vil
gemeine Schul-Zeitung.

Dienſtag ,
28. Mörz



Ueber die Nothwendigkeit beſſerer Einrichtungen für
den gymnaſtiſchen eten bei den öffentlichen
ulen.
Seit länger, als einem halben Jahrhunderte hat die Päda-
gogitk „Mens sana in corpore Sano“ zu ihrer Lojung gemacht
und verſchiedene Maßregeln ergriffen , um dieſem Gedanken die
rechte Bedeutung und praktiſche Geſtaltung zu geben. Ueber-
ſiebt man, was bis heute für die körperliche Erziehung der jungen
Geſchlechter gethan wurde, ſo iſt das ſc werth , keineswegs aber im Allgemeinen hinreichend, um dem
unverkennbaren Bedürfniſſe aucF nur annähernd zu genügen.
Inſofern die Gymnaſtik den Mittelpunkt der phyſiſ ziehung ausmacht, kann es fich gegenwärtig weniger darum
handeln, die Nothwendigkeit und Nüßklichkeit derſelben für unſere
Sculjugend nachzuweijen, da nur einige oberflächliße anthro-
pologiſche und diätetiſche Kenntniſſe hinreichen, um die Heilſam-
feit der Muskelaction , wie ſie durch einen rationellen Turnun-
terriht hergeſtellt wird, zu begreifen. Es follen auch hier nicht
viel Worte darüber gemac Über beifommen ſollten : ob die Gymnaſtik zweFentſprehend und
unſeren gegenwärtigen Culturverhältniſſen nothwendig ſei, dem
rathen wir Prof, Ideler's: „Diätetik für Gebildete. Halle,
1848." einzuſehen. Bei Leſung ſolcher Schriften muß man
fich füglih wundern? wie wenig eigentlic die Pädagogik von
den Forſchungen der neueren wiſſenſchaftlichen Heilkunde Notiz
nahm und wie laſſ fie damit verfuhr, der Geſundheit in den
Schulen durch thatkräftiges Einſchreiten den nöthigen Vorſchub
zu leiſten. Schon einmal hat der vor Kurzem verſtorbene Me-
dizinalrath Dr. Lorinſer die Pädagogen mit Shredbildern
beunruhigt und, troß der ihm entgegentretenden Dppoſition, der
Jugend nicht unbedeutende Vortheile verſchafft, wozu die ſeit
dem Lorinſer'ſ chen Schulſtreite datirende allgemeinere Einrichtung
von Schul-Turnanſtalten zu rehnen iſt, Prof. Jdeler macht
freilich den Shulmännern, welche damals allerlei Widerſprüche
gegen die nachdrülic in der SHulerziehung erhoben, kein beſonderes Compliment,
indem ſie ihm zum Beweiſe dienen, „daß uner Zeitalter noh
viel zu ſehr in ſ es feine wichtigſten Angelegenheiten mit reiner Naturanſc auffaſſen könnte.“ Die Aerzte haben in dieſem Sinne von je-
her mit der Pädagogik im Widerſtreit geſtanden, wenn dieſelbe
dur< ihre Forderungen und Maximen die Naturgrenzen Über-
ſhritt odex den Lebensproceß in ſeinen wichtigſten Intereſſen
beeinträchtigte. Von dieſem Geſfichtspunkte aus muß eine Shrift
als für Erzieher ganz beſonders wichtig genannt werden, die
unter dem Titel:

Blutarmuth und Bleichſucht , die verbreitetſten Krankheiten unz
ferer Zeit, beſonders unter der Jugend. Für Eltern und
Erzieher, Kranke und Aerzte geſchrieben von Dr. Hex-
mann Cberhard Richter, Prof. der Medizin in Dres-
den. Leipzig, Sc 185 4.
FN? 37.

erſchienen iſt. Der Vf. gehört der neueren phyſiologiſchen
Schule an, deren reihe und bewundernswerthe Fortſchritte
viel zur Aufflärung über das eigentliche Weſen der Kranfhei-
ten beigetragen haben. In dem vorſtehenden Werke hat er es
unternommen, einen ſpeciellen Krankheitszuſtand in ſeiner Ent-
ſtehung, feinem Verlaufe und ſeinen Symptomen einer beleh-
renden Beſprechung für Laien zu unterwerfen. „Blutarmuth
und Bleichſucht , ſagt Prof. Richter, gehören no allgemeinſt verbreiteten Krankheiten in unſeren Gegenden, und
no< immer findet man , daß dieſe Thatſache vielen Eltern und
Erziehern und ſogar vielen Aerzten ganz unbekannt iſt, daß die
zur Verhütung dieſer Uebel und ihrer traurigen Folgen uner-
läſſlichen Borſichtsmaßregeln verabſäumt werden, daß insbeſon-
dere die körperliche und geiſtige Erziehung und Pflege der Kin-
der auf's Schauderhafteſte verwahrloſt wird, und daß man dann,
wann ſich die Übeln Folgen davon in den Symptomen begin-
nender Blutarmuth zeigen, oft noh dieſe verkennt und zu den
verfehrteſten Heilmitteln greift.“ Man wird durc< das Rich-
ter'ſhe Buh vollſtändig darüber aufgeklärt: wie das Blut den
Mittelpunkt alles bildenden Lebens im menſchlihen Organi8mus
bildet , und wie zahlreiche Störungen im Lebensproceß eintreten
müſſen , wenn das Blut nicht geſund und lebenskräftig iſt. Um
den ganzen Körper, die Muskeln, Nerven und Knochen ern äh-
ren zu können, wie es ſeine Beſtimmung iſt, darf das Blut
in ſeinen Strömungen dur< den Körper nicht gehemmt werden
und darf ebenſo kein Mißverhältniß in der Miſc nothwendigen Beſtandtheile zeigen. Auf Grund wiſſenſ Forſchungen und ſorgfältiger Beobachtungen in ſeiner ärztlichen
Praxis weiſt Prof. Richter alle die Schädlichkeiten na<, welche
namentlich in den Shul- und Wacsthumsjahren der Kinder
den Grund zu den höhſt nachtheiligen Abnormitäten im Blut-
ſyſtem legen. Die in dem wichtigen Buche behandelte Krank-
heit iſt ein von der geſammten körperlichen, beſonders der Mus-
felentwifelung abhängiger Zuſtand, der in der Sclaffheit
der Adern und Muskeln, in Herzbekflemmung und Athembe-
ſhwerde , in Nervenzufällen und geſtörter Verdauung ſi< kund
gibt. Oft zeigt ſie fiſh ſhon bei Säuglingen, die ſchlecht ge-
nährt werden und beim Mangel nahrungskräftigen Blutes ſogar
Hungers ſterben können. In der Folge wird das Wachsthum
der Kinder gleichfalls unzureichend unterſtüßt. Die armen Kin-
der erhalten meiſt ſtatt nahrhafter Kojt Kartoffeln, ſ Brotſorten , Cichorienkaffee 2c,, während die wohlhabenderen mit
LeFereien, Thee 26. reichlich) verſorgt werden. Ein blaſſes wäſ-
ſeriges Blut fließt dann den Kindern in den Adern, und das
in einer Zeit, wo die Blutbildung von größter Bedeutung iſt,
Hören wir den Vf. ſelbſt: „No< häufiger aber kommt die
Blutarmuth , als entſchieden allgemeinſte Kinderkrankheit unſeres
Landes und unſerer Zeit, in dem ſchulfähigen Alter der Kna-
ben und Mädchen vom 5. bis 12. Jahre vor, und ſie iſt hier
au< weſentlich mit bei demjenigen betheiligt, was man in die-
ſem Alter die ſcrofulöſe (drüſenkranke) Anlage nennt (zarte
an Farbenſtoff arme, wachsartig dur<ſc und violette dur<ſ

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