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liche Figur, eine dichteriſche Leiſtung erſten Ranges, umwebt von dem
ganzen Zauber, von der vollen Poeſie deutſcher Weiblichkeit.
In vielen Zügen dem Helden des Roman38 verwandt und doch
wieder ein anderer Typus deutſchen Lehrerthums iſt der Stadtlehrer
Richard Braun, Reinhardt's Freund. Er iſt ein vielſeitig gebildeter
Geiſt, voll Enthuſia8mus für das Jdeale, außergewöhnlich tüchtig in
ſeinem Berufe, erfüllt von treueſter Liebe zu Weib und Kind. In
ſeinen Anſchauungen über das Lehramt, in ſeiner Begeiſterung für
Hebung des Standes, in ſeinem Drange, in der Schule das Höchſte
zu leiſten, weht ein herzerfriſchender idealer Hauch. Aber wie alle
Zdealiſten denkt er zu wenig an ſich; er kennt keine Schonung ſeiner
ſelbſt und ruinirt im Eifer des Arbeitsdranges8 ſeine Geſundheit. Wir
ſehen den edlen Mann ringen mit dem alten Lehrerfeinde, der mate-
riellen Noth; wir hören die Klage ſeine8 treuen, hochherzigen Weibes
Helene. EE8 iſt das erſchütternd und zugleich zur Vorſicht mahnend.
Wie manche ſchöne Kraft im Lehrerſtande fällt allzu großer Begeiſte-
rung zum Opfer -- faſt jede Nummer irgendwelcher Lehrerzeitung
giebt davon Kunde. Zwar macht gerade dieſer fortreißende Zug, dieſes
titanenhafte Vorwärtsſtreben Lehrergeſtalten wie Reinhardt und Braun
unjerm Herzen lieb und werth; dieſer Peſtalozzi'ſc opferung für die erhabene Jdee der Menſchenbildung iſt vielleicht der
großartigſte Zug im Weſen des deutſchen Lehrer8: aber man überſehe
nicht, daß ſolche Berufserfaſſung gleichbedeutend iſt mit: Märtyrer
ſein. Die Entwicklungsgeſchichte des deutſchen Volks8ſchulweſens kennt
genug Namen, die dieſe Behauptung beſtätigen. Es kommt mir dieſe
begeiſterte Hingabe an das Allgemeine vor wie das ungeſtüme Vor-
dringen einer tapferen Schaar auf dem Schlactfelde. Sieg oder Tod
=- ein Drittes giebt es für ſolche Feuerſeelen niht. Aus verſchiede-
nen Andeutungen in Shaumberger's Werken iſt mir die Vermuthung
erwachſen, daß er in Reinhardt und Braun die zwei Seiten ſeines
eignen Weſens ſchildern wollte, etwa ſo, wie Jean Paul im Walt und
Vult der „Flegeljahre“ ſeine Doppelnatur auseinanderfaltete. Es
gehört nicht viel Spürſinn zu dieſer Kombination; ſie ſteht zwiſchen
den Zeilen geſchrieben. War aber Schaumberger ein Lehrer vom
Schlage Reinhardt's und Braun's, dann iſt ſein früher Tod zur Ge-
nüge erklärt. Dann wiſſen wir: Schaumberger fiel als ein waderer
Streiter auf dem Kampffelde der Volksſchule, und er iſt e8 werth,
daß Deutſchlands Lehrer an ſeinem Grabe die Todtenklage anſtimmen.
-=- Im Romane ſterben die beiden Kämpfer für Freiheit der Schule
nicht; ſie treten aus dem Lehrerſtande aus. Dieſe Wendung gefällt
mir nicht. Fahnenflucßt ? Troß dem und alledem: nein! ---
Dem in Reinhardt und Braun perſonifizirten idealen Streben
deutſcher Lehrerſchaft durfte der Gegenſatz nicht fehlen. So ſtellt denn
Schaumberger im Lehrer Schneider ein Bild aus dem Lehrerleben auf
breiteſter realer Grundlage hin. Dieſe Figur gehört zu den Erfin-
dungen Schaumberger's, die ſein großes Talent ſchlagend bekunden.
Das 1iſt ein Charakter aus dem wirklichen Leben, wie ihn leben8wahrer
Fritz Reuter nicht zeichnen konnte: ſcharf umriſſen, mit einer Fülle
dem Leben abgelauſchter Einzelzüge ausgeſtattet, ein KabinetsſtüF ori-
ginellen Humors. Hier iſt man wieder in der Atmoſphäre der drolligen
„Bergheimer Muſikantengeſchichten“. Bei dem guten Kollegen Schnei-
der liegt der Schwerpunkt der angewandten Pädagogik im = Kuh-
ſtalle; die höchſte Inſtanz für ihn iſt „ſeine Alte“. Es iſt ein guter
Kern in ihm; er iſt ein durchaus anſtändiger Menſc<. Bildungsgang
und Schiejal haben ihn zu dem ängſtlichen, unſelbſtändigen Menſchen
gemacht, als der er anfänglich auftritt, zu dem überpraktiſc dem die „Stelle“ nichts iſt als die „melkende Kuh, die ihn mit Butter
verſorgt“. Erſt dem Einfluſſe Reinhardt's gelingt es, no Funken aus dieſem verkümmerten Geiſte zu loen; ja, die mächtige
Anregung , die ron dem Feuergeiſte Reinhardt ausgeht, bringt ſogar
das Kunſtſtü> fertig, den triſten „Sc wirklichen Shull ehrer umzuwandeln. Natürlich giebt es dann auch
feinen begeiſterteren Anhänger Fritzens, keinen beredteren Apoſtel ſei-
nes Ruhmes als unſern reaktivirten Schneider. Dieſe Dankbarkeit iſt
ein weiterer Zug in ſeinem Charakterbilde; ſie kommt in wahrhaft
rührender, aber immer origineller Art zum Ausdrue; denn ein när-
riſcher Kauz bleibt Schneider auc, nach ſeiner geiſtigen Wieder-
geburt. --
Schaumberger iſt kein Schönredner und kein Shönfärber. Nicht

bloß die Licht-, ſondern auch die Schattenſeiten des Lehrerſtandes will
er malen. Das beweiſt eine Serie von Lehrertypen, die an dieſer
Stelle nur- angedeutet werden können. Jn Robert Schulz von Sülz-
dorf zeichnet der Dichter einen jungen Lehrer, den maßloſer Leichtſinn
von Verircung zu Verirrung, endlic< bi8 an den Abgrund des Selbſt-
mordverſuches reißt. Reinhardt rettet ihn; ihm gelingt e8, den Ver-
zweifelnden dem Leben wiederzugewinnen, einer würdigen Bethätigung
reicher Begabung zuzuführen. Am Schluſſe de8 Romans zeigt ſich
Schulz als dur Einen Intriganten lernen wir in dem Stadtlehrer Reuter
fennen. Jntriganten vereinigen immer in ſich eine gewiſſe Begabung,
eine oft namhafte Arbeitstüchtigkeit mit vollkommener Charakterloſig-
keit. Der nate Egoismus iſt die Triebfeder ihres Handelns. So
kommt e8 auch dieſem Reuter in allem darauf an, ſo oder ſo eine
Rolle zu ſpielen, im Schulweſen wie im geſelligen Leben; im Kiel-
waſſer der gerade herrſchenden Partei lavirt ſein Scifflein gewandt
genug; „mit dem Winde“ geht's fröhlich und wohlgemuth vorwärts,
„gegen den Wind“ zu ſegeln thut nicht gut.
Eine ganze Gruppe wunderlicher Heiliger marſchirt bei Gelegen-
heit der Haidacher Konferenz vor dem Lehrer auf. Die Scilderung
dieſer bewegten Verſammlung iſt von dramatiſcher Lebendigkeit; aber
ſie wirkt abſtoßend. Schaumberger, ſonſt ein Meiſter in der Bewah-
rung dichteriſcher Objektivität, wird hier ſtark ſubjektiv. Er grollt
und wettert hier wie lange verhaltener und nun plötzlich explodirender
Zorn und Aerger über perſönliche Erlebniſſe der widerlichſten und
miſerabelſten Art. Wenn ſich der Lehrer Schaumberger hier etwas
mehr hinter den Dichter Schaumberger verſte>t hätte, es wäre dem
künſtleriſchen Werthe des Romans zugute gekommen. Aber man mag
no zugeſtehen: die einzelnen Perſonen ſind wieder frappant gezeichnet.
Scmeichelhaft für den Lehrerſtand iſt freilich dieſe Schilderung nicht.
Wir wollen den Leuten nicht die Ehre anthun, ihre Namen zu nennen;
der Leſer wird ſie leiht herausfinden und beim Betrachten dieſer
Photographien eigenthümlichen Reflexionen anheimfallen. Nur ſo viel:
wenn das Perſonen ſind, die dem Dichter im Leben feindlich entgegen-
traten, dann fällt ein ganz neues Licht auf den Roman. Dann iſt
dieſer gleichſam ein Strafgericht des Autor8, das er an Leuten voll-
zieht, die ſeinem Arme im Leben nicht erreichbar waren. Vor der
geſamten Leſewelt ſtellt er ſie unbarmherzig an den Pranger. Welches
aber, fragt man ſich, mochten die „Erlebniſſe und Erfahrungen“ ſein,
die den ſonſt ſo gerechten, humanen, maßvollen Schaumberger, der
do< immer auch das kleinſte Gute an einem Menſchen mit wunder-
barem Scarfblike zu finden und ans Licht zu ſtellen weiß, zu ſol"
JZuvenaltſchen Schilderungen beſtimmten?
Eine wohlthuende Erſcheinung im Kreiſe dieſer abſtoßenden Per-
ſönlichkeiten iſt der joviale Preſſel, der Vertreter ſarkaſtiſc anſchauung. Der Vollſtändigkeit wegen iſt endlich noch der ſtädtiſche
Sculdirektor Baumbach zu erwähnen, ein Sc Schule Dieſterweg's. Do iſt dieſe kernige Figur ganz epiſodiſch ge-
halten; wir ſehen ſie nur im Reflexe der Reden und Briefe Braun's.
Ueberblien wir noh einmal das geſamte Gemälde des modernen
Lehrerlebens, das Schaumberger mit kunſtgeübter Hand entworfen, ſo
gewinnen wir vor allem den Eindru>k: auch hier wieder ſpringt die
frappante Naturwahrheit, die greifbare Realität der Dichtungsart
Schaumberger's ins Auge. Angeſichts ſolcher Darſtellung muß der
Kundige ſagen: das iſt niht erdacht, ſo etwas wird nur erfahren und
erlebt. Jn engem Kreiſe, in Dorf und Stadt, ſpielt ſich ſo ziemlich
alles ab, klingt nahezu alles an und aus, was an Wünſchen und Stre-
bungen, an Plänen und Enttäuſchungen, an Thaten und Leiden das
Leben der Volksſc den „Kulturkampf der deutſ berger hier im dichteriſ ten Deutſchlands iſt dieſe Kampfzeit überwunden, ſie ſind im Hafen
beſſerer Zuſtände angelangt; andere ſtehen noF mitten darin; wieder
andere haben dieſe Kriſis noh vor ſich. Man lauſche nur den Stim-
men aus den einzelnen deutſchen Gauen, die in den Lehrerzeitungen
an unſer Ohr dringen: immer widerhallen hier Töne, die wir auch im
„Frit Reinhardt“ hören. Der Dichter hatte ein feines Ohr, ein
ſcharfes Auge für das, was in der deutſchen Lehrerwelt vorging; er

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