gemeine Schul-Jeitung.

Donnerſtag , 27. April
1854
„YF 50.

Die Pädagogen des 18. Jahrhunderts.
(Fortſezung von Nr. 49).
Niemand war aber geeigneter, dieſe Verſöhnung des hu-
maniſtiſchen und realiſtiſchen Elements in der Schulbildung
zu verwirklichen , als Herder. Er hatte ſeit ſeinem Jüng-
lingsalter Alles mit großer Theilnahme verfolgt, was im Felde
der Erziehungskunſt geſchrieben und gethan worden war; aber
wenn ihn auch feine ganze Natur, die ſtets für die Veredlung
des Menſchengeſchle Rouſſeau gewinnen mußte, ſo ſicherte ihn wieder ſeine allſei-
tige und gediegene Bildung vor den JIrrthümern und Ab-
wegen, in welche Baſedow verfallen war; ganz entſchieden er-
klärte er ſich namentlic< gegen deſſen Grundſaß , den Kindern
alle Kenntniſſe ſpielend beizubringen. Herder hat feine An-
ſichten über Erziehung und Unterricht an verſchiedenen Orten
beiläufig ausgeſprochen ; am beſten lernt man fie aus jeinen
Schulreden fennen, in denen er man Gegenſtände beſprochen, 3. B. über die Annehmlichkeit, Noth-
wendigkeit und Nüßlichkeit der Geographie, woraus exfichtlich
wird, daß ex den Werth einer praktiſhen Richtung in dem
Unterrichte keineswegs verkannte. Am liebſten behandelte er
jedoch ſolche Fragen, welche das innerſte Weſen der Erziehung
und des Unterrichts betrafen. Ausführlich beſpricht er z., B.
die neuere (Baſedow'ſ Recht ſagt, die allzugroße Erleichterurg des Lernens ſei ſo-
wohl der Natur der Wiſſenſchaften an fim, als der Natur
unſerer Seele und der ſo mancherlei menſchlihen Seelenfräfte,
endlich auch dem Zwe& und Nußen entgegen, den man von
Erlernung der Wiſſenſchaft haben ſolle ..... Zu den höch-
ſten Anſchauungen erhebt er ſich in der Rede „Von Sulen
als Werkſtätten des Geiſtes Gottes oder des heiligen Geiſtes“,
deren Hauptgedanke ſchon in der Ueberſchrift enthalten und in
der Rede ſelbſt genugjam und klar entwidelt iſt.
Unter allen Männern des 18. Jahrhunderts aber, welche
für die Erziehung gewirkt und gelebt haben, ſteht ohne allen
Vergleih Heinrich Peſtalozzi am höchſten, weil er nicht
blos mit Ausdauer, Geiſt und tiefer Cinſicht, ſondern, was
alles Uebrige unendlich überbietet, mit der aufopferndſten Liebe
den hohen Zwe ſeines Lebens verfolgte und ihm auc nicht untreu wurde , als die herbſte Noth mit allem ihrem Ent-
ſezen über ihn einbraM, auch dann nicht, als ſeine erſten
Verſuche gänzli< fehl j von dem ſ Ausfiht auf Gelingen verſ fih aber eben die wunderbare Größe des Mannes, daß
er bei aller feiner kindlichen Beſcheidenheit, bei dem auffal-
lſendſten Mangel an dem, was wir praktiſche Lebensklugheit
nennen, niemals den Glauben an ſeine Sendung verlor und
immer wieder neue Mittel fand , ſeine großartigen Jdeen gel-
tend zu machen. =- Wir haben geſagt, daß die ganze Richtung
der Zeit eine erziehende war, wir haben geſagt, daß ſie ſich
dahin wandte, wo eine Erziehung Überhaupt mögli< war,
d. h. zum Volke; do< war die Nothwendigkeit, eine eigentliche
Volkserziehung zu begründen, bei den meiſten von denjenigen
Männern , die wir beſprochen haben, nicht zum klaren Be-
wußtſein gelangt; es trat dasſelbe erſt in Peſtalozzi klar und
ſicher hervor. „I< wollte durh mein Leben Nichts“, ſagt er
ſelbſt an irgend einem Drte, „und will heute (1801) nichts
Anderes , als das Heil des Volkes, das i< liebe und elend
fühle , indem ich ſeine Leiden mit ihm trug, wie es Wenige
mit ihm getragen haben.“ Peſtalozzi war ein Republikaner
im edelſten Sinne des Worts, weßhalb er ſic) auch gegen alle
geheime Verbindungen und gegen jedes Revolutioniren mit
der vollſten Entſchiedenheit ausſpram. Und in der That, die
Freiheit iſt eine ſolelung
des Menſchengeſchle digkeit ſelbſt herbeigeführt wird und durch dieſe fichexer und
bleibender, als durc< äußere Gewalt. Seine Jdeen über Er-
ziehung und Bildung des Volkes hat Peſtalozzi in verſchiede-
nen Scriften niedergelegt, von denen wir nur die wichtigſten
erwähnen. In „Lienhard und Gertrud“, einem durch ſchlichte
Größe der Auffaſſung und Darſtellung ausgezeichneten Meiſter-
werke , wollte er zeigen, wie alle Erziehung von der Wohn-
ftube, von der Mutter ausgehen müſſe, und in der That hat
Niemand die Natur des mütterlichen Herzens und des allmäch-
tigen Einfluſſes einer edlen Mutter auf die Kinder beſſer ge-
kannt, Niemand beſſer geſchildert, als Peſtalozzi, deſſen eignes
Herz von wahrhaft mütterlicher Liebe für das Volk, für die
geſammte Menſc war. Ein zweites Werk: „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“
enthält ſein Syſtem des Unterrichts, welches bei vielen prak-
tiſchen Irrthümern ewige Wahrheiten offenbart. Seine „Grund»-
ſäe der Erziehung“ hat er in einer Reihe von Briefen ent-
widelt. Wir wollen verſuchen, eine kurze zuſammenhängende
UVeberfiht dieſer Grundſäße zu geben. (Folgt dieſe.)
J. A. Eberhard's und Fr. L, Weigand's Ver-
dienſte um die deutſ Außer KlopſtoF erwarb fich auch, wenn auch in ganz an-
derer Weiſe, I. A. Eberhard nicht geringe Verdienſte um
die deutſ beitung einer allgemeinen deutſhen Synonymik unternahm.
Zwar hatte ſhon Gottſched dieſem Gegenſtande, deſſen Be-
deutſamkeit ihm nicht entgangen war, ſeine Auſmerkjamkeit
gewidmet, und nach ihm hatte Stof < Beachtungswerthes ge-
ſoiſtet 3; allein dieſe, wie au; Peterſen"'s, Fij Anderer ſpätere Arbeiten befaßten fich nur mit der Erklärung
der einzelnen Wörter, ohne dem Gegenſtand eine allgemeine
Seite abzugewinnen, oder den Begriff Synonymik genau zu
beſtimmen. Dieſes Verdienſt hat fit aber Eberhard erworben.
In der ſeinem Buche vorangeſchi>ten Theorie der Synonymik
beantwortet er zuerſt die Frage, welhe Wörter in die allge-

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