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An der folgenden großen Feſttafel fehlte es nicht an heiteren Reden,
und das ſc gedrängt voll von Gäſten und Lehrern. Alte Freundſchaften wurden erneut
und neue geſchloſſen und überhaupt ſchöne Stunden verlebt! --
Der 3. Tag war den Sektionen (für Phyſik, Zeichnen und Scüler-
bibliotheken) gewidmet. =- Da es mir nicht möglih war, an allen theil-
zunehmen, kann ic< nach einem Rundgange durc dieſelben nur konſtatiren,
daß dieſelben gefüllte Räume, alſo große Theilnahme aufwieſen und ernſt-
lim arbeiteten, wie denn überhaupt die Bedeutung der Sektionen von
Jahr zu Jahr ſteigt. -- Die folgenden Stunden dieſes, wie die freien
Zeiten der erflen Tage wurden zur Beſichtigung der beſonders reichhaltigen
und ſchönen Lehrmittelausſtellung (die alle Räume eines großen
Sculhauſes füllte), ſowie der Univerſität, der naturhiſtoriſchen und Kunſt-
mujeen, der kaiſerlichen Werft, des botaniſchen Gartens u. ſ. w. benutzt.
-- Die ſpäten Abendſtunden brachten noh einen anſehnlichen Reſt zurüc-
gebliebener Theilnehmer nebſt Kieler Hauswirthen u. ſ. w. in den Ver-
ſammlungsräumen zuſammen, wo bei einem Glaſe Bier ein Abſchieds-
kommers gefeiert wurde, bei dem die heiteren, launigen Reden faſt nicht
enden wollten. -- Die ſchönen Tage in Kiel werden eine angenehme Er-
innerung bleiben! IJ. I. Callſen.
Die 5. Thüringiſche Lehrerverſammlung tagie am 6. und 7.
Auguſt in Ohrdruf. Jn der am 5. abends im Kaiſerſaale daſelbſt ab-
gehaltenen und ſtark beſuchten Vorverſammlung eröffnete Direktor Frank-
Ohrdruf die Verſammlung, indem er im Namen des Lokalkomites, der
Lehrer und aller Bewohner Ohrdrufs allen Gäſten ein herzliches Will-
kommen entgegenrief. Eins könne er verſichern: daß e8 an gutem Willen
und eifrigſtem Beſtreben, der Thüringiſchen Lehrerverſammlung eine wür-
dige Stätte zu bereiten, nicht gefehlt habe. Er hoffe, daß auch dieſe Feſt-
gabe freundlich aufgenommen werde. -- Sc die Verſammlung ſeiten der herzoglichen Staatsregierung, Oberbürger-
meiſter Strenge begrüßte im Namen der Stadt und Archidiakonus Braun
namens der Kir Gotha, als zweiter Schuldirektor Frank-Ohrdruf und als deſſen Stell-
vertreter Rektor Sc verſammlung bildete der hochintereſſante Vortrag des erſten Vorſitzenden
über die Frage: „Inwiefern vermag auch die Schule den gegenwär.:igen
Klagen über die Verwilderung der Jugend entgegenzuwirken?“ Einzelnes
aus dem anderthalbſtündigen Referate herausnehmen, hieße dasſelbe zer-
ftüfeln. Auf vielfaM geäußerten Wunſc< wird dieſer Vortrag im Dru>
erſheinen. Es gipfelte derſelbe in folgenden Sätzen: Da die jetzige Ver-
wilderung der Jugend vorzugsweiſe in den beiden dur< die Zeitverhält-
niſſe geförderten Fehlern der Sivnenluſt und des Ho iſt, ſo hat die Schule 1) zur Bekämpfung der Sinnenluſt 3. insbeſondere
den idealen Sinn wirkſam zu pflegen; b. der Sinnlichkeit des Kindes
eine geſunde und gedeihliche Rictung zu geben; 2) zur Bekämpfung des
Hohmuthes a. ſic< ſorgfältig vor einſeitiger Entwielung des Verſtandes
wie vor jeder Ueberſchreitung der durc Lehrſtoffe gezogenen Grenzen zu hüien und zugleich b. der Gemüthsbildung
in umfaſſender Weiſe gere echter Liebe hervorgehende Strenge der DiS8ziplin auf das Verhalten des
Kindes nicht nur in der Schule, ſondern womöglich auch außerhalb der
Scule auszudehnen.
Hierauf betrat Schulrath Stoy-Jena die Rednerbühne; er ſprach
„Ueber Wanderungen“, die er in e ſeinen Schülern unternimmt und unternommen wiſſen will. Anknüpfend
an den Seume'ſ ginge“, ſu weiſen und wie das Ganze in Vorarbeit, Arbeit und Verarbeitung zu
theilen ſei. Dr. Stoy ſchildert nun lebhaft die Reiſeordnung eines Tages.
Um die Thatkraft der Knaben zu ſtärken und überhaupt die Ausführung
zu ermöglichen, muß in echt ſpartaniſcher Weiſe gar oft im „Hotel zur
Sonne“ geſpeiſt und „Pumpenheimer“ getrunken werden. Unſere Jugend
iſt ſo viel als thunli< dur; Anſc ri ſagungen und Entbehrungen geſtählt, der Wille durch ſtrenge Disziplin
in geregelte Bahnen geleitet. Den Ausführungen folgte lebhafter Beifall.
Der nächſte Referent war Lehrer Heſſe-Jfta; er behandelte: „Die
Bildung unſerer Mädchen.“ Bei der hohen Bedeutung, welche wir in
der Gegenwart dem Familienleben zuweiſen müſſen, in welchem die Gat-
tin , die Hausfrau, die Mutter der Mittelpunkt iſt, muß dieſer Vortrag
als ſehr zeitgemäß angeſehen werden. Wir geben im Nachfolgenden die
Theſen, die auc im allgemeinen Annahme fanden. A. 1) Für die Ent-
widlung und Wohlgeſtaltung des Familien- und Volkslebens iſt die Bil-
dung der Mädchen von hoher Bedeutung. 2) Dieſelbe ſteht in voller
Wechſelbeziehung mit der Stellung des Weibes in der menſchlihen Ge-
ſelſ 3) Naturgeſeßmäßigkeit iſt auc hältniſſen und Parteiwünſc den, als dieſe8 Prinzip nicht alterirt wird. B. 4) Die leibliche Geſund-
heit und Gewandtheit der Mädchen ſind zunächſt mit größerer Entſchie-
denheit anzuſtreben. 5) Unſere Mädchen ſind in ibrem künftigen Lebens8-
und Wirkungskreiſe mehr heimiſM zu machen. 6) Die Gemüths- und
äſthetiſche Bildung ſind beſonders zu betonen.
Nach vierſtündiger ernſter Arbeit vereinten ſich über 200 Feſtgäſte
im Schübenhauſe zu einem einfa Menge trefflicher Toaſte. Nach 6 Uhr abends bewegte ſich der arrangirte

ſtattliche Feſtzug unter den Klängen der Muſik dur< die überaus feftlich
geſ dem Felſenkeller, wo ſich angeſichts der blauen duftenden Waldberge ein
fröhliches Volksleben entwielte. -
Der erſte Gegenſtand am zweiten Tage der Verſammlung war die
Behandlung des vom Direktor Bartels-Gera gehaltenen ſehr zeitgemäßen
Vortrages: „Die Schule und die Sozialdemokratie.“ Jn äußerſt an-
regender Weiſe wurde durch Thatſachen aus der jüngſten Vergangenheit
nachgewieſen, wie die Sozialdemokratie beſtrebt ſei, Religion und Ehe,
Autorität und Liebe zum Vaterlande zu untergraben. Trotz der ver-
führeriſ wart dieſe Seuche zu bekämpfen, da die Schule die Aufgabe habe , auf-
zubauen und nicht zu zerſtören. Der Unterriht muß mehr, als bisher
geſchehen , die Erziehung berüFſichtigen, die Dis8ziplin muß eine ſtraffere
werden, der Sinn für das Jveale iſt zu we>ken. Weiter betont Referent,
daß der Sozialdemokratie leider dadur daß die Seminare oft zu junge, no< nicht praktiſch gebildete Leute in
das Lehramt einſtellten. Er führte aus, daß es allezeit ernſtes Ziel der
Regierungen ſein und bleiben müſſe, die Lehrer qut zu bezahlen, damit
nicht Unzufriedenheit einreißt und Nebenverdienſt nicht geſucht zu werden
brau --“ Der Schule dürfen vom Staate die Hände nicht gebunden werden,
damit ſie das volle Strafret-
heit und dauernde Faulheit ſei der Sto> anzuwenden. Man habe zwar
in der letzten Zeit geſtattet, mit dem Stoke zu ſtrafen, aber es habe nicht
wehe thun dürfen; da8 ſei verkehrt. Eine Menge ThatſaHen wurden
hierfür aus der jüngſten Vergangenheit angeführt, die auch dem Blödeſten
die Augen öffnen müſſen. = Zur genauen Behandlung des Schülers ſei
es nöthig, die Klaſſen nicht zu überfüllen, und beſonders wirkſam würde
es ſein, wenn Schülern, welche die Fortbildungsſhulen mit guten Zen-
ſuren beſucht haben, die Militärzeit geſeßli< von drei auf zwei Jahre er-
mäßigt würde. Der Vortragende griff mitten in die Fragen der Gegen-
wart und erntete reihen, wohlverdienten Beifall. Die hierauf folgende
Debatte war äußerſt lebhaft. Seminarinſpektor Ritter-Gotha bekämpfte
theilweiſe die Ausführungen de8 Referenten, insbeſondere ſoweit ſie als
Beſchuldigungen gegen die Seminare galten. Direktor Stolle - Ruhla
glaubt, daß, je mehr der Religionsunterricht einer geſunden Anſchauung
niht entſpreche, dem Unglauben Thor und Thür geöffnet werde; er em-
pfiehlt den im Herzogthum Gotha vom Hofprediger Shwarz geſchriebenen
Leitfaden. Die Ergebniſſe der Debatte gipfelten in ihrem weiteren
Verlaufe darin, daß auf die Erziehung ein größeres Gewicht gelegt wer-
den müſſe und die Bildung des Gemüthes der Erwerbung poſitiver Kennt-
wſſe mindeſtens gleichzuſtellen ſei. Schulinſpektor Benzer-Gotha bemerkte,
daß die Schulbehörde in Gotha in der letzten Zeit dahin wirke, was von
den Rednern mehr oder weniger betont worden ſei, das Unterricht8material
in geeigneter Weiſe zu beſhränken und mehr auf Dur Anhäufung des Wiſſens zu beſtehen. |
Hierauf machte Shmidt-Auma die 5. Thüringiſche Lehrerverſammlung
mit dem Beſchluſſe der Delegirten de8 Weimariſchen Lehrervereins8 bekannt,
nac<ß welHem dem unvergeßlichen BräunliH ein einfaches Denkmal er-
ric Beiträgen zugeſtimmt. |
Die an Se. Maj. den Kaiſer Wilhelm, de8gleihen an Se. Hoheit
den Herzog Ernſt von Sachſen-Koburg-Gotha und Se. Exc. den Staats-
miniſter v. Seeka< beantragten Telegramme wurden mit Begeiſterung
aufgenommen. |
Hierauf referirte Lehrer Shmidt-Greußen über: „Die moderne Volks-
ſhule im Lichte des religiöſen Prinzips.“ Auch dieſen Redner lohnte der
Beifall der Zuhörer; er Jipfelte ſeinen Vortrag in folgenden Theſen:
1) Die moderne Volksſ betrachtet den Unterricht nict, wie die „alte Schule“ that, als Selbſt-
zwe, ſondern als Mittel zur Verwirklichung ihres pädagogiſchen Jdeals,
weiches in der möglichſt allſeitigen und armoniſchen Ausbildung des
Menſchen beſteht. 3) Das vorzüglichſte Mittel moderner Volkserziehung
iſt die Religion, die einerſeit8 das geſamte Geiſtesleben gleichmäßig um-
faßt und anderſeits eine ideale Lebensauffaſſung begründet, 4) Die mo-
derne Volksſ IndifferentiSmus auf religiöſem Gebiete; dieſer iſt vielmehr als ein natür-
licher Ausfluß unſerer geſamten Kulturentwiklung anzuſehen.
Mit herzlihen Danke8worten für die Gaſtfreundſ die 5. allgemeine Thüringiſche Lehrerverſammlung geſchloſſen; al8 Ver-
ſammlungsort der in Ausſiht genommenen 6. Thüringiſchen Lehrerkonfe-
renz im Jahre 1880 waren Koburg ev. Saalfeld in Ausſicht genommen ;
die definitive Feſtſtellung wird ſpäter erfolgen.
No< ſei des vorzüglichen Konzertes gedacht, welches am Abend des
zweiten Tages unter Leitung des Herrn Muſikdirektors Patzig unter Mit-
wirkung ſeiner Gattin Wandersleb-Patzig aus Gotha und des daſigen
Muſikvereins in den Räumen des Kaiſerſaals im Löwen aufgeführt wurde.
Der Morgen des 8. Auguſt brachte die Stunde der Trennung; die
Feſtgäſte zerſtreuten ſi; nach allen Richtungen der Windroſe, alle aber
nahmen eine freundlihe Erinnerung an Ohrdruf mit in die Heimat.
(Fr. d. S Aus Naſſau. (Generalverſammlungen.) Den 21. Auzuſft
wurde in Diez die Generalverſammlung der Adolphſtiftung und im An-
ſ abgehalten. Erſtere vertheilte in 28 Stipendien zur Ausbildung von

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