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Nachbildung , wie bei Müller und Wieland, bis zur Mei-
ſerſchaft erhebt. Dieſen nationalen Charakter haben ganz vor-
züglich die früheren profaiſhen Darſtellungen Göthe's , die durc<
ihre kräftige Natürlichkeit und bewegliche Einfachheit das leben-
digſte Wohlgefallen erregen. Zwar blieben auch ſeine ſpäteren
Schriften im Ganzen dieſem nationalen Charakter getreu, und
es finden fich auch in dieſen nie oder nur ſelten fremde Dar-
ftellungsformenz; dagegen haben ſie eine gewiſſe vornehme Fär-
bung angenommen, die fih ganz beſonders darin fund gibt,
daß er gern ſolche fremde, namentlich franzöſiſche Ausdruswei-
ſen gebraucht , welche die höheren Stände in ihren geſellſchaft-
lichen Unterhaltungen angenommen haben, um ſich den Schein
eines vornehmen Weſens zu geben. Viele, welhe den Göthe'-
ſichen Styl nachbilden wollten , haben leider nur dieſe verfehlte
Seite und Richtung wahrgenommen und nachgeahmt, das aber,
was die eigentliche Größe desſelben ausmac ſeben. Göthe iſt übrigens in ſeinen leßten Scriften noh in
einen anderen Fehler verfallen , welcher mit ſeinem ſpätern poet.
Standpunkt genau zuſammenhängt. Wie er fic< immer mehr
der philoſophiſchen Reflexion zuwandte, wurde auc ſeine Dar-
- ſtellung immer mehr abſtrakt, ſie verlor die ſinnliche Anſ lichkeit , die einen ſo ausgezeichneten Charakterzug ſeiner frühern
Schriften bildet, und nahm immer entſchiedener diejenige Form
und Weiſe an, welche Be>er ſo glü>lic des Styles bezeichnet, eine Ausartung, welche in der neuern
Zeit vorzüglich dur< die Philoſophen begünſtigt wurde und in
den zwanziger Jahren des gegenwärtigen Jahrhunderts, in den-
jenigen alſo, in welhen das Volksleben immer entſchiedener
zurüftrat, die Gelehrſamkeit immer mädctiger in's Leben ein-
griff, geradezu vorherrſ Ausartung hingeriſſen wurde, trug weſentlich dazu bei, fie all»
gemein und den Widerſtand gegen dieſelbe ſ Nach dieſen Andeutungen leuchtet es von ſelbſt ein, daß nur
diejenigen in Proſa abgefaſſten Werke Göthe's, welche in die
erſte und mittlere Periode ſeiner Wirkſamkeit fallen, als Muſter
der Darſtellung gelten können , daß in dieſen aber der Styl zu
ſeiner vollfommenſten Erſcheinung gelangt.
Varnhagen von Enſe als Biograph.
Die Blüthe der biographiſhen Kunſt tritt uns in Varn-
hagen von Enſe*) entgegen, der, wenn auch nicht unüber-
trefflich , doch jedenfalls unübertroffen daſteht. Er vereinigt in
ſich alle die Eigenſchaften , die zu einem Biographen unerläß-
liH find, welche aber ſelten vereinigt gefunden werden. Glüc-
lihe Beobachtungsgabe, tiefe Menſ dringen in die Eigenthümlichkeiten der einzelen Perſönlichkeiten
und Meiſterſchaft des Styls ſind vielleiht auß andern Scrift-
Fellern, wenn auch nicht in dieſer Vollfommenheit, wie bei

*) „Karl Aug. V. v. E. wurde im Jahre 1785 zu Düſſeldorf gebo-
ren, ſtudirte zuerſt Medicin, dann Lit. und Philoſophie und lebte
abwechſelnd in Hamburg, Halle, Berlin und Tübingen, wo er ſich
theils durc< fieißiges Studium, theils dur; den Umgang mit be-
deutenden Perſönlichkeiten gediegene Bildung erwarb. Won tiefer
Vaterlandsliebe getrieben nahm er 1809 Dienſt im öſterr. Heere,
wurde 1813 Hauptmann und Adjutant des Generals Tettenborn,
trat aber 1814 in preuß. Dienſte, ging mit dem Fürſten v. Har-
denberag na< Wien und Paris, wurde 1815 Miniſterrefident in
Karlsruhe und lebt ſeit 1819 in Berlin als Geh. Legationsrath.“
- Kurz,
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Varnhagen, zu Theil geworden ; was ihn aber vor Allen aus-
zeichnet , das iſt die Combination8gabe, welche ſich bei ihm in
ſeltener Größe findet und die ein ſc ſet. Es iſt wirklich bewundernswerth , wie er aus den leiſe-
ſten Andeutungen, die ihm ſeine Quellen geben, die vollendet-
ſten und wahrſten Gemälde ſchaffen , wie er den Mangel an
Quellen durch die glüFlichſte Divination erſeßen kann. Dieſes
großartige Talent tritt beſonders in ſeinem „Freih. Georg
v. Derfflinger“ in vollſter Klarheit hervor. Andere mögen
durch die größere Fülle des Inhalts oder durc< die nähern
Beziehungen zu unſerer Zeit auf den erſten Anbli& mehr an-
ſprechen. Unter dieſen find ganz insbeſondere die Biographieen
der Grafen Bü>eburg und Schulenburg und des merk-
würdigen Barons Neuhof, Männer, wel lichkeit haben, daß ſie nur wegen der troſtloſen Zuſtände Deutſch-
lands niht zu noFH weit höherer Bedeutſamkeit gelangt ſind
und ihre Talente fremden Ländern und Völkern widmen mußten,
um einen angemeſſenen Wirkungskreis für dieſelben zu finden,
Auch die Lebensbeſchreibungen der Dichter Flemming, Ca-
niß und Beſſer ſind Muſter der biogroph. Kunſt und bewei-
fen in glänzender Weiſe, daß der Vf. das geiſtige, vorzugsweiſe
auf innerer Entwi>elung beruhende Leben der Menſchen ebenſo
tief zu ergründen und mit eben ſolcher Meiſterſchaft zu behan-
deln und darzuſtellen weiß, als das bewegte, vorzüglih nach
Außen gerichtete Leben jener großen Feldherrn und Staatsmän-
ner. Es liegt nicht in unſerm Zwe&e, alle die größern Bio-
graphien *) und die kleinern Charaktergemälde , die wir ihm zu
verdanken haben, und welhe V. mit ebenſo großer Kunt und
Tüchtigkeit behandelt, ausführlicher zu nennen; dagegen dürfen
wir nicht vergeſſen, no< ausdrüFlic als Styliſt alle Hiſtoriker der Gegenwart weit übertrifft, wie
er denn in Bezug auf Darſtellung dem großen Meiſter Göthe
würdig nacheifert , deſſen ſhöne, in Form und Rhythmus gleich
vollendete Proſa von Keinem ſo glüFlic< und zugleich jo /elb-
ſtändig nachgebildet wurde.
Zur Sculgeſchichte.
Rheinpreußen im April 1854. Die Schule kann na-
türlich au<& von unſerer rheiniſchen Provinzialfirhe nie Über-
ſehen, vielmehr muß ſie von ihr als eine Pflanzſtätte der zu-
künftigen Gemeinde, als die Gemeinde „der Kleinen" in ſorg-
fältiger Pflege gehalten werden. Die inneren und äußeren, die
Perſonal -, wie die Realverhältniſſe der Schule find auh ſiets
von der Kir niht mehr für jene geſ gewiß daran, daß die Kirche nur mit gebundener Hand die
Schule pflegen kann. Gewiß aber lag im thatſä bar vielfach vorhandenen, unerfreulichen, gereizten und gejpann-
ten Verhältniß zwiſchen Schule und Kirche oder vielmehr zwi-
ſchen Pfarrern und Lehrern ein Unſegen , daß wir nicht jagen

Kk) Unter dieſen können wir nicht umhin, eine zu wenig beachtete, aber
ſehr beachtenswerthe „Hans Held“ neben der weit berühmten
„Marſchall Blüh er" hervorzuheben. Varnhagen's neueſtes Werk
„Leben des Generals Grafen Bülow v. Dennewtß“, das wir in
Nr. 8 der dießjährigen Sc jünger, als Kurz? Kommentar. K. W.

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