Volksöſchullehrer und Dichter.
H.
Die Grenzlinie, an der ſich „ſchöne Literatur“ und „pädagogiſche
Wiſſenſchaft“ berühren, iſt au8gedehnter, als man gemeinhin annimmt.
E3 giebt eine große Anzahl literariſcher Erſcheinungen, bei denen man
im Zweifel ſein kann, ob ſie mehr in da8 Gebiet der Pädagogik oder
das der Dichtkunſt gehören. J< erinnere an Bogumil Goltz' eigen-
artige Shriſten.
Kein Pädagog wird glauben, da8 Wenige, wa8 an pädagogiſch-
wiſſenſhaftlichen Fachwerken exiſtirt, habe den reichen Stoff erſchöpft
und es gäbe nun nichts mehr zu ſagen über Erziehung und Unterricht,
über Bildung und Studium, über Eltern und Schüler, über Erzieher
und Zöglinge, über die Menſchenſeele und wie die pädagogiſchen, die
pſy ſich von den erleuchteten Geiſtern einer Nation ſonſt niemand mit Er-
ziehungsfragen beſchäftigen als nur die Nächſtbetheiligten. Vor allem
die reichſten und reifſten Geiſter eines Volkes, Denker und Dichter,
ſind berufen, von der Ho in den Bereich ihrer Betrachtung zu ziehen, was das geiſtige Leben
nur irgendwie tangirt. Einen weſentlichen Theil dieſer geiſtigen Strö-
mungen werden aber immer die Erziehungsangelegenheiten aus8machen
nebſt ihren Dependenzen.
Alle wahren Dichter hatten ein Bewußtſein dieſer hohen Aufgabe.
Dichter ſein heißt ja niht: ſo und ſo viel Bände lyriſcher, epiſcher,
dramatiſcher, didaktiſcher Gedichte na Du lieber Himmel! Wenn's darauf ankäme, hätten wir ſo viel
„Dichter“, als Namen in Gödeke's „Grundriß“ angeführt ſind! Nein!
Wa3 e3 bedeutet: Dichter ſein, zeigt Goethe's Leben. Der Dichter
- im Sinne und nach dem Vorbilde Goethe's iſt der Spiegel, der alle
und jede Lebensregung ſeines Zeitalters auffängt und im Bilde wieder-
giebt. Dieſes Charakteriſtikum paßt auf alle wahren Dichter aller
Zeiten; Dichterlinge ſchließt e8 aus. Dichten iſt ein Lebensberuf; ein
Reklamemittel zum Bekanntwerden, ein Werkzeug der Eitelkeit kann
es niemals ſein.
I nach der pädagogiſchen Seite hin. Gehen wir 3. B. in der Geſchichte
deutſcher Dichtung rü>wärts. Schon in den mittelhoc Dichtungen ſtoßen wir auf pädagogiſc „Barcival“, in den Literaturprodukten des ReformationS8zeitalters,
3. B. bei H. Sachs, in Grimmel8hauſen's „Simpliciſſimus“. In
ganz hervorragender, reformatoriſcher Weiſe treten pädagogiſche Ten-
denzen auf bei Herder, Goethe und Jean Paul, des8gleichen bei Schiller.
Und die bedeutendſten unter den neueren Dichtern ſind auf den Spu-
ren dieſer Meiſter weitergegangen: Schefer und Rüdert, Stifter,
Gutzkow, Auerbach, Spielhagen, Raabe und ſo mancher andere bis zu
dem Lyriker Julius Sturm und dem nahezu verſchollenen und doch
ſo gehaltreichen Sänger des Hauſe8, Auguſt Thieme. In höfiſchen,
bürgerlichen und bäuerlichen Erziehungsbildern, in Epiſoden aus dem
Lehrerleben alter und neuer Zeit, in Maximen und Reflexionen, Strec-
verſen und Sentenzen, pſychologiſchen Analyſen und Syntheſen 2c. iſt
hier ein pädagogiſ birgt für die Geſchichte, Theorie und Praxis der Pädagogik.
Zu den wahren Dichtern zählen wir auch Heinrich) Schaum-
berger. Er war zugleich Pädagog; darf e8 da befremden, wenn
pädagogiſ Stelle einnehmen? Alle ſeine Werke haben eine reale Grundlage.
Jrgend etwas aus dem wirklichen Leben, zumeiſt einen Uebelſtand, faßt
er feſt ins Auge, und um dieſen ſo gewonnenen Kern konzentrirt ſich
nun ſein Dichten, krüſtalliſiren ſich ſeine poetiſchen Gebilde. Aus die-
ſem Quellpunkte dichteriſchen Schaffens heraus entwickelt ſich die Jdee,
welche bei Shaumberger jede8mal die Dichtung durchzieht von der
erſten bi8 zur letzten Seite; aus dem Verfolge dieſer Jdee heraus
gliedert ſi das Ganze, geſtaltet ſi das Einzelne. Des Dichters
mächtige Phantaſie trägt ihm ſpielend die Einzelzüge zu für Geſtalten

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und Situationen, wie er ſie gerade brau im Volksleben bewahrt ihn glülih vor Ausſchreitungen und Ent-
artungen der geſchäftig thätigen Einbildungskraft, wie ſie leider bei
vielen Poeten vorkommen, und zeigt der ſchaffenden Phantaſie die
jedesSmalige Schranke. So bleibt das dichteriſche Erzeugniß bei aller.
draſtiſ Im „Hirtenhaus“, in „Vater und Sohn“, in „Zu ſpät“, in den
„Bergheimer Muſikantengeſchichten“, überall finden wir die leitende
Jdee. In „Fritz Reinhardt“ ſind e8 zum guten Theile die Noth-
ſtände des Lehrerſtandes8, welche der Dichter zur Anſ wollte. J< weiß in der Literatur kein Werk, welches in ſo umfang-
reicher Weiſe, durch ſo treue Bilder das Dichten und Trachten, das
Leben und Leiden, die Sorgen und Kämpfe des deutſchen Volksſchul-
lehrerſtandes wiederſpiegelte. „Fritz Reinhardt“ iſt die Biographie des
deutſchen Volksſchullehrer8 neuerer Zeit. Zwar hat bereits Gutzkow
in den „Söhnen Peſtalozz"' 3“ den Verſuch gemacht, dieſe Biographie
zu ſchreiben. Aber bei allem Reſpekte vor der gewaltigen Leiſtungs-
fähigkeit dieſes Heroen der Romandichtung, deſſen „Zauberer von
Rom“ bis heute no< der bedeutendſte deutſche Roman der Gegenwart
geblieben iſt, muß do<. geſagt werden: eine erſchöpfende Darſtellung
des VolkSſc Sehen wir uns da8 Gemälde modernen Lehrerthums, wie es
Schaumberger auf der Folie eines kleinen deutſchen Staates ſchuf,
genauer an.
Da iſt zunächſt der Held des Romans, Fritz Reinhardt. Einen
fertigen Charakter , einen Jdealmenſc Dichter wohl nicht im Sinne; im Gegentheil war es ſeine Abſicht, den
Werdeprozeß eines Mannes8 Seite die reichſten Geiſte8- und Gemüthsanlagen, Sinn und Begeiſte-
rung für alles Gute, Wahre, Schöne, Verſtändniß für die reale Welt,
und doch ein Streben nach dem Jdeale, ein eiſerner Wille, eine un-
verſiegbare Thatkraft, =- und auf der andern Seite eine von Vor-
urtheilen und Engherzigkeiten beſtimmte Jugenderziehung, eine auf
geiſtige Unfreiheit abzielende Seminarbildung, die denkbar ungünſtigſten
Amtsverhältniſſe (Parteihader, Feindſchaft eines zelotiſchen Pfarrers,
Mißgunſt und Neid der Kollegen): das ſind die ſi< bekämpfenden,
die wie zwei Mühlſteine aneinander ſich reibenden Faktoren dieſes
Lehrerlebens. Es iſt ein Heldenkampf auf engem Schlachtfelde, der
hier gefämpft wird; aber er endet nicht mit einer Niederlage, ſondern
mit dem glorreichſten Siege, nicht mit der Einbuße der edlen Güter,
die einem Mannesleben Würde verleihen, ſondern mit der ſtrahlendſten
Bewährung derſelben. Fritz Reinhard iſt ein Typus des nach innerer
und äußerer Freiheit ringenden jungen Lehrers. Mancherlei Schla>en
hat auc< er auszuwerfen; er irrt; er fehlt in Nebendingen; er ſchießt
in allzu ſtarkem Thatendrange, in übermächtigem Rechtstriebe , in un-
geſtümem Jugendfeuer manchmal über das Ziel hinaus; er hat ſeine
Kriſen. Aber das iſt einfa; menſchlich; das Gegentheil wäre die
alte Lüge, die wir ſo oft in Dichtungen finden: die bekannte engelhafte
Tadelloſigkeit. Ueberlaſſen wir dieſe Weiſe ſchriftſtellernden Damen,
die das Bedürfniß haben, ihre Helden anzuputen und auszuſtaffiren.
Für dergleichen literariſche Geſchma>sverderbniß kann es kein wirk-
ſameres Gegengift geben als Schaumberger's urfräftige, kerngeſunde,
dur< und dur< natürliche Dichtungsweiſe.
Wir können getroſt die Shwächen in Reinhardt's Weſen auf-
de>den; er verliert deShalb nicht in ſeiner. Totalwirkung. Denn in
der Hauptſache geht er die richtigen Wege. Er überwindet die Kriſen;
zu immer kräftigerer Geſundheit ringt ſich ſein innerer Menſc Er ſtößt die Schladen aus; das ſtrahlende Erz eine38 edlen, großen
Charakters blißt uns zuletzt entgegen. Jn dieſer Vollendung des
inneren Seins, in dieſer Hoheit des Weſens präſentirt uns der Dichter
ſeinen Frit Reinhardt am Schluſſe von „Vater und Sohn“ und
ſchafft damit eine der anſprechendſten Geſtalten deutſcher Dichtung.
Doppelt lieb gewinnt man das ſchöne Menſchenbild, wenn man zuvor
aus der Lektüre von „Fritz Reinhardt“ erfahren hat, wie ſich dieſes
flare Leben aufbaute, wie es das Reſultat ernſteſter, entſagungsvollſter
Arbeit an ſich ſelbſt geworden iſt. Großen Einfluß auf die Hinan-
bildung Reinhardt's zum idealen Menſc und Sohn“ als Schulbäuerin, in „Fritz Reinhardt“ als Lehrers8braut
und Gattin eingeführt. Anna iſt ohne Frage des Dichters beſte weib-

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