Gewinn an Zeit kommt aber dafür den wirklich for-
mal bildenden ſprachlihen Geſetzen zu Gute, die im ä Mager'ſchen Geiſte ausführlich und vergleichend entwidelt
werden können, und die Konſequenz dieſes Unterrichtes (die
allen Lehrern gewiß willkommen ſein wird), iſt :lſo
eine Vereinfachung der Grammatik!
Eine beſondere Seite des fremdſprachlichen Unterrichtes
iſt das Leſen. =- Auch in Bezug auf dieſes geht der beſprochene
Unterricht einen andern Weg.
Das bei jeder Lektion im Lehrbuch zu gebende
Leſeſtü> entſpricht nämlich nac; Form und
Inhalt genau demjenigen Material, das im
mündliden Geſpräd in der Stunde geübt
undzum Eigenthumder Shülergewordeniſt
Durd) dieſe Maßregel ſtellt ſich nun das Leſen des Eng-
liſchen oder Franzöſiſchen auf dieſelbe Stuſe, die das deutſche
Leſen einnimmt : es dringt der Gedanke ſogleich in ſeinem
ganzen Umfange durc<; Auge und Ohr als etwas Be-=

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