117
Ueberzeugung verſochten, iſt trozdem nicht verloren und muß doch |
no An dem Leichenzuge Harkort's beteiligten ſich 13 Vereine mit
10 Fahnen, ſowie die Schüler der von ihm gegründeten Handwerker-
ſchule, außerdem einige Hundert Perſonen, die bi8 zur Ankunft auf
der Begrähnißſtätte, Haus Scheede bei Wetter, auf mehrere Tauſend
angewachſen waren. Lehrer ſangen ihm den Grabgeſang. Eine Leichen-
rede iſt ihm jedoch von keiner Seite gehalten worden; denn ſeinem
Wunſche gemäß ſollte er „nicht gelobt und nicht getadelt“ werden.
Bom preußiſchen Volke, beſonders aber von den preußiſchen Lehrern
wird er me vergeſſen werden. So treuer und energiſcher Volk8- und
Lehrerfreunde giebt es leider wenige.
Stimmen betreffs der Klagen des Herru Miniſters v. Putt-
kamer über die Lehrer. V. Frankfurter Zeitung: Veranlaßt durch
die Behauptung des Herrn Miniſters v. Puttkamer : „in den großen
Zentren des gewerblihen Lebens und der Jnduſtrie (Berlin ausgenom-
men) zeige fich ein erhebliher Rüdgang der ſittlihen Haltung der Leh-
rer“, ſind an maßgebender Stelle Erkundigungen über die hieſigen Ver-
hältniſſe eingezogen worden, und hat man, wie man uns8 mitteilt, die
Antwort erhalten : „Daß in Frankfurt a. M. in den letzten zehn Jahren
mit Aus nahme eines einzigen Falles, der ſich jedoc< nicht auf
die ſittliche Führung des Lehrer8, ſondern auf eine Ueberſchreitung des
Züctigungsre disziplinariſchen Einſchreiten hätte Veranlaſſung geben können.“
VI. Aachener Zeitung: „Unſere Leſer kennen die barten Worte,
welc und aljo auh der Volksſchullehrer, am 11. d. M. im Abgeordnetenhauſe
über den Volksſchullehrerftand au8geſprochen hat. Gegenüber dieſen Aus-
laſſungen, denen nur von liberaler Seite widerſprochen worden iſt, müſſen
wir im Intereſſe der Autorität und des Vertrauens, deren die Lehrer zu
erfolgreihem Wirken notwendig bedürfen, an ein Wort des Vertreters
unſerer königlihen Regierung erinnern. Bei Gelegenheit der Jubiläums-
feier zweier Volksſhullehrer in Aachen am 10. Juni 1879 nahm der Ver-
treter der kömigl. Regierung, Herr Regierungs- und Schulrat Stöveken,
Veranlaſſung, ſiH über die muſterhafte Haltung und gediegenen Leiſtungen
der Volksſ er als Beweis hervorhob, daß von den vielen Lehrern des Bezirks im
vergangenen Jahre nur zwei, einer gerichtlih und einer dis8ziplinariſch,
beſtraft worden. Seine begeiſterte Lobrede ſc Mit Freude erhebe ich unter ſolhen Umſtänden das Glas und mit Stolz
jprehe ic) es aus: Es lebe der muſterhafte, berufstreue Lehrerſtand des
Regierungsbezirks Aachen. -- Jn dieſem Falle wiegt für un8 das
Wort des Herrn Regierung8- und Schulrats Stöveken, der
faſt 20 Jahre das diesſeitige Schulweſen verwaltet und die Lehrer genau
kennt, mehr als das Wort des Miniſters.“ (Wird fortgeſetzt.)
Aus dem öſterreichiſhen Abgeordnetenhauſe berichtet Nr. 9 der
„Freien päd. Bl,“:
Die Vorgänge, die fich in den lezten Tagen im Abgeordnetenhauſe
abgeſpielt haben, ſind, inſoweit ſie die Schulfrage betrafen, für uns
Lehrer von großem Intereſſe. Aber freudig berührt ſind wir von dem,
was geſprochen worden iſt, Jar nicht, und am allerwenigſten von der
Haltung der ſogenannten Liberalen. Ja, um die Wahrheit zu ſagen,
wir beginnen uns vor jenen Abgeordneten zu fürchten, welche die Neu-
ſchule vertreten ſollten; denn ſie reden alle davon, daß das Prinzip der
Neuſchule gewahrt werden muß, daß man aber in der Praxis die a jährige Schulpflicht gern herabſezen könne, ja müſſe. Das iſt doch eine
jeltſam traurige Haltung. Was bleibt von dex Neuſchule übrig, wenn
man den Kindern ihre beiden letßten und für die Erreichung des Lehr-
und Bildungszwe>es wichtigſten Schuljahre wegnimmt? Mit dieſer bei-
den Sculjahren fällt die Neuſchule ihrem Weſen na tritt an ihre Stelle. Der Lehrplan muß da ſelbſiverſtändli< ſehr beſchnit-
ten werden, und wenn man ſic< mit gutem pädagogiſchen Gewiſſen auch
über den Wegfall eines Haufens Stoff hinwegſetzen könnte, ſo iſt doch
der Verluſt der zur gründlichen Dur jo notwendigen lezten beiden Schuljahre nicht zu verſchmerzen, wenigſtens
nicht auf die Dauer.
Wir jollten unſern Leſern nun ein Bild von den Verhandlungen im
Abgeordnetenhauſe geben; aber auf dem engen Raume eines kleinen
Wochenblattes iſt das ſc da3 wir nur die markanteſten Bemerkungen aus dem geſprochenen Rede-
werk verausgreifen.
Die Debatte entzündete ſic an der Begründung, die der Abgeord»-
nete Lienbacher ſeinem Antrage auf Herabſezung der Schulzeit zu Teil
werden ließ. Er ſagte eigentlich nichts Neues. Verminderung dex mate-
ziellen Laſten, welhe„die Neuſchule der Bevölkerung auferlegt ; Abwerfung
unnüßer Disziplinen, zu denen die Herren ja ganz beſonders die Natur-
geſ Schulwege der Jroßen Sculknaben und -Mädchen leiden joll =- das
waren die Angelpunkte jeiner Ausführungen. Daß die materielle Laſt
ſic) dem Volke mit verdoppelter Wucht auf die Scultern legen wird,
wenn mit einer Verminderung der Bildung die Kraft, jene Laſt zu tra-
gen, zufammenſinkt, davon war natürlich keine Rede. Daß ein gebildeter

Bauer das Doppelte und Dreifache deſſen aus ſeinem Boden gewinnt,
was der gedankenlos in dem traditionellen S Landmann erzielt, das kann man in der ganzen Welt ſehen; in dem hoc kultivirten Württemberg ernährt ein Grundſtü> von 3 bis 4 Joh eine
' ganze Familie, in unſerer Nähe aber haben wir hundert Beiſpiele vor


Augen, wie der Bauer auf 30, 40, 50 Joh mit ſeinem ganzen Hauſe
elend zu Grunde Jeht. Da kann nur das Licht helfen, und das brennt
in der Neuſchule. Und unnüße Disziplinen wird Herr Lienbacher uns
auch nicht zeigen, denn die Naturgeſchichte, die ihm nicht gefällt, iſt eine
ganz unabweisbare Sache. Wenn ein Kind, wie er gehört haben will,
die Frage aufwirft, an welchen Bäumen denn die Menſcheneier wachſen,
ſo beweiſt das nichts gegen die Naturgeſchichte; denn erſten8 iſt e8 wohl
ſehr die Frage, ob es in einer Schule war, wo von dieſen Lienbacher'ſ Eiern geredet wurde, und zweitens iſt dieſe Frage, aus dem naiven Her-
zen eines Kindes kommend, gerade ein Beweis von der Unſchuld des be-
treffenden Kindes. Da bleibt auf der Neuſchule kein Makel haften, und
man müßte fi na< ganz andern Früchten umſehen, wenn man vor
einem denkenden Publikum das bi8hen Sculnaturgeſchichte diskreditiren
wollte. Endlic< ſoll die Sittlic bis 14jährige Knaben und Mädchen, die vereint dur< ſchattige Wälder
gehen, treiben verbotene Dinge. Der Herr Abgeordnete aus Salzburg
hat nicht geſagt, ob er das ſelbſt geſehen hat. Saß er vielleicht in der
Krone einer dichten Tanne, als die Neuſchüler unten Adam und Eva
ſpielten? Wenn nicht, ſo wird es geſtattet ſein, ſeine Angabe als eine
unerwieſene Behauptung zu betrachten. Es giebt Länder genug, in denen
die achtjährige Sculpfliht viele Dezennien beſteht, in einer Provinz
Preußens iſt ſie ſeit dem Jahre 1814 für Knaben ſogar zehn- und für
Mädd wegen Unſittlichfeit in die Halme ſchieße, das hat man no Uneheliche Kinder waren von jeher ein Maßſtab der Unſittlichkeit, wo
waren ſie denn am zahlreichſten ? in den Ländern mit achtjähriger Sh pflicht? Mit nichten, ſondern dort, wo man eine kürzere oder auc< Jar
keine Schulpfliht hatte. Die Geburtsſtatiſtik des verfloſſenen ſchulpflicht-
loſen Kirhenſtaate8 kann Herrn Lienbacher in dieſer Beziehung ein helles
Licht aufſtefen. Wo man den Unterricht verkürzt und wo demgemäß die
animalen Triebe des Menſchen einen breiteren Raum zur Entfaltung
gewinnen, da wird die Sittlichkeit vernichtet, das iſt die wahre Lage der
Dinge. Wollte Herr Lienbacher konſequent ſein, ſo müßte er ic auch
gegen den Beſuch der Kirh Burſchen mit einander, und das geſchieht, wenn e8 dem Beſuch einer
Meſſe gilt, oft im Dunkeln, und die Wandelnden ſind in dieſem konkreten
Falle ja längſt über die unſchuldige Frage hinaus, wo die Menſcheneier
wachſen. Allein die Kir Im Laufe ſeiner Rede nahm Herr Lienbacher auch Gelegenheit, gegen
den letzten öſterreichiſchen Lehrertag zu polemiſiren. Er bezeichnete das
Referat, in wel lution für die Aufreh als ein mit falſm;en Angaben dur<ſetztes und deutete das Eintreten der
Lehrer für die Neuſhule als einen Ausfluß des Egoi8mus. Als Beleg
zu der letztgenannten Anſiht wurde die Aeußerung des Herrn Pape ins
Feld geſtellt: Die Lehrer ſtehen und fallen mit der achtjährigen Sul-
pflicht. Nun iſt es allerdings ein Jrrtum, wenn. Herr Holczabek im Flug
der Rede jagte, die Landtage von Oberöſterreich, Salzburg und Tirol
repräſentiren eine Million Seelen; aber ein ebenſo großer, ja noh weit
größerer Jrrtyzm wäre es, aus einer zufällig reaktionären Landtags-
majorität gleih den Schluß auf eine reaktionäre Geſinnung der ganzen
in Betra Lehrer erklären, mit der achtjährigen Schulpflicht zu ſtehen und zu fallen,
ſo heißt das doh , natürlich interpretirt, nichts anderes, als daß ſie jene
Pflicht bis zum Aeußerſten verfehten werden, gerade wie der Soldat es
mit ſeiner Fahne macht, wenn er mit dieſer ſteht und fällt.
Ernſter und ſachliher war die Rede des Abgeordneten Celakowsky
gehalten, welcher das Rec wahren ſuchte und dafür plaidirte, daß den Lande3vertretungen das Recht
erteilt werde, je na Seine Rede gab den ſtaatsrechtlichen Theorien der CzeHhen Ausdru> und
flagte die ReichSvertretung an, daß ſie die „beſtändigen und unwiderruf=
lien Staats8grundgeſetze“. das Oktoberdiplom, welche8 der Kompetenz
der Landtage die Schulfragen zuweiſt, verlett habe. -- Es iſt unſers
Erachtens ein großes Uebel, wenn eine auf die Volksbildung ſo weſent-
li< influirende Sac<ße wie die Schulpfliht in den verſchiedenen Teilen
eines und desſelben Reiches von verſchiedenen Faktoren und nach ver-
ſhiedenen Geſichtsöpnnkten geregelt wird. Annähernde Gleichheit der
Staat3bürgec inbezug auf Bildung war zu allen Zeiten ein weſentliches
Binde- und Stärkungsmittel der Reiche; ſcharfe Gegenſätze in dieſer Rich»
tung wirkten dagegen no Frankreics liefert dazu ſehr ſchlagende Belege. Allerdings halten wir
in Konſequenz dieſer Grundanſc materieller Hilfe einzutreten habe, wo einzelnen Ländern aus der überall
gleihen Bemeſſung der Schulpflicht zu ſchwere Laſten erwachſen. Dieſer
Pflicht darf es ſich nicht entziehen, ſonſt wird die Betonung der Rückſicht-
nahme auf lokale Verhältniſſe berechtigt.
Der Abgeordnete Granitſc<, welcher für die Reform der Sc gebung eintrat und die Zuweiſung des Antrags Lienbacher an einen AuSs-
j Celakowsky zurüs& und verwahrte ſich und die Verfaſſungspartei dagegen,

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.