Allgemeine Schul- Zeitung.
Samſtag , 29. April
1854
NL 51.



In wie weit ſollen die Zandſchulen den Landbau im
Ange haben?
Zu wiederholter Erwägung dieſer Frage veranlaſſt uns zu-
nächſt ein gehaltvolles , ein köſtliches, ein die Volksſhule nah
berührendes Bu<, das Hr. Reg.-Rath Dr. K. Zeller ſoeben
unter folgendem Titel hat erſcheinen laſſen:
Stimmen der Weisheit aus älterer und neuerer Zeit
im Gebiete und zur Würdigung der Landwirthſchaft.
Darmſtadt, bei Jonghaus, 1854. YI und 196 S.
Da erheben zu gerechter Würdigung des Landbaus zuerſt
nach einander 45 berühmte Staatsmänner oder Schriftſteller
ihre Stimmenz es folgen Dichtungen , Beſchreibung öffentlicher
landwirthſc tizen, aus denen allen der hohe Werth, den man dem rechten
Betrieb der Landwirtſchaft zuzuſ Schon die Namen jener Stimmführer müſſen der Sache, wels-
wicht verleihen. (Es find darunter die weiſeſten Regenten:
Heinrich IV. von Frankreich , Friedrich d. Große, Joſepb I1[.,
Leopold von Toscana , Katharina 11. v. Rußland, Karl Fried-
rich v. Baden, Napoleon , Karl XIV. , Johann v. Sweden ;
beſonnene Denker und genaue Kenner der Volkszuſtände , ein
Karl v. Moſer, Juſtus Möſer, Waſhington, Mirabeau, A. Thaer,
v. VinFe, A. v. Humboldt, Friedr. Liſt u. A. Aller dieſer
einſichtsvollen Männer wohlbegründete Aeußerungen und rüh-
menswerthe Bemühungen zur Förderung der Landwirthſ haben ihre Quelle in der Ueberzeugung, daß der Aerbau die
natürlichſte, ſicherſte, ſittli<ſte und beglüFendſte Grundlage des
ſtaatlichen Lebens *) , die erſte und nothwendigſte Beſchäftigung
der Menſchen fei, die zugleich mehr als irgend eine andere mit
den natürlihen Anlagen des Menſ Größe der alten Römer beruhte auf der engen Verdindung des
AC>erbaus mit der Staats - und Kriegskunft, und fortwähren der-
hält der Landbau die Säfte und Kräfte des Menjhen geſund
und friſch und erzieht zu Sitteneinfalt und Tugend, **). Jene
Thatſache und dieſe Erfahrung finden in Zeller's dankenswerther
Zuſammenſtellung weiſer Stimmen ihre volle Beſtätigung. Ein
namhafter lat. Schriftſteller über den AFerbau, ein Spanier,
um die Mitte des erſten Jahrhunderts na< Chr. Gb., welcher
hier die Reihe der Sprecher über die Landwirtſchaft eröffnet,
gibt folgendes für die Kulturgeſchichte wichtige Zeugniß.

*) Schiller nennt die Göttin des Landbaus :
Die Bezähmerin wilder Sitten,
Die den Menſchen zum Menſchen geſellt
Und in friedliche feſte Hütten
Wandelte das bewegliche Zelt.
SS) „Vita rustica parSimoniae , diligentiae, iustitiae magistra est.“
'Cic. pro Rosc. Am. c. 27.
Columella.
„Unjere Borfahren ſuchten eine Chre in dem Ackerbau.
Cincinnatus, der Erretter eines belagerten Confuls und ſei-
nes Kriegsheers, ward vom Pfluge zur Dictatur berufen. Nach
erhaltenem Siege legte er ſeine Würde ſie angenommen hatte, und kehrte zu feinen Dhſen und dem
väterlichen kleinen Erbtheil von vier Morgen Landes zurüc,
Fabricius und Curius, wovon Einer den Pyrrhus aus
Italien trieb , der Andere die Sabiner bezwang, bekamen von
den eroberten Ländereien, welche zu gleichen Stü>en vertheilt
wurden, ſieben Morgen, und der Fleiß, mit welchem ſie dieſes
Land bauten, war der Tapferkeit gleich, welhe ſie bei der
Eroberung bewieſen hatten. Man ſieht aber, daß die altväter-
lihen Sitten und männliche Lebensart unſerer Scwelgerei und
unferen Ergößlichkeiten nicht haben gefallen zönnen. Denn wir
Hausväter alle, wie ſchon M. Varro ſagt; haben Pflug und
Sichel verlaſſen und uns in die Städte gemacht und brauchen
unfere Hände mehr in den Kampf- und in den Shaupläßen, als
auf den Feldern und in den Weinbergen. Mit Erſtaunen bewundern
wir die Geberden weibiſcher Leute , wel gen dem anderen Geſhle ſchauer betriegen. Um uns zur Shwelgerei geſ vertreiben wir die tägliche Unverdaulichfeit mit Shweißbädern
und reizen unſern Durſt dur< erzwungenen Schweiß. So
bringen wir die Nähte mit Geilheit und Trunkenheit, die Tage
mit Spielen und Schlafen zu und ſ wir weder den Aufgang, no<& Untergang der Sonne ſehen.
Cine kränklihe Leibesbeſchaffenheit iſt die Frucht dieſes trägen
Lebens ; denn die Körper unſerer Jünglinge find ſo hinfällig
und erſchöpft , daß dem Tode nichts zu zerſtören übrig bleibt,
So haben die alten Sabiner und Römer bei Feuer und Schwert
und der Verwüſtung feindliher Einfälle dennoHm durc< ihren
unausgeſeßten Eifer, das Feld zu bebauen, mehr Korn aufge-
ſchüttet, als wir, denen ein langer Friede die Ausbreitung des
Feldbaues erlaubt hat.“
Auf dieſelbe Bahn rüjtiger Thatkraft und ſitilicher Zucht
weiſet uns S. 31 , ohne ein widriges Bild ſtädtiſcher Uepyig-
feit entgegenzuſtellen,
PB. Hebel.
„Der AFerbau hat von jeher ſeine Lobredner gefunden.
I< will nicht Virgil*s Bücher vom Landbau, nicht die geprieſene
Ode des Horatius --- ich will keinen nennen. Denn wer preiſt
nicht die Wichtigkeit und Wohlthätigkeit dieſer Beſchäftigung aus
eigener Ueberzeugung? In dem AdFerbau erkennen wir die
Grundlage aller bürgerlichen Gefelli ihm die ſicherſte, wenn auch nicht immer die reichſte Quelle des
Wohlſtandes im Staat und in den Familien, =- in ihm die
treue Hut vaterländiſ lich eine vorzüglihe S nen Geſinnung, die wir unter dem ſ<önen Namen der R e-
ligioſfität begreifen.“

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.