Allgemeine Schul-ZJeitung.
Samſtag „ 6. Mai

1854. "
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Zur Literatur des Nibelungenlieds.
1) Unterjuchungen über das Nibelungenlied von
Dr. Adolf Holßmann. Stuttgart, Adolf: Krabbe,
1854. *)
Es iſt ein unbeſtreitbares Verdienſt des Hrn. Holkmann,
als der erſte mit Sharffiun und eingehender Sorgfalt Lach-
mann's Anſichten über das Nibelungenlied öffentlich und von
Grund aus einer vom entgegengeſezten Standpunct ausgehen-
den Kritik unterworfen zu haben. Die Arbeit W. Müller's von
13845 über die „Liedex von den Nibelungen“ blieb weſentlich
auf dem Boden dex Lahmann'ſchen Anſ Atheteſen nicht nur an, ſondern gieng noh weiter darin und
ſchlug nur einen andern Weg im Nachweiſe der Lieder ein, aus
dem das Gedicht beſtehn ſollte. Die Berechtigung der Athete-
ſen, die Zuſammenſezung aus verſchiedenartigen, urſprünglich
von einander unabhängigen Beſtandteilen muſte au jedem, in
dem Lachmann's poetiſches Gefühl einem Anklang begegnete, ſo
vollkommen einleuchten, daß es nahe lag, Lahmann's Grund»-
lage ein für alle Mal für gelegt zu halten und ſicß nur in
Einzelheiten ein abweichendes Urteil vorzubehalten. Der jezt
erfolgte Angriff zwingt dazu , das Lachmanniſche Verfahren noch
einmal möglichſt vorausfezungslos dur der endgültigen Feſtſtellung der Wahrheit nur zu Gute kommen.
Der wichtigſte Teil der Arbeit Hrn. Holßmann's iſt der
verſuchte Nachweis, daß die Hohenems-Münchner Handſchrift,
die Grundlage des Lachmanniſ laßungen und Entſtellungen verderbien Text biete, der echte und
Urſprüngliche Text aber nicht etwa , wie von der Hagen annahm,
in der St. Galliſchen, ſondern in der Laßbergiſchen Handſchrift
vorliege. Die Gründe, die hierfür aus ver Betrachtung der
Strophen, die der Laßbergiſme Text vor dem Sangalliſchen,
dieſer wieder vor dem Hohenems-Müncner voraus hat, und
aus der Vergleichung zahblreiher Lesarten der drei Texte ent-
nommen werden, verdienen zum großen Teile reifliche Ueberle-
gung. Wenn aber der Verfaſſer auf dieſe Unterſuchung hin
S. 60 behauptet, La nicht der älteſte Text ſfeiz „da er nachgewieſen, daß A der
jüngſte und verdorbenjte und C, na< Lachmann die ſpäteſte
Veberarbeitung, der älteſte und eteſte ſei, ſo fei damit jenex
ganzen Lehre die erſte Grundlage entzogen, und er habe durch-
aus niht nötig, auf eine weitere Beurteilung und Widerle-
gung derſelben einzugehen:“ jo kann man über eine ſo naive
Dreiſtigkeit einer ſo völlig grundlofen Behauptung nicht genug
erſtaunen. Lachmann fand in dem Ueberſchuße von B über A,
von € über B ein willfommnes Beiſpiel des von ihm angenom-
menen Anwuchſes dur< Interpolation; die Lesarten von A
dienten auh einzeln feinen Behauptungen zu Stüßen; aber er
war weit entfernt, bei feiner Unterſu Überlieferten Texte auszugehen oder gar ihn für die unentbehr-

*) Vgl.. Allg, Sch. 3. Nr. 18, S, 157.
li die urſprünglice Geſtalt der Nibel.-Not die zweite Hälfte des
Gedichtes, zu der er den Text von A no in ſeiner Weiſe dur funden hat, ſpricht er ſich, wo er zur Unterſuchung des erſten
Teiles übergeht , über die Bedeutung von A S. 68 ſo aus:
„es zeigt ſich auß hier ganz unerwartet ein fehr nabe liegendes
Zeugnis, wenigſtens für Einiges, das unſre Frage zunächſt be-
trifft, und , wo es auh dieſe nicht genau berührt, do<ß immer
für die Geſchi halten, daß Lachmann bei ſeiner Betrachtungsweiſe, auch wenn
er von A nie etwas erfahren hätte, weſentlich zu denſelben Exr-
gebniſſen gefommen wäre; ja, hätte ihm auch nur C, der glat-
teſte und rundeſte der vorhandenen Texte vorgelegen , es konnte
ihm nicht entgehen , daß hier Fli>werk und Interpolation ſei.
Was ihn alſo zu feinen Annahmen beſtimmte, und was er ſo
forgfältig überall bemerkt hat, das iſt für Hrn. H., wo er je-
nes große Wort 1o gelaßen ausfpricht, Alles nicht vorhanden,
wiewol er es an andern Stellen do von Lachmann geltend gemachten Unebenheiten des Textes aus
einander zu ſeen. Mögen manche Derfelben durch die Annahme
der Urſprünglichkeit von C wegfallen, es bleiben genug übrig,
die allen Texten gemeinſchaftlich ſind.
Freilih mit Lachmann's Beweiſen hat es eine eigne Be-
wantnis , die er ſelbſt ſehr wol eingeſehen hat. „Das Gefühl,
das ſie unterſtüßen muß, fann man dem prüfenden nicht geben“,
fo ſagt er S. 6 der Anmerkungen. Die einzeln, oft geringfü-
gigen Widerſprüche, die Wiederholungen und formellen Anſtände
werden auf denjenigen keinen entſ der fich von den großen Unterſchieden des Tones zwiſchen ein-
zeln Teilen des Gedichtes, beſonders ſeiner erſten Hälfte, nicht
geſtört fühlt, der unberührt bleibt von jenem unaufhörlichen
Schwanken zwiſchen altertümlicher Shroffheit, ruhigem mildem
Erzälerton und fadem Geſc und gebildeten Vortrag und ſtammelnder Unbehülflichkeit, zwi-
ſhen der alten heſdenmäßigen und der neuen ritterlichen und
minniglichen Denkart und Sitte, kurz zwiſchen heruntergekomme-
ner Erbärmlichkeit und höchſtem epijhem Schwung durch alle
Mittelſtufen. Wem ein ſo wunderliches Fli>werk keinen be-
fondern Anſtoß gibt, der hat das vollſte Recht, ſih Lachmann's
Beweisführungen zu entziehen. Auch wenn man, wie Hr. H.,
die Gefühlsgründe mit AchſelzuFen abfertigt und ſich etwas
darauf weiß, daß man bei ſeiner Unterſuchung nur dem ſtrengen
Verſtande Gehör gibt, iſt das ſehr begreiflich und verzeihlich.
Das äſthetiſche Gefühl hat eben ſeine Adepten, die es weder
gelernt haben, noF lehren können ; was Wunder, wenn ſie den
Außenſtehenden lächerlih dünfen? So wie das religiös ge-
ſtimmte Gemüt dem vollfommen irreligiöſen, und wäre dieß das
beſte und edelſte, immer ein Gegenſtand ſpöttiſchen Mitleides
ſein wird. Aber nicht einmal den Ruhm kann man Hrn. H.
laßen , gezeigt zu haben, was man mit einem re ſtande ganz ohne äſthetiſches Gefühl leiſten kann: denn das ſei-
nige ſpricht do< bei Gelegenheit mit, es kennt z. B. (S, 144)
„in keiner Poeſie etwas Unwürdigeres und Widerwärtigeres“,

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