Herausgegeben von A, Berthelt,
Unfer Milwirkung von Ferd. Schnell.


Jährlich 32 Nummern. Preis vierteljährlich 2 Thlr.
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Literar. Beilagen 15-3 Thlr. --- Beſtellungen nehmen
alle Buchhandlungen und Poſtämter an.
Sonntag, den 22. Januar.
Aufſäße über zeitgemäße Themate?u. Mittheilungen
über Schul- und Lehrerverhältniſſe ſind willkommen.
Schriften zur Recenjion ſind unberechnet einzuſenden
und findet eine Rüſendung derſelben nicht ſtatt.

Der Religionsunterricht in der Elementarklaſſe.
Von Dr. O. Liedler.
(S Drittens muß der Lehrer langſam, mit lauter,
vernehmli unabhängig vom Buche erzählen, wenn er das Inter-
eſſe der Kinder erhalten und klare Vorſtellungen in ihren
Köpfen hervorrufen will.
In den Augen liegt das Herz. Nun ja, eben weil in den
Augen das Herz liegt und vor Allem dem Lehrer in den
Augen liegen ſoll , wenn er ſeinen Kleinen die bibliſchen Ge-
ſchichten erzählt, ſo ſollen die Kinder auch in dieſelben ſchauen
und in venfelben leſen können. Dann aber dürfen die Lehrer-=
augen nicht auf das Buh, ſondern ſie müſſen auf die Zu-
hörer und Zuſ Gut, entgegnet mir vielleicht Einer, ſo leſe ich erſt ein
Stük habe darauf weiter nichts zu erwidern, als: Lieber Mann,
dann bekommen die Kinder m nichts in den Augen. Mit anderen Worten: Will der Lehrer
ſo erzählen , daß ex die Kleinen feſſelt umd erwärmt, ſo muß
er der Geſchichte vollſtändig mächtig ſeim. Crx muß ſie nicht
blos den Worten , ſondern auch dem Geiſte nah inne haben,
ex muß ſie ſtudirt und den ethiſchen Kern dur haben und von demſelben erwärmt und ergriffen, gehoben
und begeiſtert ſein. Religionsunterricht zu geben iſt nicht ſo
leiht. C8 geht ein Stüc> des eignen, geiſtigen Lebens mit
in die Kinder über. Weiheſtunden ſollen ja die Religions8=
ſtunden ſein und das werden ſie, wenn man ſich vorher nicht
als Schulmeiſter, ſondern als Menſc<, als ganzer lebens-
warmer und lebenskräftiger Menſc< auf ſie vorbereitet hat;
wenn man von inniger, heiliger Begeiſterung ergriffen und
von dieſem heiligen Geiſte getrieben, ſich ſo der Kindlein hin=
gibt wie einſt der Herr felbtt. Iſt Chriſtus irgendwo, ſo iſt
er hier unſer Meiſter.
- Wenn der Lehrer ſo vorbereitet und in ſolher Stim-
mung unter ſeine Kinder tritt, wenn ſeine Worte nicht ſeelen=
[vs in das Schulzimmer hineinhallen, wenn Ton und Stimme,
Bli> und Miene mitreden und miterzählen: ja, dann hört
und ſieht und fühlt das Kind zu gleicher Zeit, und was ſeiner
Auffaſſungskraft no lichen Herzen und fühlt ſi< vom heiligen Schauer ergriffen,
denn -- in den Augen liegt das Herz.

Aber gerade dann, wenn in frommer, heiliger Begei-
ſterung die Worte beredt von den Lippen fließen, gerade
dann, wenn eine feierliche Stille um dich her herrſcht und
Alles hor einen Fehler zu begehen und eine flüchtige Aufwallung des
Gemüthes hervorzurufen, anſtatt einen tiefen Eindruck zu er-
zeugen; denn nur zu leicht läßt du dich gehen und bedenkſt
nicht mehr , wen du vor dir haſt. Du ſprichſt zu ſchnell ; das
Herz drängt und der Mund geht über. Die Kleinen ver=
mögen dic< nicht mehr zu faſſen, deine Arbeit iſt vergebens
und das ſchöne Feuer verfla>ert, ohne zu zünden. Darum
gehört no< zu deinem Vortrage: Rede langſam und
vernehmlich.
Des Kindes Ohr iſt nämlich noch nicht geitbt, die einzel=
nen Laute und Worte ſo ſchnell aufzunehmen und zu ver=
dauen, als ſie zu demſelben dringen. (Es macht ihm Mühe,
vorher nicht gehörte Ausdrücke ſofort mit denen richtig und
feſt zu verbinden, welche ihm klar und geläufig ſind, und
darum verlangt es eine langſame, deutliche und vernehmliche
Rede. Cs verlangt Schonung und Zeit, damit es ſich, wie
man ſagt, beſinnen kann, und Beides wird ihm dur< fold)
einen Bortrag gewährt. Ueber dieſen Punkt noch eine Be-
merkung. Ic) erwähnte früher , daſßz Bilder im Unterrichte
mit zu verwenden ſeien. Wenn ich Shnorrs Kunſtwerk an=
führte, ſo habe ic damit ſchon angedeutet, daß mir irgend
ein beliebiger Bilderbogen voll alberner Figüren mit großen
Bettlaken umhüllt oder mit einem Schurz um den Leib nicht
genügen. Nein, auc Warum? Weil es zur Veranſc dienen, weil es den ethiſchen Kern der Geſchichte den Kindern
gleichſam plaſtiſch vor die Augen ſtellen ſoll. Und deshalb
muß das Bild von der Hand eines Künſtlers und zwar eines
ſolchen , dex von dem ethiſchen Gehalte des Ereigniſſes eben-
falls ergriffen und begeiſtert iſt, gefertigt ſein.
Solche Bilder darf aber der Lehrer nicht bios beiläufig
zeigen und dann wieder in die Ee legen, ſondern es gehört
mit zu ſeiner Vorbereitung , daß er ſie vorher ſtudirt, daß ex
Bild und Geſchichte innig verarbeitet, ſo daß das Bild die
Geſchichte und die Geſchichte das Bild ergänzt. Am voll=
kommenſten wird er dieſes erreichen, wenn er im Stande iſt,
denſelben ethiſ darzuſtellen verſuchte, ebenfalls zum leitenden Gedanken in
ſeiner Erzählung zu machen. Doch dabei muß er ſich ſehr
hüten, die Geſchichte zu preſſen und die Gedanken an den

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