Allgemeine Schul- Zeitung.

Dienſtag , 9. Mai 18
Ueber Alexander von Humboldt.
Alexander von Humboldt, ein biographiſches Denkmal
von Profeſſor Dr. H. Klen>e. Mit dem Portrait A.
v. Humboldt's und einer Karte des Orinoco-Stromes.
Leipzig , OD. Spamer, 1851.
Das an äußeren und inneren Ereigniſſen ſo reiche Leben
eines der größten Gelehrten , des Stolzes der deutſchen Nation,
iſt uns in vorliegender Shrift mit vieler Liebe in einer ſchönen
und einfachen Sprache dargeſtellt; und welcher Deutſche möchte
auch“ nicht bei einer Lebensbeſ übertreffen? Der Humboldt'ſche Ausſpruß: „Mein Leben
ſucher in meinen Schriften“ mag es allerdings ſc einen zuſammenhängenden Faden in Humboldt's Lebensgeſchichte
zu erhalten; um fo bemerkenswerther iſt aber unſere genannte
Biographie , indem ſie das ſeither über ihren Gegenſtand Be-
kannte aus gewiſſen Quellen berichtigen und bedeutend erwei-
tern konnte, Statt aller weiteren allgemeinen Bemerkungen ſei
es uns erlaubt, Einzeles aus dieſer verdienſtvollen Schrift hev-
vorzuheben.
In der Einleitung iſt dex Standpunkt gewürdigt, auf wel-
hem Humboldt in feiner wiſſenſ iſt vielleicht hier der Ort, zu bemerken , daß Humboldt in dex
Biographie zuweilen zwar nicht überſchäßt , aber doH gegen an-
dere minder populär gewordene Gelehrte zu ſehr in den Vorder-
grund geſtellt ift. Freilich konnte ein Humboldt, der bei der
eminenten Gewandtheit ſeines Geiſtes ebenjo die Geſeke der
Sprachen untergegangenerx Indianerſtämme, wie diejenigen der
längſt nicht mehr wirkenden Naturkräfte vergangener Jahrtauſende
zu entziſſern vermochte, eine allfeitigere Anerkennung finden,
als z. B. Fresnel, der zwar ſelbſt nur dem Namen nach vie-
len Gebildeten unbekannt iſt, aber als Begründer der Undula-
tionstheorie als einer der größten Geiſter unter den Phyſikern
aller Zeiten von feiner Nachwelt verehrt werden wird. Das
Romantiſche einer Reiſe in die glühenden Regionen der mittäg-
lien Pflanzenwelt, von der Fedex Humboldt's dargeſtellt, iſt
allerdings mehr geeignet, in weitere Leſferkreifſe einzudringen,
als etwa die tief wiſſenſchafilichen Arbeiten eines Arago, Tho»-
mas Young 2, aber höchſtens vielleicht wegen der Vielſeitig-
keit feines Wiſſens dürfte es geſtattet fein , Humboldt den Kö-
nig der lebenden Gelehrten zu nennen.
Humboldt's Hauptverdienſt beſteht darin , daß er, nach einer
genauen Kenntniß des Cinzelen einer Naturwiſſenſchaft, fich auf
den philojophiſhen Standpunkt begibt und das Zerſtreute, das
Vieie, in Eins, in ein Syſtem zu bringen weiß. In der ver-
gleihenden CErdbej Wiſſenſchaft, vergleicht er die Bedingungen, welche die Exiſtenz
Der Thiere und Pflanzen an die Vertheilung der Wärme und
die klimatiſchen Verhältniſſe knüpfen, ähnlich wie der verglei-
hende Grammatifer, nachdem er mehrere Schweſterſprachen ge-
nau ſtudirt hat, den ihnen zu Grunde liegenden gemeinſamen
54. NN? 539.
Inhalt zu entziffern ſucht. Humboldt iſt, was feine Hydrogra-
phie, eine Beſchreibung der Gewäſſer des Erdballes, und ſeine
vielen Schriften geologiſmMen und geognoſtiſ fen, wol der genaueſte Kenner der Erdrinde. Er wurde der
Gründer einer neuen Wiſſenſ logie , indem er fämmtliche Einflüſſe, weſl tricitäts- Verhältniſſe auf den mit Klima bezeichneten Charakter
einer Gegend ausüben, in das richtige Licht zu ſtellen ſuchte,
bei welcher Gelegenheit er zuerſt eine genaue Kenntniß der iſo-
thermiſchen Linien vermittelte. So fand er 3. B., daß die
Orte, welche die höchſte mittlere Jahrestemperatur haben , nicht
ſammtlich auf dem geographiſchen Aequator liegen.
Indem A. v. Humboldt zum erſtenmale das Ganze des
GCrdbalies zeigte , wie es iſt, verſäumte er nicht, ſeine gewonne-
nen Reſultate aug mit der Geſchichte der Menſ bindung zu bringen und genau den Einfluß nachzuweiſen,
welchen flimatiſ Pflanzen, auf den Gang der Weltgeſchichte ausgeübt haben.
Auch verdankt man ihm die genaueſte Kenntniß der alten Be-
wohner Mexiko's und Pern's, und in ſeinem großen Reiſewerke,
der Frucht feiner Studien in Mittelamerika, erblickte der Euro-
päer zum erſtenmale Landſchaften , welche mit tiefſter Naturtreue
eine eigentlich künſtleriſche Auffaſſung, getragen von einer männ-
lichen , nirgends weichlichen Phantaſie , verbinden.
Wie fein Gebiet der Phyſik iſt, welches nicht Spuren yon
Humboldt's Thätigkeit aufzuweiſen hätte, ſo iſt auch die Lehre
vom Magnetismus nicht leer au8gegangen. Humboldt's Einfluß
erleichterte ihm, die mit dem Erdmagnetismus ſich beſchäftigen-
den Gelehrten zu einer großen gemeinſamen Thätigkeit anzuſpor-
nen, und hauptſächlich durch ſeine Vermittelung und die wiſſen-
ſchaftliche Thätigkeit unferes großen Gauß gelang es, die
ganze Erde mit einem Netze magnetiſcher Obſervatorien zu um-
ziehen. == Eine möglichſt ausgebildete Theorie der Vulkane und
Erdbeben , welhe Humboldt auf ſeinen Reiſen ſo vielfach zu
beobachten Gelegenheit hatte , iſt fein Wert. -- Endlich noh,
wie unfer Biograph ſim ausdrü&t, hinterläßt Humboldt der
Menſchheit ein Vermächtniß, gleichſam ein Reſume ſeiner in der
Wiſſenſchaft mit jo vielem GlüFe gewonnenen Reſultate, in
feinem Kosmos, einer phyſiſchen Weltbeſchreibung. Freilich war
nur ein Humboldt vermögend, die anſcheinend nur für Einge-
weihte zugänglihen Partieen dem größeren Publikum in ſeiner
klaren, einfa ſhaft iſt im Stande, allen gelehrten Bombaſt von ſich zu
werfen.
Man glaubt die Werke einer ganzen Akademie nennen zu
hören , wenn man die Titel vernimmt: Vues des Cordilldres
et Monumens des Peuples indigdnues de VAmerique. --
Es3a2i politique Sur 1e royaume de 1a nouvelle Espagne et
Sur VisSle de Cuba. -- KEssal Sur la geographie des Plantes.
-- Prolegomena de distributione geographica plantarum S8e-
cundum coeli temperiem et altitudinem moptium. -- Essai
Sur le gisement des roches dans les deux hemisphetres. --
Sur les lignes iSothermes. = Examen critique de Thistoire

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.