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und zu begreifen. Auch ſagen ſie ſich, daß man ohne Schulbildung
wohl Geld verdienen kann, und oft ſtellen ſie ſich in ihrer Unwiſſen=
heit dem „gebildeten“ Lehrer als Beiſpiel gegenüber. Die beſſeren
Klaſſen haben zu wenig Intereſſe für die Volksſ Kinder häufig nicht in dieſelbe ſbi>en; überhaupt hat die S dung in den meiſten Fällen nur inſoweit Werth für dieſe, als ge-
wiſſe Berechtigungen des Fortkommens und der Lebensſtellung daran
geknüpft ſind.
Dieſe Sachlage zu ändern, muß der Lehrerſtand bemüht ſein,
beſſere Anſichten über den Werth der Schulbildung zu verbreiten
und dadurch, daß er am BVolks- und Gemeindeleben thätigen Antheil
nimmt, ſeinerſeits Intereſſe am Schulleben zu erwe>en. (8 iſt zu
verhindern, daß dem Lehrer vorgeworfen wird, es ſei ihm nur um
mehr Gehalt zu thun, wenn er agitirt. Zudem iſt zu bedenken, daß
die Hebung des Lehrerſtandes mit der Hebung der unteren
Volksſc Publikum. Den Armen das Evangelium!
Wir betrachten es demna zu ſtellende Forderung:
„Die Lehrer allüberall fort und fort anzuregen,
ſich am Volksleben in Gemeinde und Staat, namentlich
an den Bildungsbeſtrebungen des Volkes, rege und plan-.
mäßig zu betheiligen.“
Auch ſollten die Schulzeitungen mit gutem Beiſpiele voran-
gehen, indem ſie ſelbſt die Verbindung zwiſchen Schule und Haus
richtig pflegen und Themata beſprechen, welche das Intereſſe der Laien
zu erwecken im Stande ſind. Im DIntereſſe aber gerade der Lehrer
liegt es, daß ſie da8jenige pädagogiſche Blatt, welches ſie leſen und
welches alſo ihren Beifall hat, auh unter dem Publikum zu verbrei-
ten ſuchen. ES iſt m ihm auch zur Macht verhelfen, wenn es dieſe verdient; dieſe Macht
kommt ja dem Leſex wieder zu gute.
Gleicherweiſe wie es nöthig iſt, Einſicht und Intereſſe für die
Scule unter dem Publikum zu verbreiten, ſo iſt der Sinn für Ge-
meinſamfkeit und für die Solidarität aller Standesintereſſen unter
den Lehrern ſelbſt zu pflegen. Die Maſſen können auch hier nicht
begreifen, daß das zu erſtrebende Fortkommen des Cinzelnen dem
Stande dur Mittelſ Stand haftet allen Hochſtrebern wie Blei an der Ferſe. =- Alſo ent-
weder hinaus, überhaupt hinaus aus dem Stande, oder helft ihn
heben! Und unter Edelleuten hervorzuragen iſt doh. mehr werth,
als unter Bedienten eine Rolle zu ſpielen.
Die Standesintereſſen können aber nur gehörig vertreten wer=
den dur< eine freiwillig angenommene ſtraffe Organiſation des
Standes zur Vereinsthätigkett. Daraus ergiebt ſich die zweite
Forderung an die pädagogiſche Preiſe:
„Fort und fort an der Organifation des Lehrerſtan-=
des zu einer planmäßigen agitatoriſc keit zu arbeiten.“
Den Boden für eine tüchtige Organiſation haben die Lehrer
ja bereits in ihrer zahlreichen Preſſe.
In der Organiſation liegt die Kraft des Lehrerſtandes, ja, ſie
iſt allein das Mittel ebenſowohl zu eimer Regeneration deſſelben aus
ſich heraus (durch ſtete Bildungsarbeit an ſich), als auch zur Hebung '
ſeiner äußeren Stellung, wenn das Volk erſt den Stand als ſolchen '
mehr vor Augen ſieht, nämli< thätig für das Allgemeinwohl, und
nicht immer den Einzelnen. Dies zu ermöglichen war nie ſo leicht,
als in der Zeit der ſocialen und kirhlihen Wirren, in der wir
leben. Der Lehrerſtand iſt ein geſuchter Artikel; aber er muß ſich
vei Zeiten ſelbſt ſtempeln, ſonſt werden ihn Andere ſtempeln.
Der Lehrerſtand iſt nicht in Wochen und Monaten,
nein, nur dur< jahrelanges Mühen und Arbeiten
dauernd in die Höhe zu bringen. UnterrichtsSgeſetze, kleine Ge-
haltszulagen, hier und da das allgemeine Chrenzeihen kommen
auch wohl ohne unſer Zuthun; aber das Verhältniß des Standes
zu andern Ständen bleibt beſtehen.
Bliken wir alſo über unſern Stand hinaus, um uns in der
Geſellſ

Stand dur tleinlicher Vortheile willen. „Groß ſein heißt, nur um großen
Gegenſtand ſich regen“, ſagt der britiſc ſtandes iſt nur ein großer Gegenſtand würdig.
Iſt die Organiſation des Lehrerſtandes ſein Arm, mit dem er
ſeine Lage beſſert, ſo geben ihm die Wahlen zu den Landtagen
und für die Gemeinden das Werkzeug dazu. Ein wirkſameres
| Mittel, um einen beſtimmenden Einfluß in der Geſellſchaft zu ge-
winnen, als die Wahlen, giebt es mi der ohnmächtig, die Verbindung macht es, wie ſie ja die ganze Ge-
ſellſ ſei, wer ex ſei.
Und ſo ſtellen wir denn unſere Kardinalforderung an die
deutſ „Die Lehrer allüberall zur Ausübung des Wahl-
re tags=- oder Gemeindewahl gehe vor ſic<, ohne daß die
Lehrer ihre Pflicht thun.“
Für welche Partei? --- Für keine, die der Schule und den Leh-=
rern nicht wohl will. Wir brauchen Leute in den Landtagen und
den Behörden, die ein Herz für die Schule und ihre Lehrer haben.
Alles andere iſt für uns Nebenſache.
Hält die pädagogiſche Preſſe die oben geſte>ten Ziele hoch, ſo
muß ſie in wenigen Jahren eine immenſe Macht ſein.
„Der Menſ< kann, was er will“, ſagte ein bekanntes Schlac genie. Daß der nichts ausrichten kann, der nichts will, beweiſen
dem Lehrerſtande ſeine Verhältniſſe. Robert GSohr.

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