Allgemeine Schul- Zeitung.

Donnerſtag , 4. Mai


Deutſche Leſebücher.
Es iſt für den Shulmann erfreulich, wenn er ſieht, wie
ſi die Zahl der brauchbaren und guten Leſebücher von Tag
zu Tag mehrt und recht Tüchtiges in dieſem Gebiete der Lite-
ratur zu Tage gefördert wird. Freilich drängen ſich auch viele
Unberufene herzu, die da glauben, hier feien mit der größten
Leichtigfeit Lorbeeren zu erringen , und deßhalb nichts eiligeres
zu thun wißen, als auch ein Lejebuch vom Stapel laufen zu
laßen. Solche Bücerfabrikanten ſind aber nirgends am Ort,
am wenigſten hier. Ein Leſebuch iſt nicht eine ohne Plan zu-
ſammengeſtellte Reihe von Proſaſtü>en und Gedichten, am brei-
ten Wege aufgeleſen: „das deutſche Lejebuch ſoll in die
Literatur unferes Volkes einführen“ und muß darum
auf „gedankenreiche, das ganze Weſen des Menſ< alſo allſeitig bildende Sprachwerke unſerer claſſiſchen Scrift-
ſteller“ den Accent legen. Der Scule liegt die Pfliht ob --
ſagt Lüben dem Volke die Mittel zugänglih zu machen,
dur< deren zwe>mäßigen Gebrauch es wahrhaft veredelt und
endlich auf die Bildungsſtufe erhoben wird, welche es einzuneh-
men berechtigt und verpflichtet iſt. Ein gutes Leſebuch iſt neben
Bibel und Geſangbuc< das einzige Mittel der Volksſ durc durc<; welches ſie auf den echten und unerſchöpflihen Bildungs-
born hinweiſen kann. Die Scule verfehlt in dem Maße ihren
Zwe>k , als ſie dieſes Bildungsmittel außer Acht läßt, -=- und
ein Leſebuch iſt verfehlt, wenn es nicht durch die eine Jdee:
die Bildung des deutſ tragen wird, damit dem Geſhma> des Schülers alle leeren,
troſtloſen , den Glauben an die ſittilihe Kraft unſerer Nation
und der Menſ werden , auch wenn ſie die geglättetſte Form trügen.
Es liegen uns nun hier mehrere Leſebücher zur Beſprechung
vor; fehen wir, in wieweit fie den Forderungen, die an ein gu-
tes Lefebuch Femac 1) Kinderj und W. Steinemann. Hannover, L. Ehlermann,
1854. Il. Thl.: für das Alter von 7 -- 9 Jahren.
2. umgearbeitete Aufl. Ul. Thl.: für die obere Elemen-
tarclaſſe und die untere Claſſe höherer Lehranſtalten.
(Kinder von 9--11 Jahren).
Den waeren Herausgebern unſern freundlihen Gruß! Sie
wißen es, wel iſt; wißen es, welhe Grundſatze bei der Bearbeitung und Hexr-
ausgabe eines folchen leitend ſein müßen; ihre Bücher ſind eine
Ausbeute an edlem Geſtein , hervorgeſucmt aus dem unerſchöpf-
lihen Shachte deutſ Namen von gutem Klang, und wenn auch mitunter noh (dieß
gilt zunächſt vom 1]. Theil!) ein altbärtiges Fäbelhen aus den
Zeiten Willamov's, Gellert*s 2e., oder eine matte Reimerei, wie
der gute Mäher von Kamp, oder ein zwar gut gemeintes, aber

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gehaltloſes Lied von Chr. Schmid und Andern mit einläuft,
jo verliert ſih das doh mehr oder weniger unter dem vielen
Guten und Gehaltreihen. Für den Liederkranz (ebenfalls
1. Theil!) möchten wir die theilweis vortrefflihen Gedichthen
von K. Enslin in Frankfurt zur BerüFfihtigung empfehlen.
Der 1]. Theil beginnt mit dem „Gruß“ Sturm's:
Gott grüße dich! Kein andrer Gruß
gleiht dem an Innigkeit.
Gott grüße dich! Kein andrer Gruß
paßt ſo zu aller Zeit.
Gott grüße di! Wenn dieſer Gruß
jo re gilt bei dem lieben Gott der Gruß
ſo viel als ein Gebet.
und ſc Nimm Chriſtum in dein Lebensſ mit gläubigem Vertrauen 2c.
Nun ein Leſebuch, das mit ſolHhem Gruß und fol Mahnung an das Kind herantritt, und dem es damit auch ſo
re auh ein herzlihes „Glü> auf!“ für ſeinen Weg.
2) Drittes Spra<- und Leſebum. Ein Leſebuch für die
Oberclaſſe der Volksſ rer Lehranſtalten. Von G. F. Heiniſ Ludwig. 2. verm. und verb. Aufl. Bamberg , Buc-
ner, 1854.
Dieſes Leſebuch bietet in ſeiner erſten Abtheilung „Einiges
zur gründlichen Betreibung des Sprachunterrichts" , und zwar
eine recht ſ<öne Sammlung zufammengeſeßter Säße und Perio-
den, das Wichtigſte über den Styl, ähnli< lautende Wörter,
im Leben häufig vorkommende Fremdwörter, Ju wiefern das
mit der Hauptaufgabe eines Leſebuchs in Verbindung ſteht,
wollen wir hier nicht erörtern , auch darüber nicht rechten, Gö-
the's Wort als Rechtfertigung annehmend :
wer Vieles bringt,
wird Manchem Etwas bringen;
nur eine Frage möchten wir uns erlauben: Jſt das Wenige,
was über den Styl geſagt iſt, hier zunächſt für den Lehrer,
oder für die Schüler? Es ſ Vf. ſagen? „der Lehrer ſoll es auf praktiſche und anſchauliche
Weiſe , d. h. auf dem Grunde der vorliegenden LeſeſtüFe erthei-
len 2.“ Wenn das iſt und ſein muß, dann hätten wir dieſes
Wenige, troß dem „ausdrüFlihen Wunſ< mehrerer Schulmänz-
ner“ aus dem Lejebuch der Schüler weggelaſſen. Zudem ſollte
man denken, daß ein Lehrer, ſo viel, als hier gegeben, aus
eigenem Fond mittheilen kann.
Die 2. Abtheilung iſt das eigentliche Leſebuch, das vor-
zugsweiſe realiſtiſchen Inhalts iſt. Wir können das nicht ganz

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