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Geſinnung Schuld daran trägt, daß die Kolonien, eine nach
der andern, ſich gewaltſam losriſſen, um unter die Herrſchaft
von Männern und Nationen zu gelangen, die ſtatt heroiſcher
Phantaſtereien der ſchlichten Arbeit uud der Werkeltags-
weisheit pflegten. Außerdem können und haben im ent-
ſcheidenden Augenbli> au Mut und Heroismus entwickelt, dex um ſo erfreulicher
wirkte, als er nicht aus phantaſtiſcher Ueberſpannung aller
Gefühle ſtammte, ſondern von unten her kam, aus Trieben
und Motiven, die uns allen verſtändlich ſind. Man braucht
nur an den Freiheitskrieg unter Waſhington und an die
gewaltigen Schlachten des Sezeſſionskrieges zu erinnern, um
zu erkennen, daß der amerikaniſche Heldenmut dem ſpaniſchen
vollauf die Wage hält. Amerika aber hat ſich nicht ge:
ſhändet dur< Jnquiſitionshekatomben, dur; Mauren- und
Judenaustreibungen, durc< bettelhaften Hidalgoſtolz und
wahnwißige Ueberſpannung des Einheitstriebes. Die Spanier
ſind gewiß ein edles Volk, welches nur durch die ungeheuer-
liße Uebertreibung ſeiner Tugenden zu Grunde gegangen iſt.
Und ganz gewiß haben ſich jenſeits des großen Waſſers die
Sünden des Kapitalismus zu oft rieſenhaften Formen aus-
gewa<ſen. Troßdem erſcheint es als keine Frage, wem
unſere Sympathieen gelten müſſen. Es ſtehen ſic<ß Hierarchie
und Kapitalismus gegenüber, und in dieſem Konflikt ent-
ſcheidet fi der moderne Menſ<, auch wenn er ein Jödealiſt
iſt, unbedingt für den Kapitalismus.
Hände weg!
Aus dem Jtalieniſchen des D. L. Morenos
übertragen von Hulda Foerſter (Berlin). -
Wenige Ereigniſſe haben in Jtalien einen ſo großen
und tiefen Eindru> gemacht, wie die Nachricht, daß Felice
Cavallotti im Duell gefallen ſei.
Auf den erſten Bli> mag es ſ Mann, der 32 Duelle ausgefo dreißigſten gefallen iſt, ein Zänker und Raufbold ſei, der
nun ſeinen Lohn dahin hat. Will man ihn aber ſeinem
ganzen Leben nach beurteilen, ſo müßte man ihn wohl
einen „Gewaltthäter aus Hingebung“ nennen.
Von großmütigem, wenn auc< maßloſem Eifer ge-
trieben, ſtrebte er jede Jdee, jede Sache, jede Aktion that-
kräftig zu fördern, die ihm gut, gere Ihn trieben ein Eifer und eine Heftigkeit, die niht aus Ho<-
mut oder Selbſtſucht entſprangen, ſondern aus Hingabe,
freilih aus einer Hingabe, die, mochte ſie noh ſo ſehr der
guten und gerechten Sache zu dienen trachten, doch oft von
politiſcher Leidenſchaft gefärbt, ſich nicht vom Vorurteil zu
wt noh ſich über den Parteiſtandpunkt zu erheben ver-
modte.
Ein ſtreitbarer Geiſt in Shrift und That, ſchien er
vielmehr einem verfloſſenen Zeitalter anzugehören, jenem
Zeitalter, in dem Litteratur und politiſches Leben ſo innig
verfnüpft waren. Ein ſeltenes, faſt einzig daſtehendes Bei-
ſpiel lieferte er von jenen Alten, („alt“, obwohl unſere nahen
Vorgänger) welche den Sänger nicht vom Streiter, den
politiſ in ihnen Kraft und Leben genug ſteckte, um es in tauſend-
facher Form kundzuthun.
Wer daher den Dichter und Dramatiker vom rein-
fünſftleriſ verkannt. Um hier den Dichter zu verſtehen, muß man den
Patrioten dazu in Betracht ziehen, denn ſeine Waffen ſind
das Schwert ſowohl wie das Wort; man muß an den
Hochgemuten denken, der den Cholerakranken zu Hilfe eilt,
der immer unter den erſten iſt, die ſelbſtvergeſſen da ein-
ſpringen, wo es not thut, ſei es auf Js8 Sizilien; der die Gleichgültigen mit ſhärfſtem Tadel ver-
folgt, der ſich ſelbſt nie ſt und alles das
]

um des Sieges der Wahrheit, der Gerechtigkeit willen, die
ſein einziges Streben find. ==
Darum fühlten Sympathie für ihn aug Solche, die
ſo Vieles von ihm trennte; ein ſ<öner Beweis,
wie rein menſc>lihes Fühlen nicht ganz erſti&t werden
kann von no< ſo tiefgehenden Gegenfätzen und Meinungs-
verſhiedenheiten auf ſozialem, politiſchem und religiöſem
Gebiete. |
Eines Tages kam ein Geiſtliher zu Cavallotti und
brachte ihm Verſe. Es waren Cavalloitis Verſe, die der
Geiſtliche, Biſchof Pecci ins Lateiniſc lateingewandte Prälat wurde bald darauf Papſt: Leo AI].
und Cavallotti ließ ihm eine italieniſ reichen, die er von lateiniſchen Verſen des geiſtlichen Würden-
trägers gemacht hatte. Dies iſt wohl mehr als ein bloßer
höflicher Austauſch zwiſchen zwei Literaten !
Doh wir gedenken weder den Dichter, no< den
Dramatiker, noh auh den Politiker zu feiern. Denn feiern
können wir ihn nicht.
Wir haben der Eigenart dieſer ſtarken Perſönlichkeit
gerecht zu werden verſucht, um abgeſondert von der groß-
artigen Hingabe, die ihn zu handeln trieb, die Maßloſigkeit
ſeines Vorgehens zu betrachten. Sein Wert und ſeine Be=
deutung ſollen dadurc< keines8wegs herabgeſeßt werden.
In die allgemein und tief gefühlte Trauer um jeinen
Tod miſcht ſich ein Gefühl des Abſcheues gegen dasjenige
ſeiner Kampfesmittel, deſſen Opfer er ſelbſt wurde. Sein
vornehmer Geiſt ward irregeführt von einem Vorurteil,
dem die Menge um weit minderwertigerer Auf-
wallungen willen fröhnt : vom Duell.
„Fort mit dem Duell, Hände weg, fort mit diefer
brutalen Gewalt, die den wahren Ehrbegriff entweiht, ſei
ſie auch no<ß ſo eingeſponnen in Begriffe von Ritterlichkeit
und vom Geſetze no< ſo ſehr ſanktioniert," =- möge dieſe
Ueberzeugung auch nur für einen Moment alle dur möge dieſer Ruf einmal alle die Getrennten einigen, vom
Sozialiſten bis zum Prieſter! =- Das wäre die wahre Lehre,
die uns dies UnglüF predigt, das wir heute alle beklagen.
Das Duell iſt ein raffinirter Gewaltakt, umſo ſchlimmer
als er Privilegium einer Klaſſe der Geſellſhaft iſt...
Sehen wir von einer geſ --- denn nicht nur das Duell überlebt veraltete Vorurteile
und Sitten, niht nur das Duell iſt verwerflih als Reſt
mittelalterliher Gebräuche -- wir wenden eine direktere Be-
trachtungsweiſe an : es iſt die öffentlihe Meinung mehr
noh, als das Geſes, welche das Privilegium aufrecht ex“
hält. Dieſe öffentlihe Meinung aber hat ihre Grenzen, ſie
wird von einer Minderheit vertreten, die dem Volke fremd
gegenüberſteht. -- Zwei Bürger haſſen einander, ohne Jn-
- anſpruc Verhandlungen, von Ehrengerichten beſtellen ſie ſi; ſie
ziehen das Meſſer, einer verwundet den andern tötlich. Der
Mörder wird zu zwanzig Jahren Galerendienſt verurteilt
wegen vorſätßlihen Todſ Nun aber zu einem ungerechten Privilegium : Zwei
Spannen abgelegenen Menſurgebietes, zwei garantiert gleich-
wertige Degen, und vier Zeugen, die zwei Leuten, welche
ſich aus den thörichtſten, nichtsſagendſten Gründen ſchlagen
wollen, völlige Strafloſigkeit zuſihern, obendrein den Beifall
der ſogenannten Gebildeten.
Schon heute kommt die Gegenwirkung gegen das
Duell niht mehr aus der von dieſem Vorrecht ausgeſ Klaſſe, ſondern von der bevorzugten Klaſſe ſelbſt, welche die
Duellregeln aufgeſtellt hat und befolgt.
Wir ſind jezt ſhon auf dem rechten Wege.
Suchen wir doh einen privilegirten Gewaltakt zu be-
kämpfen, ſuchen wir unſoziale und unmoraliſche Sitten um-
zugeſtalten und zu beſſern, indem. wir uns ſelbſt beſreien
von jeglihem Ueberreſt brutaler und durch Privilegien an-

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