327
heranwachſenden Menſchengeſchle pädagogiſche Frage, wie die Schule ins richtige Verhältniß zum Eltern-
haus gebracht wird, da hiervon das Gelingen der Jugenderziehung
zum größten Teil abhangt. In welchem Verhältniß ſollen ſich alſo
Scule und Elternhaus gegenüberſtehen? J< antworte auf dieſe
Frage: | . |
I. Sie ſollen in engſter Harmonie ihre gemeinſchaftliche Auf-
gabe zu löſen ſuchen. Einigkeit iſt das Zauberwort, das Großes und
Vollendetes ſchafft, und dieſe iſt nirgends mehr geboten als in dem
Erziehungswerke. Wie bedauerlich iſt es, wenn Vater und Mutter
nicht nach einheitlichen feſten Grundſäßen bei der Erziehung ihrer
Kinder handeln! Sie bauen mit Stroh auf Sand, und ein ſchwacher
Windſtoß fegt ihre Arbeit weg. So dürfen auch Schule und Haus
keine Antipoden ſein. Ziehen ſie nach verſchiedenen Richtungen, ſo
wird das ſo ſehr beweglihe und empfängliche Kindesherz zerriſſen,
:oder wenn es die Natur mit Widerſtandskraft begabt, mindeſtens nach
einer Seite gezogen. Schule und Haus in Harmonie gleichen dem
leuchtenden Vorgeſpann des Phöbus, das den Staubgeborenen die
leichthinſegelnde Gottheit im glü>verheißenden Tage verkündet; doch
in DiSharmonie ſind ſie =- um ein Bismar>'ſches Bild zu gebrauchen
-- zwei aufeinanderplaende Lokomotiven, die das zarte Gebilde des
Kindesherzens. zermalmen.
Wir haben wohl alle ſchon mehr oder weniger Gelegenheit ge-
habt, zu ſehen, welchen furchtbaren Hemmſchuh das Elternhaus unſerer
Wirkſamkeit anlegt, wenn es ſich nicht ſcheut, ſelbſt vor den Kindern
Scule und Lehrer zu verdächtigen, zu beſchimpfen und in den Kot
zu treten. Dieſe8 und überhaupt die traurige Wahrnehmung, daß

das Kind ſo viel Ungehöriges und Schlimmes von ſeinen Eltern oder
ſeiner Umgebung ſieht und hört und in ſein zartes Herz aufnimmt,
war es auc<, was Fichte zu der Forderung beſtimmte: das Kind
müſſe, wenn es eine einheitliche ſegen3reiche Bildung empfangen ſolle,
ganz von dem Elternhauſe getrennt. werden. Obgleich dieſe Anſicht
ideal vieles für ſim haben mag, ſo können wir uns doh nicht mit ihr |
befreunden, da ſie in Wirklichkeit gar niht ausführbar und auch wie-
der manche Schattenſeiten bieten würde. Denn die beſte Schule iſt
mcht im Stande, die Elternliebe zu erſezen, und ohne dieſe wärmende
Sonne wärden auc< in der beſten Erziehungsanſtalt die ſchönſten
Blüten de38 Kindesherzens nict zur Entwiklung kommen. Schule
und Haus gehören alſo zuſammen, ſie müſſen ſic< gegenſeitig ergänzen
und harmomſc< zuſammenwirken. Bei einigem guten Willen beider-
ſeit8 wäre dieſe Forderung nicht allzu ſchwer zu erfüllen. Jeder von
beiden Faktoren hat ja ſo ziemlich ſein abgegrenztes Feld. Wenn
nun das Haus aus Affenliebe und KurzKchtigkeit dennoch ſo oft die
Anordnungen der Schule durchkreuzt und ſchon glaubt, eine große
Tat getan zu haben, indem es das Kind aufreizt und widerſpenſtig
macht: hüten wir uns um ſo mehr, Gleiches mit Gleichem zu ver-
gelten! Wie muß es auf das kindlihe Gemüt wirken, wenn in der
Schule das Elternhaus gemaßregelt, bloßgelegt wird! Wem ſoll es
da Glauben und Vertrauen ſchenken, und wo bleibt der ſtützende Pfahl,
an dem es ſid) emporranken ſoll? =-- Täuſchen wir uns nicht!
Kindes Sympathie hangt immer mehr an den Eltern -- und wenn
Lehrer.

Des
| ſie es ſelbſt ſind.
ſic) noF mit devotiſcher Unterwürfigkeit Liebe und Vertrauen erworben.
Man kann nur eine Perſon lieben und ihr vertrauen, die man hat
achten gelernt, und eine Wetterfahne, die ſich nach allen Winden dreht
und es mit memand verderben möchte, kann man nicht a allen re ſchweren und verantwortungsvollen Berufe. Der Lehrer ſoll nach
feſten und ſittlihen Grundſäten handeln, er ſoll ein voller Charakter
ſein, damit nicht bloß die Kinder, ſondern auch die Erwachſenen zu
ihm als zu einem Muſter aufſhauen. Nur ein Charakter kann
Charaktere erziehen. -- Die Forderung, daß der Lehrer mit dem
Elternhauſe in Verbindung treten müſſe, will nur, daß er kein zu-
geknöpfter, unnahbarer Beamter ſei, dem, wenn er glaubt, ſeine Schule
gewiſſenhaft gehalten zu haben, alles andere neben liegt. Er gliche
dann einem gedungenen Säemann, der den Samen bloß ausſtreut,
ſic) aber nicht weiter um deſſen Gedeihen bekümmert. Das Haus iſt
neben der Schule der wichtigſte Erziehungsfaktor, und mit ihm muß
der Lehrer in ſtetem Konnex bleiben. Dazu hat er, ohne ſeiner
Würde etwas zu vergeben, oft Gelegenheit. Er beſuche kranke Schü-
ler, treffe bei außergewöhnlihen Uebertretungen durc< hartnäcige
Faulheit, Roheit, Lügenhaftigkeit 2c. ſeine Maßregeln erſt nach Rüc-
ſprache mit dem Elternhauſe. Dadurch wälzt er wenigſtens den Ver-
dacht der Parteilichkeit und Ungerechtigkeit von ſich ab. Eltern, die
ſich ſonſt wenig um den ſittligen und intellektuellen Fortſchritt ihrer
Kinder kümmern, werden durc< derartige Erörterungen oft aufgerüt-
telt, indem ſie zu dem beſ von anderer Seite mehr auf das Wohl ihrer Kinder bedacht iſt, als
Gelingt e8 dem Lehrer au< nicht, alle Eltern für
vie heilige Sache der Erziehung zu intereſſiren, ſo hat er doh ſchon
außerordentlich viel Jewonnen, wenn er nur den beſſeren Teil der-
ſelben auf ſeiner Seite weiß. Der Lehrer ſoll alſo kein Stunden-
halter ſein, der mit Ungeduld den Schlag der Uhr erwartet, welcher
ihn von ſeinem ſchweren Tagewerke erlöſt, ſondern er ſoll ein wirk-
liher Erzieher ſein; er ſoll niht bloß Freud' und Leid mit ſeinen
Kindern teilen, ſondern es ſoll ihm auch das Wohl ſeiner ganzen
Gemeinde, in welche er geſtellt iſt, eine Herzenöſache ſein. Die öffent-
lihe Meinung fühlt es bald heraus, ob er ſein Amt als eine melkende
Kuh betrachtet, die ihn mit Butter verſorgt, oder ob er noh etwas
Beſſeres daraus zu machen weiß.
Wir haben einen ſchweren und verantwortungsvollen Beruf, der
bei weitem noc< nicht gewürdigt und belohnt wird, wie er es verdient;
doc< das Bewußtſein, unſere Pflicht getan und Gutes Fewirkt zu
haben, iſt auch ein Lohn, und dieſer wird uns nicht ſo leicht in ver-
zweifelnde Reſignation fallen laſſen.
II. Die Schule ſchließe ſich dem Hauſe an, ſie baue das weiter,
was letzteres bereits begonnen hat. Wenn das Kind der Schule über-
liefert wird, iſt der Grund zu ſeiner Erziehung gelegt und auch ein
gewiſſes Maß von Bildung bringt es ſchon mit. Letteres richtet ſich
nun ſehr nach den Verhältniſſen, naM Stand und Beruf der Eltern,
nach der ganzen Umgebung, in welcher das Kind bisher gelebt hat.
Im allgemeinen bemerken wir, daß die Kinder wohlhabender und ge-
| bildeter Leute einen reicheren Fond38 von Erziehung und Bildung unt-
dieſe ſelbſt offene Schwachheiten und Fehler haben -- als an dem -
Statt durch derartige Juſtiz uns zu rechtfertigen, ſtreuen .
wir den Samen des Mißtrauens und der Abneigung in des Kindes .
Seele, welcher wie ein Giftgewäc Der Lehrer, als im allgemeinen der beſonnenere und gebildetere Teil,
entgegenbringen.
11. Der Lehrer ſetze ſich ſo viel wie möglich mit dem Eltern-
hauſe in Verbindung. Es ſoll damit nicht geſagt ſein, daß er dahin
einem Worte, wie der Volk8mund ſich bezeichnend ausdrüct, ein „ge-
meiner Mann“ zu werden.
Freundſchaft nur wenigen!
als wenn er ſeine Ehre und feinen Stolz (nicht zu verwechſeln mit
Dünkel), dieſe köſtlichen Perlen, vor die Säue wirft.
bringen als die Kinder armer, um ihr täglich Brod ringender Eltern.
Aber auch bei den erſteren iſt nicht alles Gold, was glänzt, weil Fal-
ſches und Verkehrtes ſich oft auch bei ihnen ſchon feſtgeſezt hat. Wenn
- aber dann beim Eintritt der Kinder in die Schule dieſe alles über
- den Haufen werfen und von vorn zu bauen anfangen wollte, ſo würde
ſoll lieber Unrecht leiden, als Unrecht tun, und das Kind wird ihm,
wenn das harmoniſche Verhältniß einmal geſtört iſt, bei unparteiiſcher
und wohlwollender Behandlung um ſo eher wieder Achtung und Liebe -
ſie nur zu bald von der Unmöglichkeit ihres Borhabens überzeugt
werden und ſomit einen großen pädagogiſchen Fehler begehen. Es
könnte dies höchſtens nur dann ſtatthaben, wenn das Kind in gar
keine Berührung mehr mit dem Elternhaufe käme. Da aber auch
während der Schulzeit letzteres der hervorragendſte Erziehungsfaktor
- bleibt, ſo muß es der Schule genügen, die begangenen Erziehungs8-
ſtreben ſolle, mit jedermann in ein intimes Verhältniß zu treten, ſich
aller Welt aufzudringen, überall Bruderſchaften anzuknüpfen, mit
fehler nac und nach zu forrigiren und das Rechte an die Stelle des
Falſchen zu ſezen. Daß in dieſem Falle Rückſprache mit dem Eltern-
hauſe wieder ſehr vorteilhaft iſt, liegt klar.
Sein Wohlwollen gelte allen, ſeine
Nichts ſchadet ſeiner Wirkſamkeit mehr, -
Niemand hat .
Einige pädagogiſche Schriftſteller ſind nun mit der Forderung
aufgetreten: wenn man erfolgreich auf dem Fundamente des Hauſes
aufbauen wolle, ſo dürfe man dem Kinde vorerſt gar nichts Neues
bieten; man müſſe ihm alſo auch ſeine Sprache laſſen, die es mitbringe.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.