nicht angängig iſt, die Konſervativen, oder Sozialdemokraten,
oder Ultramontanen, oder Antiſemiten oder Fortſchritt8ömänner
einfach totzuſchlagen, ſo bleibt ſchlechterdings nichts übrig, als
daß wir den Gegner mindeſtens dulden lernen; klüger und
prattiſher: daß wir ihn zu verſtehen ſjucgen und dazu das-
jenige aufſpüren, was wir doch auc< mit ihnen noh an ge-
meinſamen Zielen haben.
Für den nachdenklichen Menſchen gibt e8 nicht viel Er-
hebendere8, als dieſer Bli>d auf die durch Jahrhunderte gehende
Selbſterziehung derMenſch heit und einesVolkes dur die ſtufenweiſe
fortſc Dieſe Ahßtung ſoll nicht etwa den weiteren Kampf für die
eigene politiſc ſie wird ihn vertiefen und erhöhen. E53 iſt herrlig, genau zu
wiſſen, was man ſelbſt wil; aber unumgänglich nötig iſt es
auch, genau zu wiſſen, was die Andern wirklih wollen, und
niht gegen jelbſt zuſammengeflidte Gegnermasken zu ſtreiten.
Noc liegenden Kampfe hervorheben, das au Geſagten zuſammenhängt. I< meine: unſere große Ueber-
ſ<äßung der Taktik und Unterſ erziehungsfragen.
E38 liegt ja dieſer Mangel 3. T. begründet in der groben
Mechanik unſeres ganzen Wahlverfahren8 mit ſeiner plumpen
Vergewaltigung der Minderheit durc< die Zufall8mehrheit und
mit dem Elend der Stichwahlen. Das reizt geradezu zu den
widerwärtigen Manövern des Stimmenfanges, der Einſ terung, den groben und großen Schlagworten, deu Schacher
mit Wahlſtimmen, dieſer modernen Form des Sklavenhandels,
der au< den- lebendigen Menſchen einzig ais Mittel, nicht als
Selbſtzwec>, wertet.
Hört man wochen- und monatelang die ſ faren, die zum Sturm gegen den Zentrumsturm oder gegen
die Oſtelbicr oder zur Eindämmung der roten Flut einladen,
und iſt dann das ſchließliche Reſultat dieſer gewaltigen Geſten
== ni ſc eine gewaltige Ernüchterung ein. Man begreift, daß hier raſche,
augenbliclicge Erfolge ſo gut wie unmögli< ſind --- wenn
auc -=-“ nicht auf lange -- glü>t. Und darum erheben ſic nach
den Wahlen regelmäßig dieſelben warnenden Stimmen, die nach
beſſerer Organiſation, zur rechtzeitigen Gründung von Partei»
vereinen und Bezirksorganiſationen rufen =“ meiſt Stimmen,
die bald in der Wüſte der Gleichgiltigkeit verhallen. Ein über-
aus naiver Wunderglaube meint, mit einer einige Wochen oder
jeibſt Monate dauernden „Bearbeitung“ eine8 Wahlkreiſes, mit
einigen Dußend oder Hundert „Agitatoren“ und ad hoc
plößlich aufſhießenden Wahlvereinen der Volksſtimme == Gottes-
ſtimme im Handumdrehen den richtigen Weg zu weiſen zu
können. (E38 liegt darin eine ſol zeugungen reifer Männer, ſol gerade liberale Parieien fid dieſer Art von Stimmenwerbung
und dieſer ganzen bloß auf Taktik geſtellten Beeinfluſſung end-
lich aufrichtig I <ämen ſollten. -
Aber dieſelben Parteien wundern fich über die unbegreif
liche Unerſchütterlichkeit des Zentrumsturms - oder über die un-
ausrotibare Torheit ländlicher Wähler oder die Unauf-
haltbarkeit der roten Flut =“ und ſeben nicht, wie
- gerade ihre Gegner den ſyſtematiſchen, langſamen, aber
Dauererfolg verheißenden Weg .der Volkserziehung in
ihrem Sinne ſeit vielen Generationen beſchritten haben. Man
leſe z.. B. die erſtaunliche Zuſammenſtellung, - die Ed. Rieber
(Mainz) im Fieidenkerkalender von .1912 über das katho-
liſc 21.000 römiſchen Prieſtern und 1700 Ordensleuten ſtehen; der
Volksverein . für das katholiſche. Deutſchland. 4650. 000 Mit-
glieder. . 1907, „mit...850 009: Mk. Beiträgen), .. 'der. feit ; 1890-
110 Millionen- "der. verſchiedenſten. Flugſchriften verbreitet hats
der katholiſche Frauenbund (20 000 Mitglieder), die Mütter»
18

vereine (30 000 Mitglieder), Bruderſchaften und Köngregationen;
der Kindheit-Jeſu-Verein, der Schußengelverein, die Marianiſchen
Kongregationen (350 000 Mitglieder), Jünglingsvereine(200 000
Mitglieder), Katholiſcher Geſellenverein (in Preußen 36 000, in
Bayern 11 200 Mitglieder), Verband ſüddeutſcher- katholiſcher
Arbeitervereine (109 000 Mitglieder), derſelbe in Weſtdeutſch-
land (153 000 Mitglieder), derſelbe in Berlin (125 000 Mit-
glieder), Verband katholiſcher Kaufmänniſcher Vereinigungen
(22 500 Mitglieder), Verein katholiſcher deutſ (12500 Mitzlieder), Katholiſc glieder), Kartellverband der kathol. Studentenverbindungen
(8000 Mitglieder), der Borromäus:Verein (215 000 Mitglieder)
u. ſ. f. Nur die ganz offen arbeitenden größten Vereinigungen
find hier genannt, die nur für Propaganda na Zeugnis des Jeſuiten Kroſe jährlich über vier Millionen
Mark aufbringen! Ebenſo denke man an die Kriegeivereine,
die patriotiſc Landräte, das rieſige Ne von Berufsvereinigungen, die meiſt
auc< eine beſtimmte politiſc pflegen -- und dann halte man dagegen, wie lau, ja direkt
ablehnend ſich faſt überall die Parteien der Linken gegen die-
jenigen in ihrem Geiſte wirkenden Kultur- und ErziehungsS-
beſtrebungen verhalten, die, weit über den Tages: oder
Wahlerfolg auf eine ferne Zukunft hinausſ freiung des Volks8geiſtes aus aitem Vorurteil und engem In-
tereſſententum, an einer: vertieften Volksbildung als Grundlage
aller demokratiſchen Selbſtregierung arbeiten!
Manches mag in der leßten Zeit beſſer geworden ſein;
zumal auf der äußerſten Linken hat man den unermeßlichen
Wert ſol begriffen. Aber es iſt nog immer beſhämend wenig geſ nicht etwa nur im Vergleiß mit den oben genannten Partei-
ziffern, ſondern, ohne jegliches Parteiintereſſe, für die abſolut
notwendige Vorbereitung und Erziehung der Mehrheit unjeres
Volkes für eigene Selbſtbeſtimmung. Höchſte Rückſicht
auf das Wohl des Volkes iſt auc) immer die beſte Vorſorge
für die Partei. Eine Partei, die auf die leichte Beeinflußbar-
keit (vulgo: die Dummheit) der Wähler, nicht auf ihre beſten
Ucberzeugungen rechnet, iſt ſceließlic< mittötlißher Sicherheit verloren.
Die Zukunft aller geſunden und freiheitlichen Gatwicklung
unſere8 Volkes beruht darum weſentlich darauf, in welchem
Maße es die für den Kutlturfortſchritt begeiſterten Parteien
lernen werden, ſic die biSher nur läſſig, faſt unmutig gedul-
deten großen und kleinen Bewegungen für Volksbildung, Volls-
erziehung, religiöſe und ſittliche Erneuerung, Lcbensreform u.
dergl. anzugliedern, bezw. deren ethiſc Sanktuarium ihrer Politik aufzunehmen.
Wenn erſt einmal, wie für den Zentrums8mann die Unter»
ſtüüßung des Bonifatiusvereins, für den Sozialdemokraten der
Beitrag für den Arbeiterbildungsverein, für den Konſervativen
ver Beitritt zur inneren Miſſion, für den Nationaliliberalen die
Mitgliedſchaft im Guſtav-Adolf-Verein, ſo auc ſinnigen es ſelbſtverſtändlich ſein wird, daß er einer der Dr»
ganiſationen des Weimarer Kartells mit Rat und Tat
angehört (das er heute nom kaum dem Namen nah kennt?)
dann, aber erſt dann wird aus dem Kampfe um die Er-
neuerung des deutſchen Reich3tages der KuSdruc> der ehxr-
li für die Geſtaitung ſeiner Zukunft Vervorſpringen. :
Gewalttat und ſoziale Kullur.
Als Gewalttaten bezeichnet man im Allgemeinen die
leiblichen Schädigungen von. Mitmenſchen, ſodann in er
weitertem Sinn auch ſolche Betätigungen, durch welche über-
- haupt die Wirkſamkeit der unumgänglichen Ordnungen und
: Geſeze des ZuſanimenlebenS.. geſchwächt - oder aufgehoben
| wird, wie e8. oft..genug. in. .der Vergangenheit: von... Seiten
; der. - regierenden. Mächte . 9dex der VollSmaſſen:: göſchehen. ſt,
wie es jezt aber in kritiſchen Zeiten der ſozialen Kultur-

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