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rechtzeitiger Benutzung theilen wir unſern Leſern vier in fich
abgerundete Abſchnitte aus dem Kommentare hiernächſt mit.
| K. W.
Die Pädagogen des 18. Jahrhunderts.
Das ganze 18. Jahrhundert könnte man füglich das Jahr-
hundert der Erziehung nennen; in keinem treten die Schrift-
ſteller ſo entſchieden als Lehrer auf, die ſim bewußt oder un-
bewußt die Hand bieten, um den Unterricht fruchtbar und
erfolgreih zu machen. Gottſ der GElementarlehrer, der den noch unentwi&elten Zöglingen in
einer für ſie paſſenden Form die Anfangsgründe der äſtheti-
ſhen Erziehung mittheilt ; Bodmer, Breitinger, die
ſächſiſ, die Popularphiloſophen, mit
Einem Worte jeder der nachfolgenden erweitert den Geſichts-
freis , erläutert, ergänzt, verändert , widerlegt , vernichtet die
früheren Anſichten und eröffnet neue Bahnen, bis Leſſing
mit ſeinem Rieſengeiſte alle dieſe Begriffe zum Abſchluſſe
bringt, aus deſſen Händen die Zöglinge in jol vorgehen , daß fie nun ſelbſtändig im Leben ſtehen und Werke
vollendeter Kunſt hervorbringen können. (Es wäre nicht ſchwer
nachzuweijen, daß dieje Beſtrebungen ganz den Gang einſc gen und verfolgten, welchen Leſſing in der Erziehung des
Menſ geiſtes iſt es ganz begreifli<, daß die Erziehung im engern
Sinne die Aufmerkſamkeit der Schriftſteller auf ſich gezogen
hat; fie fühlten, daß fie in ihrem Beſtreben, das Volk zu
erziehen, nur dann ganz glüFlißh ſein könnten, wenn die
Jugend eines beſſern Unterrichts theilhaftig gemac Daher finden wir auch in einer Unzahl von Scriften gelegent-
lim mehr oder weniger ausführliche, mehr oder weniger glüds=
lihe Bemerkungen über Erziehung eingeſtreut .. .. .
So wird kaum ein Roman gefunden werden, in welchem der
Verfaſſer nicht die Gelegenheit ergreift, ſeine Anſichten über Er-
ziehung und Bildung der Jugend anzubringen; ſtatt vieler nennen
wir nur Sophiens Reife von Memel nach Sachſen von Her-
mes, in welchem ſi< lange Stellen über dieſen Gegenſtand
und öfters ſehr brauchbare und richtige Bemerkungen finden,
und Hippel"'s Lebenslauf nach aufſteigender Linie. Viele
Schriftſteller waren ſelbjt Lehrer, und es iſt begreiflich, daß
dieſelben ihre Beoba haben , je näher ihnen das Wohl ihrer Zöglinge am Herzen
lag. Unter dieſen nimmt Gellert vor Allen unſere Auf-
mertjamfkeit in Anjprum . .. ..
Wenn au viel zu wünſchen übrig ließen und fie ihrem Grund nach vollſtändig vom praktiſchen Leben abgeſchlofjen waren, ſo
ſtanden ſie verhältnißmäßig doch auf einem unendlich höheren
Standpunkte, als die niederen und mittleren Schulen, in
welchen der Unterricht ganz auf die alten Sprachen beſchränkt
war, der zudem mit der möglichſten Pedanterie und Geiſt-
loſigfeit betrieben ward. Geſchichte, Geographie, neuere Spra-
hen oder gar Muſik und Zeichnen waren vom Unterricht ganz
ausget wendiges Uebel angejehen, fim den Schülern verſtändlih zu
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machen... .. Die beſſeren Köpfe ſahen dieſen Uebelſtand
vollkommen gut ein, allein mit Gründen war gegen die ver-
jährten und eingeroſteten Vorurtheile hier wenig auszurichten :
Rabener verſucht es daher, fie mit den Waſfen des Spottes
und der Satire zu bekämpfen, und es darf wohl nicht be-
zweifelt werden, daß er viel dazu beigetragen hat, beſſere
Anſichten zu verbreiten , , , . .
Dieſe verſchiedenen Bemühungen blieben nicht ohne großen
Erfolg; fo unzuſammenhängend, zufällig und zerſtreut dieſe
neuen Jdeen und Grundſäße vorgetragen worden waren, hatten
ſie dom, und vielleicht gerade eben deßwegen , vielſeitige Ver-
breitung gewonnen und die Gemüther für weitergehende Ber-
ſuche empfänglich gemacht, welche übrigens dur ſeau"s auc in Deutſchland verbreitete Schriften dafür leb-
haſt angeregt worden waren. Den erſten bedeutenden Verſuch
im Großen, die Erziehung und den Unterricht der Kinder
auf naturgemäße Grundſäße zurüzuführen, machte Baſedow,
der ſowohl dur anſtalt (das Philanthropin in Deſſau) , die bisherigen Metho-
den , wenn auch nicht unmittelbar vernichtete, dom ihre ſpätere
Vernichtung mächtig vorbereitete. Indem er die Erziehung
vorzüglim auf das Praktiſchnüßliche richtete und die Schule
für eine Vorbereitung auf das Leben angeſehen wiſſen wollte,
legte ex den Grund zu ſpäterer, kräftiger wachſenden Oppo-
ſition gegen die einſeitige philologiſche Bildung in den mitt-
leren Schulen, wie Gründung der ſogenannten Realſchulen
mittelbar von ihm hervorgerufen wurde. So viele Mängel in
ſeiner Methode auc< waren, ſo einſeitig er die große Aufgabe
der Erziehung auch auffaßte, jo iſt do< nicht zu verkennen,
daß er für dieſelbe und für die Verbeſſerung des Unterrichts
außerordentlih viel geleiſtet und daß er zum großen Theil
durc< ſeine | Anhängern der clajſij zurufen , daß Dieſe anders betrieben werden müßten, als dies
bis dahin gejhehen war, und daß auh andere Wiſſenſchaften
von der Schule nicht ausgeſchloſſen werden dürften.
(Sc Zur Schulgeſchichte.
Aus dem Herzogthum Oldenburg meldete vor Kurzem die
Magdeburger Ztg., daß auch hier jeht eine Reform des Schulweſens im
Werke ſet, welche die Beſtimmung babe, der Kir heren Ginfluß auf dasſelbe zuzuſichern. Der mit der Augarbeitung eines
jolhen Geſeßes betrauten Commiſſion ſeien daher auc Grundſäße bezeichnet, „daß der Jugend in den Volksſchulen neben der
allgemein menſchlichen und hürgerlichen Bildung auch die religid8-con-
feſſionelle bewahrt bleibe. Daß der betheiligten Kix confeſſionellen Bildung der Jugend erforderliche Einwirkung geſichert,
und überhaupt die nothwendige Verbindung zwiſchen Kir dur<; das Geſe geregelt werden ſolle,“ Als eine Folge des neuen
Princips darf man es au betrachten, daß ſeit Anfang des Monats
Detober vy. I. das Oldenburger Conſiſtorium, welches nur mit den
Sculangelegenheiten beauftragt war, den Namen eines Oberſchul-Colle-
giums förmlich führt, und ihm als ſolhem auch die Leitung des gxe-
ſammien Schulweſens übertragen iſt.

Verantwortliche Redactoren: Dr. K, Wagner und Dr. K. Zimmermann. -- Dyru und Verlag von K W, Leske in Darmſtadt.

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