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[gemeine Schul- Zeitung.

Dienſtag , 18. April
1854
NN? 46.

Oſterprogramm des Gymnaſiums zu Darmſtadt.
Das dießjährige Oſterprogramm des Großherzoglihen Gym-
naſiums zu Darmſtadt, verfaſſt und herausgegeben vom Gym-
naſialdirector Oberſtudienratb Dr. K. Dilthey, iſt fo vollge-
haltig ,- daß eine Angabe ſeiner Hauptbeſtandtheile und eine
Hindeutung auf ſeine Grundgedanken und wichtigſten Ergebniſſe
allen willkommen ſein wird, denen das Ganze gar nicht oder
erſt ſpät zu Händen kommt. Den Kern der auf 58 KQuart-
ſeiten enthaltenen Schrift bildet eine geiſtvolle wiſſenſhaftliche
Erörterung über den pädagogiſchen Werth der griechiſchen Dich-
ter (S. 4 =- 20). Aus ihr leuchtet die Umſicht und gereifte
Erfahrung eines S und mit Geiſt gepaarte Gelehrſamkeit eines Polyhiſtors hervor.
In dem Verſuch , die geſammte griechiſche Poeſie einer pädago-
giſchen Kritik zu unterwerfen, blieben die Hauptwerke des Ho-
mer und der Tragiker ausgeſchloſſen, „weil ſie in allen Bezie-
hungen zwei geſonderte, um ihrer Wichtigkeit willen aller Ver-
miſ wo Über die Gefammtheit eines Autors kein Zweifel obwaltet,
muß eine Auswahl zuläſſig und na< pädagogiſchen Motiven
im Einzelen um ſo mehr genau feſtgeſtelt werden, je
nothwendiger Beſchränkung des Unterrichts bei Erweiterung der
Unterrichtsmittel geworden iſt. So gewiß aber Ariſtoteles Recht
hat, die Poeſie und Muſik in ſoweit dem Staat als Erziehungs-
mittel zu empfehlen, als ſie Ausdrus einer ethiſchen Kraft ſeien,
die in geiſtiger Reinigung fich äußere und darum die Bildung
der Jugend beſonders fördere. ſo gewiß müſſen wir auch der
Pädagogik die Berechtigung zuſchreiben, nac< ihren Bedürf-
niſſen und Grundſäßen die Literaturen der Völker zu durc und das ihr preiswürdig Erſcheinende aus denſelben auszuhe-
ben und für ihre Zwe&e zu verarbeiten. „Im Allgemeinen
kann fein Zweifel darüber obwalten, daß das als claſfiſch
Anerkannte zugleich auch in pädagogiſ das Wichtige und vorzugsweiſe Brauchbare ſein müſſe,
denn die Literatur im Dienſte der Pädagogik kann
feinen andern Zwe haben, als mit dem Trefflich-
ſten den jugendlichen Geiſt zu nähren, und dazu iſt das
Beſte eben gut genug. Es wird darum in der eigentlich elaſ-
fiſchen Zeit bis auf Alexander herab vorzugsweiſe das geiſt-
nährende Element der griechiſchen Poeſie zu ſuchen ſein,
und wir können au Alexandriniſchen Grammatifer in Aufſiellung des Kanon einen
feinen Sinn bewährt baben.“ Darum iſt Apollonios Rhodios
niht aufgenommen worden, weil eine gleichmäßig dur Mittelmäßigkeit keinen Anſpruc< auf Claſſieität gibt, Und doh
erweiſt ſich Einzeles, was claſſiſc< vollendet iſt, in pädagogiſcher
Beziehung theils als ganz verwerflih, theils als minder zu-
läſſig , oder erſcheint umgekehrt das claſſiſc<; minder Vollendete
gleihwol zur pädagogiſchen Lectüre brau würdig. Für den erſten Fall mag Pindar, der nur auszugs-
und probeweiſe in unſeren Schulen Eingang finden kann, und
Pädagogiſchen

von dramatiſchen Werken die Bacchantinnen des Euripides , für
den 2. Fall eine Anzahl delphiſcher Orakelſprüche als Beiſpiel
dienen. Verfolgen wir die Verſchiedenheit des Claſſiſchen und
weiter, ſo iſt ohne Zweifel die erjte und
dringendſte Anforderung die, daß das na< heutigen Begriffen
und Verhältniſſen ſittli< Anſtößige und Verderbliche
von dem leßteren ausgeſ Theil der Poeſie mit Excommunication belegt werde. Aber wo
die Grenze zu ziehen ? In zweifelhaften Fällen ſoll zur Wah-
rung ſittlicher Rücſichten lieber zu viel, als zu wenig geſ „verſteht fich, daß man nicht von vorn herein auf jenem Stand-
punft forcirter Pruderie ſtehe, auf welchem die ganze homeriſche
Götter - und Heldenwelt und die geſammte Handlung in der
attiſGen Tragödie mit dem Makel der Sittenverderbhniß ſtigma-
tiſirt erſcheinen.“ =- Auf der anderen Seite muß die moral-
predigende Poeſie ausgeſchieden werden, „die aller poetiſchen
Begeiſterung baar und ledig etwa die rechte Mitte zwiſchen zwei
Fehlerhaften Extremen in der Mittelmäßigkeit zu ſuchen empfiehlt
und damit no< obendrein etwas Wichtiges und Geiſtreiches
geſagt zu haben vermeint.“ Demnach kann ein ganzer Th e09-
gnis [9 wenig, wie ein ganzer Anakreon und Babrios em-
pfohlen werden. =- Ferner muß Alles, was durc< die Verän-
derung der Zeiten an ſich Überflüſſig, bedeutung slos
und unfaſſbar geworden iſt, und ſomit die griechiſche Antho-
logie als Geſammtheit, von der Scullectüre ausgeſ bleiben. In wie weit das Einzele jenen Begriffen anheim fällt,
wird freilih von der Bildungsſtufe der Schüler und den ſub-
jectiven Anſichten des Lehrers abhängen und nicht von Allen
gleicß beurtheilt werden. Einen beahtenswerthen Fingerzeig bei
der Werthbeſtimmung wird Übrigens auc< hier die deutſche Ueber-
ſezung geben. „Was in Herder*s und Humboldt's Ueberjezungen
des Pindar, in Weber's Elegikern, in Droyſen's Ariſtophanes
in Jacobs* Tempe u. ſ. w. nicht gefällt, davon läſſt ſich an-
nehmen, daß auc< das Original nicht zu pädagogiſchem Ges-
brauche geeignet ſei.“ Dieſer pädagogiſ dings vom philologiſhen Urtheil ab. „Denn während dieſes
jede auf Ueberſezung gegründete Würdigung mit Recht als un-
ſtatthaft verwirft, thut die Pädagogik micht minder Re zu verlangen , daß Alles, was ausdrüli Nachbildung in metriſcher Form geboten wird, auß no< immer
anſprehend und werthvoll ſich erweiſen müſſe.“ Wurde bisher
vom pädagogiſchen Standpunkte Manches für unzuläſſig befun-
den, was die philologiſc ſo iſt doh auc das Gegentheil nic Beiſpielen literariſch - oder hiſtoriſm wichtiger Einzelheiten nach-
gewieſen wird. So wird namentli Poeſie ruhende Befruchtung für's Chriſtenthum ein großes Ge-
wicht gelegt und auf ein Element hingewieſen , was Rf. als den
Zweten- der Schule widerſtreitend lieber unberührt liegen laſſen
möchte. „Wir wollen nicht nachweiſen, wie chriſtliche Tu-
genden dur< die griech. Boeſfie gefördert werden
können, denn wir haben kein Re li< zu nennen, was in dem Charakter der Huwani-

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