Allgemeine Schul- Zeitung

Dienſtag, ; 30. Mai

Die Berbindung von Geographie und Naturgeſchichte
im Volksſchulunterricht.
(Vgl. Allg. S<. 3. Nr. 20, 41, 45) -
IY.
Der Wald.
| (Shluß.)
b) Der Wald in der Heimat.
Es iſt Frühlingszeit. Der Wald blüht und glänzt von
tauſend Farben; die lauen Winde ſ der Bäume und flüſtern und erzählen ſich die luſtigſten Schwänke;
die Vögel jubiliren, als ſei es ſtändig Feiertag, und Morgen
und Abend ſtreuen ihre ſtralenden Perlen ſo verſchwenderiſch
auf den Teppich des Bodens aus, daß ein Cröſfus ſelbſt nicht
auffommen kann gegen ſol es jo verlofend aus demſelben herüber: -
komm her, verlaß das Marktgeſcrei,
verlaß den Gram, der fich dir hallt
um's Herz, und atme wieder frei: =-
fomm her, hier in den grünen Wald!
Und was iſt es denn eigentlich, was uns das Waldreich
jo angenehm macht; worin liegt der Zauber, womit es uns ſo
jehr feſſelt ? (Es iſt jene ſelige Verſchollenheit, 'in die man
verſinkt, wenn man, in ſeinem Schatten lagernd, dem Spiel
der beweglichen Blätter, den am blauen Himmel hinziehenden
weißen Wölkchen, der Emſigkeit der Ameiſen und Laufkäfer,
dem märchenhaften Dunkel des Tannengrundes, der im Be-
wußtſein ihrer Kraft ho< um ſich ſchauenden Eiche zuſieht,
und die das Alltagsleben aus der Erinnerung löſ fommt das Wolthuende des Grüns, das Angenehme des
Schattens und der Kühlung , die mannichfaltige Beleuchtung
und das wechſelnde Helle oder durhaus Dunkle, die Stille,
welche in ihm wohnt,
und das Shöne der Baumform, welche in tauſend eigentüm-
lihen Veränderungen auſtritt, Kühn ſteigen die ſchlanken
Säulen hinauf und treten zu ſtolzen Hallen zuſammen 3 dar-
überhin ſchlagen die Wipfel den luftigen Bogen, und wie
ein ferner Hymnus ſäuſfelt das Wehen des Windes in die
Stille, Ihm zu lauſchen, war von jeher der Deutſchen Sitte,
Die Ehrfurcht vor dem Schatten ihrex Wälder, vor dem Rauſchen
ihrer Kronen, vor dem Geſang ihrer Vögel in den Wipfeln,
vor dem Rieſjeln ihrer Quellen iſt den germaniſ geblieben ; immer und immer zog es fühlende Seelen an die
Quelle und unter den Baum , ihren. Cingebungen zu horen.
Hor lihen Laubwald!
Freundlich bricht ver Stral der Sonnen.
dur< der Bu dicht von Ranken überſponnen
blinkt im Grunde hell der- Bach.
1894.
ihre Unterbrehung dur<4 Vogelgeſang, .
Ns 64.
Ho< im Laube ſingt die Meiſe
und des Spechtes Klopfen ſc aus der Ferne dumpf und leiſe
ruft der Ku >uk durch den Wald.
Und der Schmetterling im Grünen
ſc eifrig ſummen blanke Bienen
um der Blumen friſ Wo die alte, ſchwere Eiche
ihre NRieſenwurzeln ſtrest ,
iſt der Siß, der kühle, weiche,
mit des Mooſes Sammt beſeßt.
Laßt uns ſißen hier und ſäumen
in der lehensvollen Nuh,
laßt uns an den ſ aufwärts ſchauen, himmelzu !.!)
Siehe dieſe kräftige Eiche, wie ſie tief und breit ihre
Wurzeln in den Boden ſ ihren Wipfel erhebt! Mark und Fülle zeigt ihr Wuchs; wie
ein undurchdringlicher Harniſch legt ſich ihr die tiefdur Rinde um Leib und Glieder; zornig zu&en ihre knorrigen
Aeſte, und wo der Nordwind ſeine Speere gegen den Cichen-
ſtamm ſchleudert, de>t ihn die zottige Mooshülle mit dichtem
Scilde,. So ſteht. ex da, der Baum der Stärke, als der
graue Wälderkönig, den der Adler ſucht und der Held zum
Bilde nimmt. Es treibt ihn .
hinauf in den Himmel zu ragen,
his über die Wolken die Krone zu tragen,
ſtets höher zu wachſen Jahrhunderte fort. *)
Das iſt die deutſ< e Ciche, die Sagenruine der Vorzeit,
an der die Phantaſie ſinnend die Markſteine der Geſchichte zu-
rüdzählen kann. Und wenn fie es thut, unwiderſtehli< drängt
fi ihr dann des Dichters 3) Wort auf:
Deutſches Volk, du herrlichſtes von allen,
deine Eichen ſtehn, du biſt gefallen.
Do hinweg von dieſem ernſten Bilde, hinüber
auf das heitere der Buchen! In Jugendkraſt, leiht und do<
ſtolz, wie aus Stal, ſteigt der runde Schaft hinauf. Glatt.
und dicht umſchließt ihn die filbergraue Rinde, von keinem
Mooſe benagt, und wo es geſchieht, zu dem Sammtgrün des-
ſelben freundlich kontraſtirend. Faſt meint man daran die
Härte des Holzes zu erkennen, das in der knappen Bekleidung
gleichſam na&t erſcheint und in ſeinen Anſ Bild eines muskelſtraſfen Armes gibt. Aſt und Zweig treten
erſt in der Höhe hervor, ſie greifen ſcharfliniht aus und
drängen ihre Fächer zu einem einzigen Gewölbe zujammen.

1) Edmund Höfer. == 2) Adolf Stöber. == 3) Theodor Körner. -

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