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frieren hinzu , und ſo wächſt der Eisberg an Höhe und Umfang.
Das Ganze der Gletſcherwelt hat das Anſehen eines ungeheu-
ren erſtarrten Meeres , das theils zwiſ und Graten der Alpenhäupter aufgeſtaut liegt, theils in breiter
Flut über alle Hochrücen herabwallt, oft mühſam durch j Thäler fich drängt und die verſchiedenen Zuflüſſe aufnimmt, in
einzelen Stromarmen aber tief naß den untern Thalbuchten ab-
fließt, wo es durc wie durc< ein Zauberwort feſtgebannt, ſtumm und ſtarr herein-
hängt. Alles organiſche Leben flieht dieſen Bezirk bis auf we-
nige wunderlihe Ausnahmen. Die Gemſe weicht ihm aus, bis
die Todesangſt ſie Über ihn hinjagtz der Vogel findet keine
Beute auf ihm; felbſt das Inſekt meidet den blumenloſen Schutt
und ewigen Froſt der Eismeere mit einziger Ausnahme des
Gletſ auf und nieder. Jeßt erſcheinen dieſe Regionen grün und
loFend, wenige Minuten ſpäter mit düſterem Flor umhüllt, bald
darauf mit weißem Gewand bekleidet. Bewundernd fc Auge den Zauber, der dort oben , wie auf einer Reihe phan-
taſtither Feengärten und Schlöſſer vorgeht. Und nun gar die
unendlich ſchöne Berflärung diefer Sc Purpurglanz der ſinkenden Sonne (das Alpenglühen)! Ein
jolher Anbli> gehört zu den ſ irgendwo gewährt.
Aber neben diefen Schönheiten wohnt der Shre&en! Fällt
im Sommer plötzlich oder lange naH einander eine größere
Waſſermenge, oder löſt im Herbſt der Fönſturm *) mit fürchter-
licher Gewalt die frühen Schneemaſſen der Berge auf, und folgt
ihm ein tüchtiger Regen, ſo ſchwellen in wenigen Stunden die
Wildbäche (Runfen) zu ſhrelihen Strömen auf und ſtür-
zen ihre fluthenden Waſſer über die Bergflähen. Hoh oben
fieht man ſie auf mildgeneigten Triften gelbe Fluten ſammelnz
in jähem Falle reißen fie mit raſender Gewalt die größten Fels-
blöFe durc ihr Bett hinab , führen aufre Geröll , Sand und Erde in ſ dehnen fich dem Thale zu, oft plößlih dur Anſtrengungen aus dem Bette geworfen, über bebaute Wieſen

*) Der Fon iſt ein äußerſt warmer Wind, der aus den brennenden
Sandwüſten Afrika's herüber bis in die Schweizeralpen hineinweht.
Die atmoſphäriſchen Erſcheinungen, die ihn begleiten , ſind ſehr
huübſ<. Am ſüdlichen Himmel zeigi fich ein leichtes Schleiergewölbe,
das fich an die Bergſpizen ſeßt. Die Sonne geht am ſtarkgeröthe-
ten Himmel bleich und glanzlos unter. Die oberen Wolken glühen
no< lange in den lebhafteſten Purpurtinten. Die Nacht bleibt
ſchwül, thaulos, von einzelen kältern Luftſtrömen ſtrichförmig dur<-
zegei. Der Mond hat einen röthlichen trüben Hof. Die Luft ex-
hält den höchſten Grad von Klarheit und Durchſichtigkeit, ſo daß
die Webirge viel näher ſcheinen; der Hintergrund nimmt eine bläu-
lic<-violette Färbung an. Die hohen Wälder beginnen fern zu
rauſchen, die Vergbäc unruhiges Leben ſcheint überall rege zu werden und dem Thale ſich
zu nähern. Mit einigen heftigen Stößen kündet ſich der angelangte
Fön an, worauf oft plößlich Stille der Lüfte folgt Um ſo hefti-
ger brechen die folgenden heißen Früfſuten in's Thal und ſchwellen
vſt zu raſenden Orkanen auf, die 2 =-- 3 Tage mit abwechſelnder
Gewalt die Region beherrſchen, die ganze Natur in unendlichen
Aufruhr verſezen, Bäume in die Tiefe ſchleudern, Felsſtü>e [os-
reißen, die Wildbäche anfüllen, Häuſer und Ställe abde>en und
zum Screen des Landes werden. ZIm ganzen Berggebiete bewir-
fen ſie enorme Schnee- und Eisſchmelzungen, verändern dadurch
mit einem Shlag das Bild der Landſchaft und zaubern in wenigen
Tagen eine unglaublich raſch fich entwi>elnde Vegetation hervor,
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und Ae>Fer aus. Der Donner dieſer Stürze , das Poltern und
Krachen der Übereinander wildhingeworfenen Steinblö>e tönt
weit dur< Berg und Thal und erfüllt die Bewohner des Ge-
ländes mit Entſegen. Mit Stangen, HaFen und Schaufeln
eilen fie auf die Wuhrdämme, um die Aufſtauungen möglichſt
zu hindern und zu zertheilen , Alles, was eine Schaufel rühren
kann, ſteht hilfreich an den empörten Runſen, und das Screien,
Rufen, Jammern der Menſchen miſ Felstrümmer. Wer einmal in einer bangen Mitternacht dieſem
gräßlihen Schauſpiel beigewohnt, vergißt es nie wieder. Die
ſ<önſten Wieſen werden in wenig Stunden mit 10--12' hohem
Schutt überführt und auf ewig zu todten Steinhaufen und
Sandwüſten verwandelt, aus denen nur no< die Kronen der
Obſtbäume traurig hervorragen. Nicht ſelten verändert die
Runs plößlich ihren Lauf, reißt Häuſer und Ställe mit Blißes-
ſchnelle fort und vertilgt im Nu das Beſizthum vieler Familien.
(Schluß folgt.)
Geſang.
Lebensfrühling. Kinderlieder von Karl Enslin, für Sule
und Haus ein-, zwei- und dreiſtimmig componirt von
Benedict Widmann. Bevorwortet von Ernſt Hentſchel.
Leipzig, C. Merſeburger. 1858. 1% Sgr.
Die Ueberſchrift iſt von der Gedichtſammlung von Karl Ens-
lin hergenommen, welche im Jahr 1854 in Leipzig bei Fried-
rig Brandſtetter in 3 weiter Auflage erſchien. Sie fand überall,
wo Kinderfreunde leben, freudigen Eingang und Anklang, weil
fie kindliche, einfache, allgemein gehaltene Gedichte enthält, welche
entweder erheiternd oder friſch belehrend auf das Gemüt und
das Gemütsleben wirken. Es bli>t durc< die Gedichte nicht
die gemachte Moral mit zu ſ dur< ihr zwar leichtes, aber do Und dazu fommt, daß viele von ihnen ſingbar ſind. Deßwes-
gen wurden ſie von verſchiedenen Componiſten benußt, und ich
ſelbjt nahm jogleih nac< ihrem Erſcheinen in meinen „Erzie-
hungsſjtoffen“ 11. Th. auf dieſe friſchen Blüten RüFſicht, indem
Hr. Lehrer B. Widmann in Frankfurt a. M. namentlich neue
Melodieen dazu componirte. Man nahm Texte und Melodieen,
au< in pädogogiſ jehr dankenswerth , daß der zu Kinder-Compoſitionen befähigte
Hr. B. Widmann ſeine Melodieen ſammelte und ſie nun hier
in einem Hefthen, 33 Lieder ſtark, dem Haus und der Schule
bietet. Hr. Ernſt Hentſchel, dieſer waere muſifaliſc ſteller und genaue Kritiker, fagt in einem kurzen Vorwort Fol-
gendes? „Die anmuthigen und gemütsvollen Dichtungen Karl
Enslin's, wel gend dargeboten hat, find, wie das Erſ lage des Buches beweiſt, gern auf - und angenommen worden.
(Es wird nun den Kindern zur Freude gereichen, wenn ſie man-
ſondern auch ſingen können, und darum werden ſie die gegen?
wärtigen friſchen und klangreihen Tonweiſen gewiß willkommen
heißen. Möge in recht vielen Familien dieſe Freude empfunden,
dieſes Willkommen ausgefprohen werden!“
Au< ich fage? „Möchten ſie in vielen Familien und Shu-
len Eingang finden! Sie find alle gemütlich, kindlich-fromm.“

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