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eine Hypotheſe, bildet und dieſe durc; das Experiment auf ihre Rich-
tigfeit prüft. =- In der Entwiklung ſoll kein Verſuch unerwartet
kommen; kein Experiment ſoll gemacht, keine Reaktion benutzt werden,
die ſich auf dem betreffenden Standpunkte nicht von ſelbſt darböte als
geeignet zur Entſcheidung eines Zweifels, zur Begründung einer An-
ſicht, zur Erweiterung unſerer Kenntniß des Stoffes oder Vorgangs.
Formeln und Gleichungen ſoll der Schüler ſelbſt auffinden. Endlich
ſoll er ſich darin üben, ſelbſt Methoden zu ermitteln, wie man eine
Verbindung bi8 auf ihre Elemente zerlegen, oder wie man einzelne
Beſtandtheile derſelben in andere Verbindungen überführen könne.
Das Buch zerfällt in einen methodiſchen und ſiſtematiſchen Theil.
In dem erſteren werden dur die Thatſachen vereinzelt gefunden; in dem letzteren wird das gewonnene
Material nach ſiſtematiſcher Ordnung zuſammengeſtellt. Durch ein
nähere8 Eingehen auf einzelne Kapitel möge dargelegt werden, wie
der Verfaſſer ſeine Aufgabe durchführt. Nachdem ihm in den vier
erſten Kapiteln Luft, Waſſer, Schwefel und Vitriolöl als Objekte der
- Unterſuchung gedient haben, handelt das fünfte von den Verbindungs-
gewichten. Bei dieſen verweilen wir ein wenig, weil gerade hier des
Buches Eigenart ganz beſonders hervortritt. Formeln und Verbin-
dungs8gewichte ſollen hier entwidelt werden, während ſie gewöhnlich in
anderen Büchern dem Schüler einfach gegeben werden.
Die Baſis, wel de8 Vorhergegangenen für den Entwiklung8gang zu Gebote ſteht,
läßt ſi< in folgenden Sätzen ausſprechen: Die Elemente vereinigen
ſich in ganz beſtimmten Gewicht8- und, ſofern es Gaſe ſind, Volumen=-
verhältniſſen. Der Waſſerſtoff iſt das leichteſte Ga3 und dient als
Einheit für die Beſtimmung des ſpezifiſchen Gewichts der luftſörmigen
Körper. Das ſpezifiſche Gewicht des Sauerſtoffs iſt 16. Im Waſſer
kommt auf 2 Volumen Waſſerſtoff 1 Volumen Sauerſtoff, alſo auf 2
Gewichtstheile Waſſerſtoff 16 Gewichtstheile Sauerſtoff. =- Daraus
wird nun, nachdem der Schüler gelernt hat, daß H das Zeichen für
Waſſerſtoff und O0 dasjenige für Sauerſtoff iſt, mit Leichtigkeit die
Formel für das Waſſer gewonnen: H5,0. Dieſe Formel giebt uns
Aufſchluß über die qualitative und quantitative Zuſammenſetzung des
Waſſers. Sie lehrt:
1) Waſſer beſteht aus Waſferſtoff und Sauerſtoff.
2) Auf 2 Volumen Waſſerſtoff kommt 1 Volumen Sauerſtoff.
3) 18 Gewichtstheile z. B. Gramm Waſſer geben 2 Gewichts-
ie (Gr.) Waſſerſtoff und 16 Gewichtstheile (Gr.) Sauer-
toff.
Leider können wir ſol aufſtellen, da nur wenige Verbindungen allein aus gasförmigen Ele-
menten beſtehen. Wohl aber ſind wir im Stande, Formeln zu er-
mitteln, welche neben der qualitativen Zuſammenſezung einer Verbin-
dung deren quantitative dem Gewichte nac ausdrüden. Solche For-
meln ſuchen wir jeßt für die uns bereits bekannten Körper. Wir
kennen 3. B. das Quedſilberoxyd. Dasſelbe beſteht aus Quedſilber
und Sauerſtoff, und beim Erhitzen trennen ſich die Elemente. Das
Verbindungsgewicht des Sauerſtoffs iſt uns ſc ſo kann es un3 nicht ſhwer werden, auc dasjenige des Quedſilbers
und dann ſofort die Formel für die Verbindung der beiden Ele-
mente zu finden. Wir wiegen zunächſt eine beſtimmte Menge des
Quedſilberoxyd8 genau ab. Nun erhitzen wir, damit ſich die beiden
Elemente trennen, und beſtimmen dann ſorgfältig die Gewichte der
Zerſezungsprodukte. Auf dieſe Weiſe finden wir, daß 100 Gewihts-
theile z. B. Gramm Quetdſilberoxyd 92,59 Gewichtstheile Quedſilber
und 7,41 Gewichtstheile Sauerſtoff liefern. Wenn nun mit 7,41
Gewichtstheilen Sauerſtoff ſich 92,59 Gewichtstheile Quedſilber ver-
einigen, ſo vereinigen ſich mit einem Verbindungsgewicht, d. i. 16 Ge-
wichtstheilen, des Sauerſtoffs 200 Gewichtstheile Quedſilber. Die
Zahl 200 zIiebt alſo das Verbindungs8gewicht dieſes Metalles an.
Hg iſt das Zeichen für dasſelbe, und darnach ergiebt ſich als Formel
für das Quedſilberoxyd: UgO. Dieſelbe ſagt: Quedſilberoxyd be-
ſteht aus Quedſilber und Sauerſtoff und in 216 Gewichtstheilen der
Verbindung ſind 200 Gewichtstheile Quedſilber und 16 Gewicht3-
theile Sauerſtoff.
Auf ähnliche Weiſe werden nun zunächſt die Formeln anderer
ſchon bekannter Körper gefunden, ſpäter aber wird dem Schüler die

Aufgabe geſtellt, ſelbſt Formeln zu ermitteln, nachdem ihm die nöthigen
Mittheilungen über die Zuſammenſezung der betreffenden Berbin-
dungen gegeben ſind. Auch Aufgaben anderer Art fehlen nicht, und
darin möchte das Buh einzig in ſeiner Art ſein, denn noch in keinem
andern haben wir ſie gefunden. Zur beſſern Einſicht mögen hier
einige ſtehen. „Wie viel Prozent Waſſerſtoff und Sauerſtoff enthält
das Waſſer? -- Wie viel Waſſer müßte man zerſetzen, um 3 Cylinder
4 250 cm mit Waſſerſtoff zu füllen? =- Man beſtimme die Formel
des Scwefelwaſſerſtoffs. Er enthält 94,11 0/, Schwefel und 5,89 %
Waſſerſtoff. =“ Wie viel Waſſerſtoff iſt nöthig, um 5 g Kupfer-
oxyd zu reduziren, und aus wie viel Zink und Schwefelſäure könnte
dieſe Menge Waſſerſtoff dargeſtellt werden? Wie viel Waſſer bildet
ſich bei der Reduktion, und wie viel Kupfer erhält man?“
Um zu zeigen, wie die Unterſuchungen an einem Körper ver-
laufen, möge uns hier Kap. 8 des Buches zum Vorwurf dienen,
welches den Kalkſtein behandelt. Als Au8gangspunkt dienen die jeder-
mann bekannten Thatſachen, daß der Kalkſtein beim Glähen eine eigen-
thümliche Veränderung erleidet und zu „gebranntem Kalk“ wird, daß
aber wiederum dieſer, wenn er mit Waſſer in Berührung gebracht
wird, unter heftiger Erhizung in ein feines Pulver von „gelöſchtem
Kalk“ zerfällt. Es entſteht nun zunächſt die Frage: Worauf beruht
die Veränderung des Kallſteins beim Glühen? Tritt Sauerſtoff
hinzu, wie beim Glühen des Eiſens, Zinks u. ſ. w.? Wäre es aljo,
ſo müßte der Kalf naß dem Glühen ſc heit zu verſchaffen, wiegen wir genau ein Stük und ermitteln abermals ſein Gewi darum iſt nicht8 hinzugetreten, vielmehr etwas entſhwunden, und das
Entſchwundene kann nur ein farbloſes Gas geweſen ſein, weil es nicht
ſihtbar war.
Es liegt nun der Gedanke nahe, daß der gebrannte und auch der
gelöſchte Kalk andere Eigenſchaften beſizen als der Kalkſtein, da ihnen
ja ein Beſtandtheil des letzteren fehlt. Wir richten alſo unſere be-
ſondere Aufmerkſamkeit zunächſt auf ſie. Unſere Unterſuchungen er-
geben dann bald, daß zwiſchen gebranntem und gelöſchtem Kalk weiter
kein Unterſchied beſteht, al8 daß der letztere Waſſer aufgenommen hat.
Beim ſchwachen Glühen zerlegt ſich der gelöſchte Kalk wieder in Kalk
und Waſſer. Gelöſchter Kalk iſt etwas lösSlih im Waſſer. Die
Löſung, das Kalkwaſſer, ſhme>t herbe und ſchrumpfend und färbt
rothes La>muspapier blau. Aus der letzteren Eigenſchaft erfahren
wir, daß die Löſung eine Baſis enthält, denn nur durch Wirkung einer
ſolchen erfährt das La>muspapier dieſe Farbenveränderung. Kalk iſt
eine Baſis! Das iſt es, was wir jeßt gefunden haben. Wie aber
iſt e8 mit dem Kalkſtein? Dieſer zeigt ſolche baſiſche Eigenſchaften
nicht, ſondern dieſelben treten erſt auf, nachdem da8 uns noh unbe-
kannte farbloſe Gas ausgetrieben iſt. Dieſer Umſtand erwe>t in uns
die Vermuthung, der Kalkſtein müſſe ein Salz ſein, aus welchem durch
Glühen die Säure vertrieben wird. Dieſem Gedanken gehen wir
weiter nach. Wenn unſere Vermuthung richtig iſt, ſo muß nach unſern
biShetigen Erfahrungen 1) der Kalk ein Metalloxyd ſein, und es muß
ſiH 2) aus dem Kalkſtein eine Säure abſcheiden laſſen.
Wir führen hier niht aus, wie die Richtigkeit der erſten Ver-
muthung nachgewieſen wird, ſondern beſchränken uns darauf, noch zu
ſehen , wie die Kenntniß der Säure gewonnen wird. Der Schüler
weiß ſchon, daß man, um aus einer Verbindung eine Säure fortzu=-
treiben, eine andere einwirken läßt. Er wird alſo ſelbſt den Vorſchlag
machen, den Kalkſtein mit einer Säure zu übergießen. Wir wenden
Salzſäure an, und ſofort entwickelt ſich unter heftigem Aufbrauſen ein
farbloſes Ga8. Dasſelbe wird über Waſſer aufgefangen und zeigt in
der That alle Eigenſchaften einer Säure. Nähere Unterſuchungen er-
geben, daß wir Kohlenſäure vor un8 haben. =- So ſind nun auf
ſtreng induktivem Wege die Beſtandtheile des Kalkſteins gefunden, und
es hat ſich herausgeſtellt, daß derſelbe wirklich ein Salz iſt.
Die übrigen Unterſuchungen des vorliegenden Kapitels übergehen
wir und ſeen auc: die Betrachtung de8 Buches nicht weiter fort.
Der aufmerkſame Leſer wird die Ueberzeugung gewonnen haben, daß
dasſelbe ein Produkt der mühſamſten Arbeit ſein muß. Denn nicht
leicht iſt es in der That, ein noch ſo wenig bebautes Feld in ſolcher
Weiſe zu geſtalten. Das aber iſt unſere feſte Ueberzeugung, daß dem
alſo ertheilten hemiſchen Unterrichte der Segen nicht fehlen kann. Er

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