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Das fiumpfeiförmige Blatt bildet dachartige Sichten, die
ſpiß auslaufen, oder es fliegt flo>ig auseinander , ohne in
Maſſen zu verſchmelzen. Feſtgewebt und an den kurzen Stiel
geheftet, gibt es ſic) nicht zum leihten , tönenden Spiel des
Windes. *)
Dort auf ſandigem Hügel hat ſih das muntere Völkchen
der Birken aufgeſtellt. In leichtgeſchwungener, oft anmutig
geſchlängelter Linie ſteigt ihr ſchlanker, gerundeter Stamm hin-
auf, nach oben ſchwach gebogen, doh mit geſchmeidiger Härte
der Gewalt der Elemente widerſtrebend. Graubemooste Fur-
en zerreißen unten die glatte, atlasartige Rinde, die aus dem
Blättergrün hervorleu als wäre dran aus heller Nacht
das Mondlicht blieben hangen, **)
Kein mächtiger Aſt tritt aus dem zähen Holz, vielmehr
fällt .ringsum ein zierliches Reiſerneß in langen Flechten herab,
das ſich kaskadenartig und immer lo&erer aufbaut, bis die
Krone wie in einem Federbüſchel endet. Und nun dieſer
dämmernde Laubſhein drüber hin! Dieſer zarte , durchſichtige
Schleier , der immer ſ ſchmiege ſih ſc Ihnen geſellt ſich eine einſame Espe, ewig bebend und
flüſternd in der übrigen Ruhe des Waldes. Iſt es der Fluh,
welcher ſie traf, als ſie in ho vor dem Herrn niht neigen wollte, und der ſie nun nicht
ruhen und nicht raſten läßt; oder iſt es die Trauer, welc ſie durchzieht und ängſtlich beben macht? Erſteres behauptet
die fromme Legende , leßteres der Dichter :
--“ =- ihr ſc denket des Winters im Lenz, denket im Leben des Todsz
und kein Vogelgeſang und keine Blüte des Frühlings
ſichert zur Freude ihr Herz, weil es des Leides gedenkt. 73*)
Verlaßen wir nun unſeren Moosſik, um tiefer in das Wal-
desdunfel einzutreten!
Es iſt ein Plaz im Walde,
ſah feinen ſtillern je,
da ruht ein einſam Waßer,
Das iſt der ſchwarze See.
Die dunkeln Waßer hüllen
in ew'ge Nacht ſich ein
und wißen nicht von Sonnen-,
von Mond - und Sternenſc Da wiegt ſich keine Blume
auf ſeinem dunkeln Flor,
da flüſtern nie die Wellen da wird dir ſchwer das Herze
dur Eine ehte Erlkönigslandſchaft! Ueberall weht ein unheim-
lim moderiger Atem. Ein düſteres Brüten liegt über der
Natur und beklemmt das Gemüt: ſtill träumen die Bäume.
Nur dann und wann wirft ein matter Stral ſeinen Schein
Rings ſchaun die düſtern Erlen
ſo ſ als fehrt bei ihnen nimmer
Ein Vöglein ſingend ein,
ais wüßten ſie nichts vom Lenze
und ſeinem Lächeln klar, --
mit ihrem See da drunten
trauern ſie immerdar.
- Das iſt der Plaß im Walde,
weiß keinen ſtillern wo:

+) Vgl. hiermit die poetiſche Scilderung der Dude von W. Oſter-
wald in dieſen Blättern S. 284.
-XZE) Nikolaus Lenau. -
*E*) W. Oſterwald. =- S<, Z. S, 285.
1» Edmund Höfer. .
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auf die Waßer, die wie mit hundert Polypenarmen die ein-
ſamen Strauch? und Buſchinſeln umſchlingen. Keine Blume
ſchmüdt das Ufer; vereinzelt nur ragen in ſhmußigem Grau-
grün die ſteifen, ſtruppigen, rundlichen Stengel und Blätter
der Binſen empor, theilweiſe Knäul zer, trofener Blütchen tragend.
Heiterer freilich wirken die Erlen am kühlen Waldbache
entlang. Sie gewinnen eine lebensfriſchere Geſtalt, Zweige
und Blätter wölben ſich zu ſchattigen Schirmen und dienen
-- wie der ſ zur Folie. -- Ihnen verbindet ſich die Weide, am Dorfe
nur verſtümmelt, mit plumpem Stamm und geſchorenem Haupt,
hier troß der ſc Die biegſamen, rutenförmig auseinanderſtehenden Blätter ſchla-
gen raſtlos ihre dunkelhellen Wellen und bilden eine breit-
fkuppelige Krone.
Aber wir haben jeßt genug hinauf geſhaut an und nach
den Bäumen und darüber das reihe Blumenleben zu un-
ſeren Füßen ganz unbeachtet gelaßen. Und ſie ſehen ſo zart
aus, die Blüten des Waldes, kein Falſch blift aus ihren
hellen, ſ Kleidchen, ſhimmernd wie der reinſte Alpenſ einem Bli> ſo klar, ſo heiter und unſ iſt, als ſei er aus den Wolken des Himmels herabgeſc um lauter Freude und Seligkeit der Erde zu bringen , ſteht
das Maiblüm die GloFenblume, von einem lichtblauen Mäntelchen um-
hüllt. Beide ſchwingen zierlihe Stengel mit hellklingenden
GlöFchen in den zarten Händen, und um ſie herum drängt
ſich ein reicher Kreis der mannichfaltigſten Geſtalten, licht und
dunkel, heiter und ernſt, bunt und einfach. = Tief im Wal-
desſ ſehnſuchtsbleich , das Angeſicht
hebt ſie nam des Himmelslicht, *)
Das Geisblatt läßt ſeine Ranfen
im Winde ſc wie liebliche Träume
die ernſten Bäume
umſc mit hellen Farben umgeben. *)
(CS zieht wie die Freude im ſchimmernden Gewand durch
das Dunkel des Waldes , berauſchenden Duft ſeinem Kelche
entjendend.
An dem Felſen, grau bemoost,
blüht der kleine Augentroſt.
Sieh' ſein helles Stern und dir Troſt in's Herze winken. 1)
Dort am dürren Raine ſtet der Fingerhut die Kerzen
auf,
ſeine Glö> läuten dir vom bleichen Tod, 1)
Mit ihnen ſc Boden, aber
wie könnt' i< all! ſie zählen,
die zarten Blumenſeelen
im bunten Sommerkleid? ?)

1) Katharina Dieß. =- 2?) EG. M. Arndt,

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