8 J. Dietz.

den Höhepunkt einer 400Jjährigen Entwicklung, wenn
man deren Anfang mit dem ersten Auftreten der moha-
medanischen Gefahr zusammenfallen lägst. In der Tat
fallen aber Mohamedaner und Heiden in der Vorstellungs-
weise des Liedes in eins zuSammen, und diese hohe
Stimmung ist also auch mit das Ergebnis aller der
Kämpfe, welche gegen die Heiden, die Feinde der Kirche,
ausgefochten worden Sind. In Karls Gestalt nun fliesst
alles zusammen, was für die Religion, für die Aufrecht-
erhaltung der Ordnung allen Feinden gegenüber, ge-
Schehen iSt, Sowie alle Hoffnungen, welche in bezug auf
die Zukunft, auf die Einheit der Welt durch den Sieg
des Christentums gehegt werden. In diesem Kaiser also,
der unabläsgig bemüht war, der Welt das Siegel Seines
Geistes aufzudrücken, um aus dergSelben ein einheitliches
Gebild entstehen zu lasSen, ist Sich Frankreich Seines
Genius bewusst worden.
Es ist die Idealgestalt, die wohl verdunkelt worden,
aber nie verloren gegangen ist. Gestaltungs- und ASsSi-
milationskraft, gebieteriSches Bedürfnis nach Ordnung
und Klarheit, nach der einfachsten, vollkommenen Form,
die in der zusammenstimmenden Einheit erblickt wird,
diese Richtung auf das Univergelle dieser Form und
Soziale Sinn ist die Grundtendenz des franzögischen
Geigstes.
So wird das Frankreich vorgestellt, für welches zu
' atmen, zu leben und zu Sterben höchste Seligkeit der
Tapfern ist. Dieses Ideal gelangt zu Seiner Vollendung
zur Zeit der AuflöSung des Karolingischen Reiches und
im 11. Jahrhundert werden die Helden des Rolandliedes
ideale Rittergestalten. Karl Selbst ist ein Suzerän. ge-
worden, dem die Vagallen huldigen, welche er in cours
pleniäres vergammelt.
Wir haben also in diesem Lied auch das treue Ab-
bild der Zeit, welche der trouvere kannte und die er
allein Schildern konnte, die Zeit des Rittertums, des
Feudalstaates, der die erste, für mebrere Jahrhunderte
massgebende Form der politisSchen OrganiSation Frank-
reichs gewesen ist. In Seiner Naivetät glaubt der
trouvere, dass diese Staatsform immer vorhanden gewesen
iet. Er überträgt gie 80gar auf die Mohamedaner.
Nach jahrhundertlanger Vorbereitung (Fermentation)

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