Nahrungsmittel für einige Wenige produzieren, heute können
einige Wenige Nahrungsmittel für Tauſende produzieren.
Die Hungers8not fürchtet man nicht mehr, aber Ueber-
produktion iſt das Schre>geſpenſt unſerer Zeit. Um dieſen
Dru> zu erleichtern, wird der Handel fo ſehr als möglich
begünſtigt und die Ausfuhr gefördert. Je mehr die Völker
erwerben, deſto mehr wächſt die Armut.
Daß Europa und Amerika die ſoziale Frage nicht zu
löſen vermögen, das hat ſeine Urſache darin, daß ſie nicht
die Landfrage zu löſen gewußt haben. Mit dem Fortſchritt
der Ziviliſation ſteigt der Wert des Bodens. Vor hundert
Jahren betrug die Bevölkerung Gngland8 nicht mehr als
zehn Millionen. Heute hat ſich die Bevölkerung verdreifacht,
aber die Landwirtſchaft produziert nicht genug für zwei
Monate im Jahr. Die reichen Engländer haben die Aecer
in Wieſen und Wildparke verwandelt. Die Landwirtſchaft
iſt preisgegeben worden und das Volk hat ſich, um zu
leben, anderen Beſchäftigungen zugewandt. Aber die ge-
ſamte Induſtrie iſt in den Händen der Beſißenden und die
Arbeiter ſind von ihnen abhängig.
In China iſt der KapitaliSmus no Der Wert des Bodens iſt ſeit etwa 1000 Jahren derſelbe.
Nach der Revolution wird es aber nicht jo bleiben. Daß.
in Hongkong und Shanghai der Bodenwert bereits auf ein
vielfac beſſerten Verkehrsmitteln her. Jede weitere Verbeſſerung
vermehrt den Bodenwert. Vor 50 Jahren hatte das Land
von Wamphoa in der Nähe von Canton keinen Wert, heute
Ut es bereits Millionen wert. Davurch werden die Reichen
reicher und die Armen ärmer.
In zehn Jahren wird die ſoziale Frage dringender
ſein und wird jeden Tag an Bedeutung gewinnen. Wir
können nicht daran vorübergehen, aber ſpäter wird es un-
möglich ſein, ſie zu löſen. Daher müſſen wir ſie ſchon
Heute angreifen.
Ih glaube, daß die Löſung der ſozialen Frage in
einer Abſchägzung und Beſteuerung der Bodenwerte liegt.
Wenn 3. B. ein Grundbeſizer ein Stü> Land hat, daß
1000 Viaſter wert iſt, wird der Wert auf 1000 Piaſier
feſtgeſest, aber wenn der Wert jich jpäter auf 10000
Piaſter erhöht, ſo ſollten dem Eigentümer 2000 und dem
Staate 8000 Piaſter gehören. Damit würde den Miß-
bräuchen der Reichen, die den Boden monopoliſieren, ge-
ſteuert. Die ſoziale Reform würde auf die leichteſte und
einfachſte Art verwirklicht.
In Europa und Amerika iſt der Bodenwert heute auf -
ſeinem Gipfelpunkte und es iſt unmöglich, den Wert genau
feſtzuſtellen, weil es keine allgemeine Abſchäzung gibt. In
jenen Ländern, wo der Wert des Bodens noc< nicht ſo hoch
iſt, iſt es noh Zeit zu handeln. Aus dieſem Grunde haben
die Deutſchen in Kiautſ (mit der Bodenbeſteuerung) ſo gute Erfolge gehabt, In
Thina hat die Zwiliſation noch keine ſolche Fortſchritte
gemacht wie in Guropa und der Bodenwert iſi noch niedrig,
daher wird die ſoziale Reform in unſerem Lande leicht ſein.
Wenn wir dieſe Reſorm einführen, ſo wird mit jedem
Fortſchritt der Ziviliſation ſich der Reichtum unſeres Staates
vermehren und finanzielle Schwierigkeiten werden aufhören,
uns zu bedrängen. Wir können die heutigen, drückenden
Steuern abſchaffen, den LebenS3unterhalt verbilligen. Alles
wird von Grund aus anders8 ſein.
In Europa, in Amerika und Japan drücken ſchwere
Steuern das Volk. In China wird e8 nach der Revolution
keine Steuern geben, au8genommen die Bodenſteuer und
da3 iſt genug, um China zum reichſten Land der Welt zu
machen. Dann werden wir nicht mehr andere nachahmen,
fondern anderen ein Beiſpiel ſein.
Wir kämpfen alſo für unſere nationale Unabhängigkeit,
weil wir nicht dulden können, daß eine Handvoll Mandſchus
ans beherrſcht, wir erſtreben eine politiſche Umwälzung, weil

wir nicht wollen, daß ein einzelner Mann die ganze Macht
der Regierung in ſeiner Hand vereinigt und wir arbeiten
für eine ſoziale Reform, weil wir nicht wollen, daß eine
Handvoll reicher Müßiggänger ſi< den größten Teil des
nationalen Reichtums aneignet, Wenn wir dieſes dreifache
Ziel in einem Punkte verfehlen, ſo bleibt unſere Aufgabe
unerfüllt.“
Dieſe Rede wurde von der Verſammlung mit großem
Beifall aufgenommen. Die japaniſche Regierung wies den
Redner, um der dineſiſchen Regierung gefällig zu ſein, aus
Japan aus. Ob Dr. Sunyatſen imſtande ſein wird, ſein
ſoziales Programm zu verwirklichen, muß die Zukunſt
lehren. Wenn in ſeiner Rede auch an einigen Stellen der
Doktrinarismus des einſeitigen Bodenreformers durc ſo baut ſich ſein Programm doh auf einen klaren Grund=-
gedanfen auf, der in felbſt immer wieder betont, leichter durchzuführen ſein mag,
als in Europa.
Hößen uns Tiefen der Merniſchbeit.
Wie ein Wetterſirahl hat der Maſſentod im Aſyl für
Obdachloſe wieder einmal die elenden Verhältniſſe beleuchtet,
in die alljährlich tauſende unſerer Voiksgenoſſen infolge von
Hilfloſigkeit, Krankheit, Arbeitsloſigkeit und Verbrechen hinein=-
getrieben werden. Und doch bilden die Obdachloſen nur einen
ganz beſcheidenen Prozentſaß der Verwahrloſten. Angeſichts
dieſe38 Clend8 wäre es philiſtröſe Enaherzigkeit zu fragen:
Iſt dieſe8 Schickſal nicht oft ſelbſt verdient? Wer ſich ſelber
ohne Schuld fühlt, werfe den erſten Stein auf dieje Un-
glüdlichen, für die der Maſſentod nur eine Maſſenerlöjung
war. Nicht in ihrem Tod, in ihrem Leben liegt die große
Tragödie. Was8 bedeutet das bischen giftiger Alkohol im
Vergleich zu den ungeheuren Doſen von LebenSsgiften, durch
welche die Verwahrloſten allmählich aus der menſc Gemeinſchaft ausgeſtoßen wurden!
Die weitgehende Hilfe, das allgemeine Jntereſſe, die
polizeiliche Fürſorge, die den Erkrankten zuteit wurde, als
der Tos unter ſie trat, berührt == ſo wenig wie wir fie
miſſen möchten =- doh faſi wie eine bittere Jronie, wenn
man ſich klarmacht, daß ein kleiner Teil diejer Hilfe und
Fürſorge vielfach genügt hätte, die Ausgeſtoßenen vor dem
Niedergang zu retten, wenn fie ihnen zur richtigen
Zeit geworden wäre!
Die Kataſtrophe hat uns nur einen allgemeinen Einblick
in da8 Leben der Obdachloſen gegeben, und dieſer iſt jchon
erſchütternd genug! Würden wir die Einzelſchi>jale kennen
und überſehen können, durch wie viel ſoziale Schuld dieje
Enterbten auf die ſchiefe Ebene getrieben worden ſind, wir
würden noch einen ganz anderen Anſchauungsunterricht er-
halten! In wie vielen Fällen iſt nicht Unterernährung,
allgemeine Körperſ ererbte moraliſche und phyſiſche Minderwertigkeit der Grund
für Verwahrloſung, Arbeitsſcheu und Verbrechen! Die Frage
nach der perſönlichen Schuld muß hier ebenjo radital aus-
geſchieden werden, wie eiwa die Frage nach dem perſönlichen
Verdienſt, bei denen die „anſtändig bleiben", wenn ſie in
guten Verhältniſſen leben und durc< allerlei joziale Sdhußge-
mauern vor der Leben3not geſchügzt ſind. An die Stelle
von Verdienſt und Schuld müſſen wir die ſoziale Kombi-
nation und Tradition ſegen, die als Machtfaktoren von ſolcher
Gewalt wirken, daß der EGinzelmenſch mit ſeinem zwerghaſten
Wollen und Können zu neun Zehnteln ausſcheidet. Over-
flächli< betrachtet iſt dieſe Tatſache zermalmend. Genau
beſehen iſt ſie aber nicht nur für die vorurteilsfreie Beur-
teilung der Verwahrloſung, ſondern auch für ihre Bekämpfung
von grundlegender Bedeutung. Denn es folgt daraus, daß
Gemeinſchaft8elend nur durch wohlorganiſierte Gemeinſchafts
. hilfe, von der ſich niemand ausſchließen darf, überwunden

werden kann. Je mehr wir die ſozialen. Kräfte erforſchen

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