Allgemeine Schul-Zeitung.

Samſtag , 8. April




Die Verbindung von Geographie und Naturgeſchichte
im Volksunterricht.
(S Nicht minder furchtbar werden bisweilen die Lauinen (La-
winen). Wenn im Winter oder Vorfrühling ein thauiger, lauer
Sommertag über der weichen, klafterdi&en Shneehülle der Berge
Feht, und nun oben ein GlöFchen tönt, ein Raubthier ſ oder ein Brödelchen fällt, ſo löſt fich von der Sc zarte Flo>e und rieſelt um einen Zoll tiefer. Der weiche, naße
Flaum, den fie unterwegs küfſet, legt fich um dieſelbe anz; ſie
wird ein Knöllhen und muß nun tiefer nieder als einen Zoll.
Das Knölihen hüpft einige Hand breit weiter auf der Dach-
lenfung des Berges hinab: ehe man dreimal die Augen ſchließen
und wieder öffnen kann, ſpringt ſhon ein rieſenhaftes Haupt
über die Bergesfiufen hinab, von unzählichen Knöllchen um-
hüpft , die es ſ macht. Dann ſ Bergwand wird es lebendig und dröhnt. Das Krachen, welches
man ſodann heraufhört, als ob viel tauſend Späne zerbrochen
würden , iſt der zexſchmetterte Wald. Das leiſe Rechzen ſind
die geſchobenen Felſen == dann kommt ein wehendes Saufen,
dann ein dumpfer Knall und Schlag == = =- dann Todten-
ſtille == nur daß ein feiner weißer Staub in dex Entfernung
gegen das reine Himmelsblau emporzieht , ein kühles Lüftchen
vom Thal aus gegen die Wange des Wanderers ſchlägt, der
hoch oben auf dem Saumwege geht, und daß das C tiefen Donner durch alle fernen Berge rollt. Dann iſt es aus,
die Sonne glänzt, der blaue Himmel lächelt freundlich, der
Wanderer aber ſ Geheimnis, das jezt tief unten in dem Thalgrunde begraben
iſt. = Weniger gefährlih, als ſolche Staublauinen ſind die
Grundlauinen, die im Frühling bis in den Vorfommer hin-
ein entſtehen. Der Fön oder anhaltende Sommerwärme löſt
große Schneefelder von vielen 1000 Q. F. auf, unierfeipßt ſie
theilweiſe , zieht Waſſerrinnen durc) ſie und erxweicht ihre Unter-
lage ſ9, daß bei geringer Veraniaſung oft ganze Streden
gleichzeitig in's Rutſchen kommen. Die tieferen Schneefelder
hängen fich an, löſen ſich leicht vom exweichten jhwellenden
Boden , Alles ballt ſich zuſammen, reißt Überall neue Scnee-
felder mit, nimmt Erde, Schutt, Steine, BlöFe fort und don-
nert ebenfalls ſtromartig , aber in gedrängteren Maſſen Über die
Felswände oder durch die gewöhnlichen Fur züge in die Tiefe. Dieſe Gebilde ſtieben, weil ſie ſich feſter
hallen , niht ſo reihlih in die Luft auf, wie die troFenen
Staublauinen , deren Millionen Staubperien die Atmoſphäre
leuchtend erfüllen ; verurſacgen darum au< keinen bedeutenden
QLuftdruF und ſ auf derſelben eine Maſſe von Erde aufwühlen, oft auc, doh
ſeltener , als die Staublauinen, verheerende Bahnen durch die
Hohwälder brechen. =- Neben dieſen großen Lauinen bilden fich
vom Januar bis April in allen Aipen zahlloſe kleinere aus [o-
ſem Schneegeſchiebe. Sie hängen , wie Schleier an den Fels-
18954.

N 42.


wänden , jammeln ſich auf einem Grasbande wieder und ſtürzen
ſi; no< Über eine Gallerie hinunter, wo jie gewöhnlich ein
eigener Trichter oder Kefjel aufnimmt. Es gibt einzele Bergs-
furchen, in denen den ganzen Frühling pur ſolche Lauin fließen. Da donnern die Höhen unaufhörlich ; die Scleier
wallen von allen Seiten über die Felsteraſſen und ſcheinen in
den Lüften zu verſchwinden , wenn ihr Trichter, wie gewöhnlich,
dur< einen vorderen Bergauffaß verhüllt iſt. Es iſt dieß jo
eine eigene Art, wie der Frühling in den Alpen ſich einzuläu-
ten pflegt, daß die Kinder des Thals in der Fremde fich gar
nicht daran gewöhnen wollen, einen Frühling ohne jene rau-
ſchenden Silberbänder kommen zu jehen.
Viel ſchrecklicher, aber zum Glü> auch bei weitem feltener,
als die vorübergehenden Verheerungen der Runſen und Lauinen,
find die Erd- oder Bergſtürze. Der fruchtbare Boden, wels
her einen Bergabhang bede&>t, ruht häufig auf einem Thon-
oder Mergellager, das von der Feuchtigkeit immer mebr und
mehr aufgelöſt und untergraben wird. Kommen dann ungewöhn-
ſich Farke, Regengüſſe , ſo löſt ſich die ganze obere Bergſ mit Wäldern und Gebäuden von ihrer Grundveſte und ſchießt
mit zunehmender unwiderſtehliher Gewalt in das Thal, biswei-
len ſelbſt über dasſelbe hinaus bis auf die gegenüberliegenden
Abhänge der Berge. Der lette und einer der gräßlihſten Fälie
dieſer Art ereignete ſih am 2. September 1806, wo plößlich
um 5 Uhr Abends ein 1000 F. breiter und 100 F,. vi&er Nb-
hang des Ruffiberges, im Canton Shwyz, ſim ablöſte und
einer ungeheuren Lauine gleich, das Soldauer und Büßinger
Thal bede&te und einen Theil des Lauerzer See's verſchüttete.
Die Dörfer Goldau, Büſingen , Ober - und Unter-Röthen und
mehrere Häufer von Lauerz mit etwa 450 Menſchen wurden
unter dem Schutt begraben. Die ganze Gegend iſt dadurch
verwandelt und verödet worden.
Der Wärmegrad der Alpenlande iſt höchſt mannichfaltig
man ſhmachtet vor Hiße und zittert vor Kälte, ehe die Sonne
den Bogen vollendet. Unten im Thal zwiſchen den erhißten
Gebirgswänden könnten theilweiſe nicht bloß Mandel und Wfir-
fiche, nein, ſelbſt die Drange jeder Art gedeihen; aber an Den
mitternächtlihen Gebirgsſeiten in den ſchattigen Thalgründen,
am rauſchenden Laufe eines Gießbac früh und ſpät tritt ſie felbſt in die wärmſten Thäler, man
friert, wo man vor wenig Stunden no man aus dem Thale zum Gipfel einer Alpe hinan, jo macht
man nach den Wärmegraden in wenigen Stunden eine Reife
aus dem heißen Italien na< dem ſtarren Nordpole, im Ge-
biete des ewigen Winters. Die Pflanzenwelt der Alpen-
lande vereinigt darum auch die Producte dex entgegengejeßB-
teſten Klimate 3; auf den Höhen der Berge wachſen Pflanzen,
ähnlich denen von Spißbergen, und in einigen tieferen Thä-
lern, beſonders in Wallis , gedeihen Feigen, Granaten UND
andere Südfrüchte in freier Luft.*) =- Unter den der Alpen-
>) Die Beſchreibung dieſer Pflanzen würden wir bei der Geographie
Italiens einreihen z die der übrigen wurde oben in allgemeinen
Zügen gegeben.

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