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meine Synonymik gehören, dahin, daß es diejenigen jeien,
welche zwar verſchiedene Bedeutungen haben, die aber in ihrer
Bedeutung ſo ähnlih ſein müſſen, daß ihre Verſchiedenheit
nicht leicht zu bemerken iſt. Dieß iſt der Fall , wenn ſie den
nächſten höhern Begriff mit einander gemein haben, denn
haben fie nur einen entfernten höhern Begriff mit einander
gemein, ſo fällt ihr Unterſchied leiht in die Augen, und ſie
find nicht Gegenſtand der Synonymik. So wird man ohne
Mühe See und Fluß unterſcheiden, dagegen iſt der Unter-
ſchied von Fluß und Strom nicht ohne tieferes Nachdenken
ZU finden «+.
Da E. die völlig gleihbedeutenden Wörter natürlich nicht
in den Kreis ſeiner Unterſuhungen zog, ſo mußte er auch die
Frage behandeln, ob die deutſche Spra ſolche enthalte... . . Bei der Entſcheidung dieſer Frage kann,
wie E, richtig bemerkt, die Autorität ſelbſt der beſten Shriſt-
ſteller nicht maßgebend ſein, no< weniger darf man fich auf
ältere berufen .. . ++ Woher es kam, daß ſich bei Lu-
ther und zu ſeinen Zeiten - ſo viele gleichbedeutende Wörter
in der Sprache vorfanden , erklärt E. viel richtiger, als ſeine
Vorgänger. Luther war ein Sachſe, lehrte in Sachſen, und
ſein nächſtes Publikum waren Sachſen. Daher bediente ex
ſih natürlih der in dieſem Lande gebräuchlihen Mundart,
Allein ſeine beſten Vorgänger, die er auch unabläßig ſftudirte,
waren Oberdeutſ Geyler vy. Kayſersberg, die deutſ er insgeſammt ſo hoch ſhäßte und in deren Schriften er ſich
zu einem deutſhen Schriftſteller herangebildet hatte. Die
Kultur war im ſüdlichen Deutſchland: dort war der kaiſerliche
Hof und die Reichskanzlei, von denen Geſhma> und Sprache
ausgingen. Aus allen dieſen Werkſtätten für den deutſchen
Sprachſhaß ſchöpfte Luther, aus ihnen bereicherte er ſeine
ſächſiſ gemeinen Scriftſprache geſtalten konnte. So konnte es aber
auch nicht fehlen, daß er aus dieſen verſchiedenen Quellen
mancherlei AusdrüF>e aufnahm, die durchaus gleihbedeutend wa-
ren; und erſt im Laufe der Zeiten wurden die überflüſſigen
von der Sprache ausgeſtoßen , oder ſie nahmen verſchiedene Be-
deutungen an. +... +
E. hat die Synonymen überwiegend auf dem Wege des
philoſophiſchen Raiſonnements zu erklären gejucht, wäh-
rend er das etymologiſ fehr dürftigem Maße anwendete. Wir dürfen ihm dieß jedoh
nicht zum Vorwurfe machen, ſondern müſſen es vollkommen billigen,
daß er den Weg der etymolog. Erklärung nur ſeltener und nur
in untergeordneter Weiſe einſ Standpunkt der Sprachkenntniß hätte er fehr oft nur Falſches,
meiſtens nur Ungenügendes aufſtellen können. Was aber EE.
auf dem von ihm betretenen und für ihn auch allein möglichen Wege
geleiſtet hat, verdient alle Anerkennung, und jein BuFh wird
immer ſeinen eigenthümlichen Werth behalten, da jich in den
Beſtimmungen der Synonymen meiſtentheils große Schärfe des
Urtheil8 beurkundet, und die fehlerhaften Erklärungen ins8gemein
nur daher rühren, daß ihm die hiſt. Entwi>elung der Wörter
und ihrer Bedeutungen unbekannt war. Nichts deſto weniger
blieb die Bearbeitung eines vom Standpunkte der etymol. und
hiſtoriſ nonymen ein Bedürfniß , weil nur von dieſem aus fich Begriff
und Färbung eines Worts ſicher erkennen laſſen. Doh wurde
ein ſolches erſt dann mögli<, nachdem die großen Meiſter in der
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deutſchen Philologie, I. Grimm, Sc Be Fer die Reſultate ihrer großartigen Forſchungen bekannt ge-
macht , und die hiſtor. Betra philoſophiſche auf ihre wahren Grundſäte zurüFgebra waren. Das Verdienſt, ein ſolches Wörterbuch zuerſt, man kann
wohl ſagen, geſchaffen zu haben, hat ſih Weigand erworben *),
deſſen Arbeit auc< dadurch ſich auszeichnet , daß er eine große
Anzahl von Synonymen aufgenommen hat, welche bei E. un-
berüfichtigt geblieben waren (worunter beſonders die ſcharfſin-
nigen Begriffsbeſtimmungen der ſynonymen Partikeln zu erwäh-
nen ſind) , ſowie dadurc<, daß er die bei E. oft ermüdende,
aber durch den Gang ſeiner Unterſuchungen bedingte Weitſchwei-
figkeit glüflich vermieden, und endlich dadur<, daß er treffend
gewählte Beiſpiele aus den beſten Schriftſtellern alter und neuer
Zeit geſammelt hat.
Wir theilen hier deſſen Bearbeitung der nämlihen Syno-
nymen mit, welche wir oben aus E. angeführt haben (Seele,
Geist, Gemüth, Herz); einerſeits um den Standpunkt zu be-
zeihnen, welhen jeht die Synonymit einnimmt, und anderer-
ſeits, damit re nen Mitteln geleiſtet hat. (Folgen nun die erwähnten Artikel).
Göthe?s Sprache und Darſtellung.
In Sprache und Darſtellung übertrifft Göthe unzweifelhaft
weit alle deutſhen Schriftſteller , ſelbſt Leſſing nicht ausge-
nommen. Das aber, wodurc< Göthe dieſe Größe erreichte und
ſeine Vorgänger , ſelbſt die bedeutendſten, weit überholte, hat
darin ſeinen hauptfählihſten Grund, daß er, wie in der Poeſie,
ſo au< in der profaiſhen Darſtellung von der Sprache des
Volkes ausging und fich von allem Fremdartigen frei machte;
er vermied nicht nur die fremden Wörter, was ſelbſt Gott-
ſc der Darſtellung weg, mochten ſie franzöſiſch oder engliſ<, lat.
oder ſelbſt griehiſ auch in Bezug auf den Styl das Ihrige beigetragen, den deut-
ſchen zu verderben, =- und ſo bildete er ſi eine Darſtellung,
die man mit vollem Re Aber eben deßwegen , weil ſie deutſc; war, vereinigte fie alle
die Eigenſchaften in ſich, welche zu einer ſc<önen Darſtellung
unerläßlich ſind. Sie war natürlich, lebendig , klar , anſc lich; fie bewegte ſich in den ſchönſten Tonverhältniſſen, und die
beſondere Form der Säße entſpra< ſtets der beſonderen Art
der Gedanken, welche er darſtellen wollte. Freilich bildete er
dieſe der Volksſprache entnommenen Formen künſtleriſch aus,
aber es liegt eben der Vorzug ſeiner Darſtellung wejentlich
darin , das fie ä Proſaiker eher gelehrt nennen möchte. Denn die Kunſt
beſteht in der organiſhen Entwikelung des gegebenen
Stoffs; auf die Darſtellung angewendet iſt ſie alſo die
organiſche Entwi>elung der in der Volksſpra Formen; die no gegen kann ſchon deßwegen nicht zur Kunſtvollendung gebracht
werden, weil zwiſchen ihnen und der Mutterſprache ſtets ein
unauflösliher Widerſpruc<ß ſtatt findet, ſelbſt wenn ſich ſolche


*) Fr. L. &. Weigand (Prof. in Gießen), Wörterb, der deutſchen
Synonymen, 3 Bde, 8. Mainz, 1843 ff

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