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Halbmonatsſch | Begründet von (807g von Gizycki.
Mit der Monatsbeilage „„Kinrdexlan6““, Blätter für ethiyc „Weltliche Schule“, (Mitteilungen des Deutſchen Bundes für weltliche Schule und Moralunterricht).
Heraus8gegeben von
Dr. Rudolph Penzig.
Verlag: Verlag für ethiſZe Kultur, Richard Bie5er, Berlin 30. 16, Rungeſtraße 25--27.
Die Verlendung erfolgt von Gotkesberg«

XXI. Jahrgang

Berlin, den 1. April 1913
Yer. 7




R6böruck iſt, ſoweit nicbt ausdrücklich unterſagt, nur mit vollſtändiger Quellenangabe gelta
Znbalt.
Politiſ Neue Ziele auf dem Gebiete des Wohnungsweſens. Von A. Siern.
Zur Bebherzigung für Wohnungsreformer. Von L. Katjc Streiflichter.
Ein Jugendgefängnis.
Vademecum für Bereinsleiter.
Aerztliches Ehe-Examen.
Vermiſchtes.
Bücherſchau.
Anzeigen und Mitteilungen.

Volikfilcße Imponverabilien.
Von Politicus8.
Es war der frühere ReichsSkanzler Caprivi, der Die-
jes Wort von den Imponderabilien geprägt hat, die man
in der Politik bei uns allzu ſehr vernachläſſige und über-
ſehe. Er meinte damit jene Faktoren des Lffentlichen
Lebens, die man nicht leicht beſtimmt umgrenzen 1mDd
bezeichnen, die man noch weniger direkt faſſen oder zah-
lenmäßig nachweiſen kann, die in feinem ſtiatiſtijchen
Jahrbuch zu finden find und in keiner Gtatsanftellung
vorfommen, und die doch nicht weniger „real“ jind als
alle anderen.
Dieſer Hinweis Caprivis hat ſeitdem immer größere
und dringendere Bedeutung bekommen. Denn es ift
einer der bezeichnendſien Züge unſeres politiſchen Lebens,
daß eben jene Faktoren, welche Caprivi als Imponderab1-
lien bezeichnete, bei uns den allergeringſten KursSwert be=
ſißen. Innerhalb der herrſchenden Kreiſe wenigſtens ſtrebt
faſt jeder danach, ein ſogenannter „Real-Politiker“ zu
ſein, oder e8 wenigſtens zu ſcheinen, und dazu gehört eben
die Geringihäkung und das nondalante Beiſeiteſchieben
der Imponderabilien. Dieſes politiſche Epigonen-Ge-
ſchlecht, da8 heute auf dem Forum agiert, iſt eben noch
immer beeinflußt von dem Schatten, den die Riejeng2-
ſtalt Bi8mar>s8 in unſere Zeit wirft, und jeder politiſche
Gernegroß dünkt ſich ein Held in Küraſſier = Stiefeln,
wenn er betont, daß für ihn nur die „Realitäten“ der Po-
litik in Frage kommen könnten, nicht aber Jdeen: joge-
nannte Jdeologien. Aber Bi8mar> wußte in der Tat
die Realitäten aller Art, auch die imponderabilen, zu
würdigen, während ſeinen Nachbetern als Realitäten und
Wirklichkeiten nur d i e Dinge gelten, die man faſſen und
greifen und beziffern kann. Für alle dieſe ſogenannten
Realpolitiker gilt das Wort Mephiſto 8:

ifet.
U
Z
Was ihr nicht faßt,
Das Fehlt euch ganz und Jar,
Was ihr nicht rechnet
Meint ihr, fei nicht wahr,
Wa3 ihr nicht wägt,
Hat für euc< fein Gewicht,
Was ihr nicht münzt,
Da8, meint ihr, gelte nicht. = =
Der Reichsfanzler Caprivi hat damals feine Mad-
nung ganz beſonders im Hinbli> auf Die militär
Verhältniſſe und die auswärtige Politif ausgeſprochen.
Sie iſt hier in der Tat von ganz beſonderer BedeutUng.
Mehr als je leiden ja unſere offiziellen Militär-Politiifer
an der „rage du nombre“ und jehen die Mactneliung
Deutſchlands gefährdet, wenn das Nachbarland ein paar
tauſend Mann mehr aushebt, oder einige Dußend K-
nonen mehr in ſeinem Eiai hat. Wer aber kümmert iich
darum, wie es denn mit dem Geiſt umerer Armee im
Verhältnis zu dem der anderen Völker beſtellt iel? Und
wenn das Verhältnis Deutſchlands zu den anderen Mäch-
ten, ſeine Geſamtſtellung auf dem Welitheatier erörtert
wird, ſo zieht man die numeriſche Stärfe der Armeen in
HT ind Dreadnouabls,
(Bb
vs
Vd
1
Rechnung, die Zahl der Kriegsſchiſfe 111
u< wohl, wenngleich ſchon in weirem Abſtande, die Za=
len der Jinanzrüſtung, =- aber man denit nicht an DIC
Erörterung der inneren Stärke, des Grades jener Rra7t,
ven die Geſchloſſenheit der verſchiedenen Volfs8griuppen,
die Staatsfreudiglfeit und Zufriedenheit der einzelnen
Gliedex dem Ganzen verleihen können, und ebenſowenig
an jenen anderen Zuwachs von Kraft, der von den 1m-
ponderablen Stimmungen engerer und weiterer Volk S-
und Kulturaruppen, von den Sympaihien fremder Ta
tionen aus8geben kann.
Wie wichtig alle dieſe Imponderabilien find, ja wie
entſ das hätte unſere „Realpolitiker“, die von der Zahlenwut
befallen ſind, ſ Je3, des ruſſiſch - japaniſchen -- vom Balfkan-Krieg ganz
zu ſc ges prophezeiten alle unjere militäriſchen „Autoritäten“
einen verhältni3mäßig leichten und glänzenden Sieg der
Ruſſen. Und in der Tat beſaßen dieſe ja die Ueberlegen-
heit der Zahl zu Lande und zu Waſſer, ebenſo die der Be=
waffnung, ſelbſt die der ſirengen DiSsziplin; aber eins
hatte man ganz außer acht gelaſſen, eine Kleinigkeit nur
-- welcher Art der Geiſt war, der in diejem Heere

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