Ueber den Wert der Schulgemeinde läßt ſich jezt noch
nicht urteilen. Doch kann ich auf Grund meiner Beobach-
tungen wohl ſagen: die Schulgemeinde ſcheint mir geeignet,
die „öffentliche Meinung“ in der Klaſſe günſtig zu beein-
flußen, die Reibungsflächen zwiſchen Lehrer und Scüler zu
vermeiden und dadurch die Autorität des Lehrers zu heben,
ſie dürfte eine Schulung des Charakters und des Willens
bieten und ſcheint mir imſtande zu ſein, ein Verſtändnis für
ein geſundes Verfaſſungsleben einer konſtitutionellen Monarchie
zu vermitteln und dadurch die allſeits geforderte ſtaats8bürger-
liche Erziehung zu leiſten. Prof. Julius Jarvo1<, Wien.
Von hjier und dort.
Tie Schule -- das Aſchenbrödel der modernen deutſc
Rultur. Ein

offiziell behandelt werden kann, werfen die gegenwärtigen ZU=
ſtände in Heſſen. Nach dem Tode des ſchwerkranken Miniſterial=
rats Eiſenhut galt es deſſen Stelle und damit die Leitung des
geſamten heiſiſchen Schulweſens anderweitig zu vergeben. Was
konnte ſelbſtverſtändlicher ſein, al8 daß für dieſen Poſten nur
wieder ein erfahrener Schulmann aus der Praxis heraus berufen
wurde? So denkt natürlich jeder einſichtige Menſc<, der die Schule
für ein ebenſo eigenartiges und wichtiges Urbeitsfeld hält, wie
irgend ein anderes. Was dürften für die Beſegzung eines ſolchen
Poſtens für Jntereſſen in Betracht kommen, wenn nicht päda-
gogiſch-ſachliche ? -- Über weit gefehlt! Die heſſiſche Regierung
hat noch ſehr viele andere als pädagogiſche Intereſſen. Da war
dur< die Verſchmelzung des heſſiſchen und preußiſchen Eiſenbahn-
weſens der Leiter des erſtexen überflüiſig geworden. Ginen Poſten
mußte der Herr aber doch wieder haben und ſein Gehalt jollte
dabei geſpart werden. Da kam denn die Vakanz in der Schul-
abteilung ſehr gelegen. Bädagogik hin, PRädagogik hex! In
unſerem ſtaatlichen Shulwejen geht alles ſo fein nach Schema F,
daß es auch ohne jede pädagogiſche Sachkenntnis von einem
Laien geleitet werden kann. Und wenn der auh jeibſt einmal
etwas verfehrt anfangen ſollte, was tut'38? E38 handelt ſich ja
nur um die Schule! Da koſtet ein Mißgriff niemandem den
Kopf! Da kommt's auch auf einen Fehler mehr oder weniger
nicht an. Wenn's nur jo äußerlich nach dem Schema PF alles
ſchön Xappt. Und dafür kann natürlich ein Juriſt genau eben
io gut ſorgen, wie ein ſtudierter Pädagoge. Gegen die Perjon
des neuen Herrn Miniſterialrats Süffert joU ja damit nichts gejagt
ſein. Um jo mehr aber gegen das Verfahren an ſich, das eben
doch vor adler Welt dokumentiert: Zur Leitung ves Schulweſens
gehört nichts Beſonderes! Das kann man ohne alle Sach= und
Fachkenntnis machen. Für das beſcheidenſte Plätzehen im Staats=
dienſt werden ſonſt heutzutage alle möglichen Borbereitungen
und Prüfungen verlangt. Aber der oberſte Poſten im Schul=
dienſt, der kann ohne Weiteres an jemanden vergeben werden,
der mit der Schularbeit biSher noch gar keine Fühlung Hatte!
Und als ſeine Untergebenen arbeiten jet 3 Overſchulräte, von
denen der älteſte um ein oder gar zwei Jahrzehnte älter ift, als
ſein nicht fachmänniſcher Lorgeiezter. Wahrlich, wenn irgendwo,
dann gilt es hier: Difficile est, satiram non secribere ! Wo fortan
ein heſſiſcher Oberlehrer ſich gegen unberufene Kritik wehren
wollte, da wird jeder Laie ihm ſpottend erwidern können! „Was
wollen Sie, lieber Herr, ſo berufen wie Jhr oberſier Vorgeſetzter
bin ich auch! Was verlangen Sie mehr?"
Ig, die Herren Oberlehrer! I< habe, offen geſtanden, auch
mit ihnen ſchon die eine oder andere nicht eben erfreuliche Er=
fahrung gemacht. Das
auf die jetzigen heſſiſchen Zuſtände ihnen objektiv Recht zu geben.
Sor Anſpruch, das Schulweſen, dem ihr Studium und thre
ebens3arbveit gehört, von einem erprobten Fachmann geleitet zu
ſehen, iſt ſicher wohlbegründet. Die Behandlung, die ſie bei Ber-
tretung dieſes Anjpruch8 von Seiten des Herrn Miniſters von
Hombergk erfuhren, war eine geradezu unwürdige, Man ge=-
währte ihnen die lang erbetene und zugeſagte Audienz erſt, als
die Ernennung des Herrn Süffert ſchon unterzeichnet war, als
ob man ihnen jo recht deutlich habe zeigen wollen, wie ſehr gering
man ſie jchäße, Die gleiche Geringſchätzung wird man ihnen
vorausſichtlic< wieder beweiſen, nachdem ſie jezt in einer außer-
ordentlich ſtark beſuchten Verſammlung des heſſiſcen Oberlehrer-
vereims gegen die nichtfachmänniſche Schulleitung proteſtiert
haben. Gegenüber ſolcher „Untertanenanmaßung“ hat man
höheren Ortes offenbar ein jehr dickes -- ich wollte ſagen: ein
ſehr widerſtandsfähiges Nervenſyſtem, Jungen Leuten aber, deren

ſehr bezeichnendes Licht auf die leichtfertige Gering=2f
ſchäzung, mit der zur Zeit in Deutſchland die Jugenderziehung“
hindert mich trogdem nicht, in Bezug .
80

Ehrgefühl der Anpaſſung an eine ſolche Behandlungsweije nicht
bejonders fähig erjiheint, fann man zur Zeit nur dringend davor
abraten, im Großherzogtich-Heſſiſchen Oberlehrer zu werden! -1-
Arbeitsbericht.
Die Arbeit des vergangenen Vierteljahres ſtand unter dem
Zeichen der. Nichtbeſtätigung unſeres Legats dur< den Fistus.
Die liberale und radikale Preſſe Deutſchlands, der wir die Kon=
fiSfation mitgeteilt, hat in den ſchärfſten Ausdrücen gegen die=
jelbe Front gemacht. In der Frankiurter Zeitung, der Voſſiſjhen,
der Kölniſchen, dem 'Berliner Tageblatt ujw. wurde der Rechts-
bruch des Fiskus8 von“ den verſchiedenſten Seiten eingehend be-
leuchtet. Ini der Voxſtanwsösſigung am 28. September wurde
beſchloſſen, einen “Proteſt >n .. das Miniſterium des Innern zu
ſenden, in dem die Rechtslage"des Bunde3- Fh der Legatsangelegen-
heit noch einmal zur Kennt&gis der-Behöxrde gebracht wird. Am
Sonntag den 30. Oktober, vormittags veWnſialtet der Bund eine
öffentliche Prot ſtverſammlung (Lokal. wird noch durch die Zei-
tungen und Unſch'agſäulen bekannt gegeben), in dex über die
Konfiskation berichtet werden wird. Im Unſchluß daran wird
Dr. Max Maurenbrecher- Erlangen über das Thema „Warum
weltliche Schule?“ ſprechen. -
Die Mitgliederzahl des Bundes iſt auf 1706 geſtiegen; auch
unter den neu gewonnenen Mitgliedern ſind wieder zahlreiche
fkorporative Mitglieder. Gelegentlih der Berliner Ferienkurſe
für Lehrer in diejem Herbſt gelangten unſere Propagandajchrijten
in größerer Anzahl zur Verteilung. Gnde Oktober wird unſer
zweiter Vorſizende, Herr Stadtrat Dr. Penzig, in Wiesbaden,
Frankfurt a. M., Höchſt a. M. gelegentlich einer großen Altion,
die die dortigen Freidenkervereine im Intereſſe der weltlichen
Schule planen, Vorträge über dieſes Thema halten. Kürzlich
wurden wir vom Verein für Volksbildung Luxemburg aufgeſor-
dert, unſere Druckſachen in größerer Anzahl dorthin zu jenden,
da der Verein eine lebhafte Agitation gegen die Kirchenichulen
entfalten will. Auch betreffs Veranſtaltung eines Vortragszyklus
ſtehen wir mit Luxemburg und mit Paris in Verhandlung.
Da uns wieder eine größere Anzahl ſehr wertvoller Mei-
nungsäußerungen Über die Trennung von Schule und Kirche
und Staat und Kirche zugegangen ſind, ſo beabſichtigen wir im
Laufe des Winters die Antworten auf unſere Umfrage in einem
neuen Flugblatt zu veröffentlichen.
Der Iugendunierricht (für 13--15jährige) in Levenskunde
und Religion8geſchichte mit der Vorſtufe: ethijlcher Anſchauungs-
unterricht (für 10--13jährige), erſterer erteilt von Herrn Dr.
PBenzig (Charlottenburg, Grolmanſtr. 15) lezterer von Fräulein
Lilli Jannaſch (Berlin W 50, Tauenzienſtr. 9, Gartenhaus) ird.
am 15. Oktober wieder aufgenommen.
Die Generalverſammülung des Deutſchen Bundes für
weltliche Schule findet am Sonntag den 30. Oltober, vormittags
um 12 Uhr, vor der Broteſtverſammlung ſtatt. Tage38ordnung*
L Finanzen, 2. Arbeitsbericht, 3. Propaganda.
Ouittung-
Yom 1, Iuli bis 30. September erhielten wir folgende
Beiträge:
Kübler, G. Mk, 2,--2 Sc Mk. 3,--: Kaufmann, Ch.; Kraft,
G.; Weiß, E.; Möbius, N.; Ungewitter, St. Mk, 4,--2 Jannaſc<,
B. Mk. 5,--: Leppin, St.; Löhnberg, H.; Sc B.:; Winzer, D.; Muſer, O.; Perters, W.; Seiß, M.; Foerſter, Ch.;
Neubronner, C. Mk, 6,--: Börner, S.; Fi, Z. MK, 10,--:
Ulmer, Ch.; Gins8berg, B.; Caspari, F.; Leeden, B. Außexr-
ordentlicher Beitrag: Mk. 100,--: Schoeller Z.
Zum Otto Bellinger-Fonds
ſteuerten bei: „In pietätvollex Grfüllung der Wünſc ſtorbenen" N. N. Mk. 15000; Löhnberg, Hamm, Mk. 5.; Scherk,
Berlin, Mk. 10; Lämmerhirt, Berlin, Mk. 20; Grundmann, Olden-
burg, Mk. 3; Willmann, Münden, Nek. 5; Voſſiſche Zeitung,
Berlin, Mk. 5; Röpke, Alzendorf, Mk. 5; Kaufmann, Charlotten-
burg, Mk. 2; Müller, Kokand, Mik. 3; v. D. Leeden, Berlin, Mk. 203.
Henle, Höc pietätvoller Erfüllung der Wünſc Mk. 12720. Summa: Mk. 27 903.
Mit herzlihem Dank
Mk. 1,--2 Hirſ B. Mk, 2,50: Segel, B.
Der Vorßifand.
GRE HERSEEERGEEIEIEIEEEN GENU HE REENGINEERING
Für die Redalktion verantwortlich: Dr. Rudolf Penzig, Charlottenburg, Grolmanſtraße Nr. 15.
Dru und Verlag: O38kar Henſel, Gottesberg.

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