Daß der Sparſamkeit hiermit Nutzen eine Betrachtung
gewidmet werden kann, braucht wohl faum erwähnt zu
werden.
Wohl keine Materie läßt ſo klar die Notwendigkeit einer
elementaren ſittlichen Belehrung anerfennen, wie das Ver-
halten gegen das Eigentum andrer. ES5 werden von
ſchulpflichtigen Kindern jo häufig Vergehen gegen das Eigen=-
tumsrecht verübt, daß die Schule Veranlaſſung hat, ſich der
Erziehung zur Ehrlichkeit ernſtlich und rechtzeitig anzunehmen.
Dies iſt um ſo nötiger, als in gewiſſen Kreiſen das Recht5=
gefühl mit der beſtehenden Wirtjchaftsordnung nicht mehr
übereinſtimmt. Trozdem müſſen wir verſuchen, das Recht
am erworbenen und ererbten Gute den Kindern als natür-
lich darzuſtellen und den Ungriff auf fremdes Eigentum als
unſittlich zu bezeichnen. Da es uns in vielen Fällen aber
nicht gelingen wird, das Rechtsgefühl ausreichend zu ent-
wickeln, ſo haben wir auch zu zeigen, welche Mittel dem
Staat zur Verfügung ſiehen, um das Eigentum ſeiner
Bürger zu ' zeige, welche Maßregel von der Polizei und vom Publikum
getroffen werden, um die Tat ans Licht zu bringen. Man
laſſe auch den Zuſtand des Täters während der Untexr=
ſuchung ergründen und feſtſtelen, ob der Dieb durch die
Tat ſein Los verbeſſert oder verſchlechtert hat. Durch ſolche
Betrachtungen wird das Pflichtbewußtſein vertieft; ein
ſchwaches Rechtsgefühl erhält dadurch eine wirkſame Stüßge.
Wie überall im Sütenunterricht, ſo ſind auch hier die
Erfahrungen der Kinder zu beſprechen. Um dies möglich
zu machen, muß zwiſchen Lehrer und Kinder volles Ver-
trauen herrſchen. Wenn der Lehrer kein Alleswiſſer und
nicht in jeder Beziehung vollkommen fein will, dann werden
auc< die Kinder, falls ſie eine ſchonende Beurteilung er-
fahren, mit ihren Fehlern herausrücken und zu wertvollen
Belehrungen Stoff liefern, um ſo lieber, wenn man ihnen
ſagt, daß die Urſache der jugendlichen Verfehlungen in der
Unwiſſenheit zu ſuchen ſei, von der man ſich eben befreien
mülſe.
Um die poſitive Seite dieſes Gedankens in den Kindern
lebendig zu machen, richte man 1ihre Aufmerkſamkeit auf
Menſchen, denen es an ausreichender Nahrung, ordentlicher
Kleidung und einer neiten Behauſung fehlt, forſche nach
der Urſache dieſer Zuſtände und laſſe nach Mitteln zur Ab-
hilfe ſuchen. Wenn die Kinder das Elend aus der Um-
gebung kennen lernen, dann wird auch der Wille zu helfeu
angeregt werden, und die ſoziale Mithilfe wird ihnen als
ein erhebenswertes Jdeal erſcheinen.
Zu den Angehörigen ſtehi das Kind inbezug auf
das Eigentum in einem ganz andern Verhältnis als zu
andern Menſchen; es ſind daher hier auch andere Forderungen
an ſein Verhalten zu ſtellen. Daß die Bedürfniſſe jedes
einzelnen aus der Familienkaſſe beſtritten werden, weiß das
Kind; für ſein Bewußtſein iſt es wichtig, hieraus den Grund-
ſag abzuleiten, daß alle Angehörigen gleiche Rechte daran
haben, daß keinem geſtattet iſt, in irgend einer Weiſe, ſei
es in der Kleidung, im Eſſen oder im Vergnügen, vor den
andern etwas voraus haben zu wollen. Und dies Ver-
hältnis wird man ſchon hier damit rechtfertigen können, daß
die Angehörigen durch Liebe, die in der Blutsverwandtſchaft
liegt, miteinander verbunden ſind. Durch dieſe Grörterungen
ſol egoiſtiſchen Anlagen, wie der Unbeſcheidenheit, der
Habgier, der Ueberhebung u. a., der Boden entzogen werden,
damit ſie ſich nicht zu Charaktereigentümlichkeiten entwickeln.
Das Familienleben bietet aber auch Gelegenheit, alle
guten Eigenſchaften, wie Genügſamkeit, Freigebigkeit, EGnt-
ſagung und Hilfsbereitſchaft im Kinde zu entwickeln, nament-
lich dann, wenn die Mittel der Familie beſchränkt ſind und
einzelne Angehörige beſonderer Pflege bedürfen. Solche
Verhältniſſe und ihre eingehende Behandlung bildet einen.
wichtigen ethiſchen Anſchauungs8unterricht für die ganze Klaſſe.
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vater wird in ſeinem Einkommen herabgeſeßt.
Den Stoff für dieſe Beſprechungen nehme man auch
hier aus den Erfahrungen der Kinder. Eine wertvolle
Betrachtung liegt auch in folgender Aufgabe : Gin Familien-
Welche Ein-
ſc den Ausfall zu decen ?
Im 3. Sculjahr, wo die Heimats8kunde aufzutreten
pflegt, kann auch die Bedeutung des Gemeinweſens
den Kindern zum Bewußtſein gebracht werden. Für Ver-
faſſung8s= und WVerwaltungsfragen werden ſie ſich nicht
intereſſieren, wie überhaupt der Begriff Staat ihnen nicht
völlig klar werden wird; aber ſie werden begreifen, daß die
öffentlihen Gebäude und alle ſonſtigen öffentlichen Gin-
richtungen von allen gemeinjam unterhalten werden, daß
ſie jedem einzelnen nüßen und daher als Eigentum der
Geſamtheit anzuſehen ſind, das niemand beſchäftigen darf. (Es
iſt dies ein Gebiet, das bis8her der heimatkundliche Unterricht viel-
fach behandelt haben wird, das aber noch mehr für die ethiſche
Bildung verwertet werden kann. Zn dieſem Unterricht
kommt es nicht ſo jehr darauf an, wie eine Ginrichtung,
3. B. die Waſſerleitung, im einzelnen beſchaffen iſt und wie
ſie arbeitet, ſondern darauf, zu zeigen, daß die Menſchen durch
ihre Bedürfniſſe gezwungen worden ſind, ſie zu ſchaffen, daß ſie
jedem Vorteil bringen und ihre Beſchädigung jedem ſchadet.
Auf dieſe Weiſe erhält das Kind einen Begriff vom Weſen
und von der Notwendigkeit des gemeinjamen Handeln38;
dadurc< wird der Solidaritätsgedanke in ihm geſtärkt. Daß
der Staat Schußleute angeſtellt hat, die über das öffent-
lihe Eigentum wachen, iſt gewiß auc< ein erziehlicher
Gedanke ; daneben iſt aber in Beiſpielen zu zeigen, wie der
einzelne gelegentlich den Schumann unterſtügen und der
Geſamtheit nüßen kann.
Zur Beſprechung eignen ſich das Schulweſen, der
Straßenbau, die Straßenbeleuchtung, die Kanaliſation, die
Waſſerleitung, die Krankenhäuſer, die Strafanſtalt, gärt=
neriſche Anlagen uſw. Die Notwendigkeit einer guten
Waſſerleitung würde durc 1892 in Hamburg auftretenden Cholera trefflich begründet
werden können. |
Der ethiſche Unterricht ſol die Kinder nicht nur für
die nächſtliegenden Pflichten erziehen, jondern er ſoll auch
planmäßig einer vernünfügen Erfaſjung des Yatur-
ganzen und ſeiner Kräfte dienen. Es dürfte daher im
dritten Schuljahre angebracht ſein, den Bli> anf das Welt-
ganze zu richten und den Begriff Natur zu veranſchaulichen.
Indem man das tut, entſteht im Kinde die Vorſtellung von
einem unendlich Großen und Schönen, das Bewunderung
und Ehrfurcht erzeugt; eine derartige Beſprechung iſt durc ein geeignetes Gedicht zuſammen zu faſſen.
Vor allen Dingen aber ſoll das Kind in zehnien Jahr
einen Begriff davon erhalten, wie der menſchliche Geiſt mit
Hilfe der Naturkräfte das Wohlergehen dex Menſchen ge-
fördert hat. E8 muß ihm klar werden, daß der materielle
und ideelle Fortſchritt ein Werk der Menſchheit iſi, die ſeit
Jahrtauſenden beſtrebt iſt, das Leben zu ſichern und zu ver-
vollkommnen. Dieſe Vorſtellung wird wirkſam geſördert
dur< einen Einblick in die Geſchichte der Kultur. Robinſon
Cruſoe wird hier wertvolle Anhaltspunkte bieten.
Sind die Kinder in den drei erſten Schuljahren in
dieſer Weiſe unterrichtet worden, ſo werden ihnen Leben,
Geſundheit und Eigentum, die erſten Jdeale des Menſchen,
als wertvolle Güter erſcheinen; ſie werden auch diejenigen
Pflichten, deren Beobachtung man jetzt ſchon von ihnen er-
warten kann und im allgemeinen Intereſſe erwarten muß,
in ihr Bewußtſein aufgenommen haben. Außerdem aber
werden Fühlen, Denken und Wollen eine ſittliche Richtung
eingeſchlagen haben, was für die weitere Entwickelung von
ausſc von dem ethiſchen Unterricht auf der Unterſtufe nicht er-
waiten dürfen.

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